Die Welt hat lange gebraucht, um zu verstehen, welch scharfes Schwert China im Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten gezückt hat. Als die Volksrepublik im Frühjahr die Ausfuhr sogenannter Seltener Erden verschärfte, war die Sorge vor allem unter Fachleuten und Industrievertretern groß, dass die Versorgung mit unersetzlichen Rohstoffen gefährdet werden könnte. Doch mit der Ankündigung neuer Exportkontrollen vor wenigen Tagen, die de facto auf einen weitreichenden Lieferstopp hinauslaufen, lässt sich die Dringlichkeit nicht mehr verdrängen.
Um es klar zu sagen: Ohne Seltenerdmetalle aus China droht dem Rest der Welt der Rohstoff für den Wohlstand auszugehen. Sie bilden die Basis für industrielle Wertschöpfung, ohne Seltene Erden und daraus gefertigte Produkte wie Permanentmagnete fällt die Aufrüstung genauso flach wie die Energiewende, fehlen Halbleiter, Smartphones und Medizintechnik. Die Lage ist ernst wie selten zuvor.
China hat sich diese strategische Machtposition mit erstaunlicher Weitsicht über Jahrzehnte erarbeitet. Im Vertrauen auf eine irreversible Globalisierung spezialisierten sich Europäer und Amerikaner auf hochwertige Fertigungsschritte in der internationalen Arbeitsteilung, das margenschwache und schmutzige Geschäft mit dem Abbau von Erzen und vor allem deren Weiterverarbeitung überließ man gerne den Chinesen. Heute verfügt China nicht nur über das Gros der nötigen Raffinierkapazitäten, sondern auch über die nötige Verfahrenstechnik. Mehr als 90 Prozent der globalen Seltenerdproduktion stammt aus China, bei der wichtigen Untergruppe der schweren Seltenen Erden noch mehr.
Durchwursteln ist angesagt
Die bittere Erkenntnis lautet: Kurzfristig gibt es kaum Auswege aus dieser Abhängigkeit. Deshalb ist Durchwursteln angesagt. Unternehmen kaufen panisch am Markt zusammen, was eben geht. Das wird aber nicht lange reichen. Sollte China von November an wie geplant die Zügel anziehen, sind Produktionsstopps unausweichlich. Deshalb wird Diplomatie gefragt sein in den Hauptstädten, müssen Staats- und Regierungschefs sowie EU-Vertreter versuchen, Peking milde zu stimmen. Das ist kein ganz aussichtsloses Unterfangen, denn China ist darauf angewiesen, sich im Zollstreit mit Amerika nicht den Zugang zu wichtigen europäischen Exportmärkten für seine Autos und Maschinen zu zerstören. Außerdem muss es heimische Rohstoffproduzenten stützen, die nun auf ihren Waren sitzenbleiben. Das vielleicht stärkste Argument: Peking kann kein Interesse daran haben, dass sich der Rest der Welt echte Alternativen aufbaut. Dann würde sein Schwert stumpf werden.
Genau das muss aber geschehen. Die USA haben den Schalter längst umgelegt. Gerade unterzeichnete Präsident Donald Trump ein milliardenschweres Rohstoffabkommen mit Australien. Auch in Zeiten von Rekordverschuldung und Shutdown pumpt Washington Milliarden in den Aufbau eigener Rohstoffketten, steigt mit brachialer Konsequenz in Unternehmen ein. Während Amerika seine Claims absteckt, droht Europa hinten runterzufallen. Zwar hat die EU einen „Critical Raw Materials Act“ auf den Weg gebracht, doch rasches Handeln ist jetzt wichtiger denn je. Immerhin scheint die Dringlichkeit erkannt: Nach Informationen der F.A.Z. arbeitet die EU-Kommission mit Industrievertretern an einem Sofortprogramm.
Europa muss mit Weitsicht definieren, woher es kritische Rohstoffe beziehen will. Die Liste geht weit über Seltene Erden hinaus. Sollten private Unternehmen in neue Minen und Raffinerien investieren, werden befristete Abnahmegarantien nach US-Vorbild zum Thema werden. Denn in der Vergangenheit hat China solchen Projekten gern den Garaus gemacht, indem es die Märkte gezielt mit billigen Rohstoffen geflutet und damit die Rentabilität untergraben hat. Für solche Szenarien sollten die EU oder einzelne Staaten sogar über die Rolle eines „Market maker“ nachdenken, der bei bestimmten Tiefpreisen als Käufer auftritt und die Reserven bei Engpässen wieder auf den Markt wirft. Ein ungewöhnlicher Schritt, doch Notlagen kennen keine Denkverbote.
Nur mit dem Aufbau alternativer Bezugsquellen werden Unternehmen in der Lage sein, ihre Lieferketten zu diversifizieren und sich aus Chinas Klammergriff zu befreien. Die gute Nachricht lautet, dass es auf der Welt genügend Vorkommen gibt. Dass dies Geld kostet, steht außer Frage. Doch der Verlust industrieller Kernsubstanz kommt Europa noch viel teurer. Das schlechteste Szenario wäre eine teilweise Entspannung mit eingeschränkten Lieferungen an Seltenen Erden aus China, die gerade eben ausreichen, um das Thema auf der politischen Agenda aus den Top-Rängen abrutschen zu lassen. Denn die nächste Versorgungskrise kommt bestimmt.