Die großen Chiphersteller können sich vor Auftragseingängen kaum retten. Überall in der Welt werden Rechenzentren für die Künstliche Intelligenz (KI) aus dem Boden gestampft. Wer die wichtigen Chips, Prozessoren und anderen Bauteile dafür herstellt, kann wie Samsung Electronics, SK Hynix oder TSMC derzeit ein Rekordquartal nach dem anderen verbuchen. Doch auf einem der wichtigsten Treffen der Branche, der Semicon in Südkoreas Hauptstadt Seoul, ist von Feierstimmung nicht viel zu spüren.
Ganz im Gegenteil: Die Industrie steht unter Stress. Zwar meldet der Marktforscher Gartner, dass die Branche schon in diesem Jahr – viel früher als bisher erwartet – die Umsatzmarke von einer Billion Dollar durchbrechen und im Jahr 2030 sogar 1,3 Billionen Dollar einspielen könnte. Doch viele Branchenvertreter auf der Eröffnungskonferenz zeigten sich ungewohnt skeptisch, ob die Chiphersteller mit den immensen Anforderungen der KI-Pioniere wie Nvidia, Google oder Microsoft mithalten können.
Droht eine „Ära von Problemen“?
Die bisherigen Technologiefortschritte, die vor allem durch eine immer weitere Verkleinerung der Abstände auf den Halbleitern erreicht wurden, sind mit den zuletzt erreichten zwei Nanometern weitgehend ausgereizt. Jetzt müssen die Chips in mehreren Schichten gestapelt werden, neue Materialien und Methoden müssen her. Gleichzeitig müssen der Energiehunger und die Wärmeabsonderung der im Zaum gehalten werden.
„Die nächsten zehn Jahre werden eine Ära sein von Problemen, die wir nie zuvor gesehen haben“, sagte etwa Sunghoon Lee, Chef der Entwicklungsabteilung von SK Hynix, zur Eröffnung der Konferenz. Fast schon wehmütig blickte er zurück auf die „glücklichen Tage“ vor zehn, zwanzig Jahren, als Chips vor allem für PCs und Handys gebaut wurden. „Damals war die Technologie fertig, und man musste nur hier und da etwas hinzufügen, um sie zu verbessern. Man musste nur die richtige Technologie zur richtigen Zeit auswählen.“ Die neuesten Chips seien nun sehr viel komplexer geworden. „Das Spiel heißt jetzt nicht mehr nur Skalieren.“
Warnung vor steigenden Preisen
Schon jetzt sind herkömmliche Speicherchips für Smartphones, Fernseher und Waschmaschinen knapp, weil sich die großen Hersteller lieber auf das lukrative Geschäft mit den KI-Chips konzentrieren. Vielfach wird auf der Messe die Warnung wiederholt, dass das schon bald die Preise für Elektrogeräte in die Höhe treiben dürfte.
„Die aktuelle Marktlage zeigt, dass die Branche noch gar nicht bereit ist für KI-Rechenzentren“, sagt Tien Wu, Chef des taiwanischen Unternehmens Advanced Semiconductor Engineering (ASE) und spricht eine Warnung aus für allzu große Erwartungen an die nächste KI-Revolution durch humanoide Roboter in Fabriken: „Wir sind ganz sicher noch nicht bereit für physische KI.“ Manche sprächen schon davon, dass bald Millionen von Humanoiden eingesetzt würden. „Stellen Sie sich mal vor, wie viel Speicher dafür benötigt würde.“
Aufruf zu engerer Zusammenarbeit
Tien Wu ist ein alter Hase der Halbleiterindustrie, seit 40 Jahren im Geschäft, und sein Unternehmen ASE sitzt an einer zentralen Stelle der Branche: Als größter unabhängiger Assembler setzt es die Rechen- und Speicherchips sowie andere Einzelteile zu Paketen zusammen, die dann die aufwendigen Rechenaufgaben der KI bewerkstelligen können. Da die Anforderungen längst zu groß sind für einzelne Chips, wird solches „Advanced Packaging“ immer wichtiger.
So beschwören Wu und mehrere andere Redner auch eine stärkere Zusammenarbeit in der Branche, bis hin zu Zusammenschlüssen kleinerer Unternehmen. „Die steigenden Kosten und wachsende Komplexität werden die Konsolidierung in der Branche vorantreiben“, sagt Wu. „Die Industrie übt einen enormen Druck auf Firmen wie uns aus, so schnell zu laufen wie wir können. Und wenn du hinfällst, bist du ganz schnell raus aus dem Geschäft.“ Die Industrie müsse sich überlegen, wie sie gemeinsam mit der rasant gestiegenen Nachfrage umgehe.
Eine engere Zusammenarbeit der Unternehmen sei auch wegen des wachsenden Fachkräftemangels in der Branche nötig. Boyd Phelps, Geschäftsführer des Chipdesigners Cadence, weist daraufhin, dass es bis zum Jahr 2035 nur 20 bis 25 Prozent mehr Halbleiter-Fachleute geben soll als heute. Das reiche nicht aus, um mit dem erwarteten Nachfrageschub mitzuhalten. Da auch viele Mitarbeiter in der Halbleiterbranche langsam ins Rentenalter kommen, rechnet Phelps mit einer Verdoppelung des Fachkräftemangels im gleichen Zeitraum. Die Branche müsse ihre Prozesse also selbst mehr und mehr automatisieren und nicht zuletzt mit dem Einsatz von KI effizienter werden.
„Wir müssen uns als Industrie viel schneller bewegen und effizienter werden“, sagt auch Tim Archer, Vorstandsvorsitzender von LAM Research, einem Hersteller von Anlagen und Geräten für die Halbleiterindustrie. „Alle technologischen Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte haben dazu geführt, dass Chips im Zentrum unserer Leben stehen“, sagt er. Die Branche habe sich daran gewöhnt, den Fortschritt mit immer besserer Technologie zu ermöglichen. „Aber heute ist es ein bisschen anders. Die zusätzliche Nachfrage, die zwischen jetzt und dem Ende des Jahrzehnts auf uns zukommt, ist so hoch wie noch nie.“