Seltene Erden: Brasiliens geopolitischer Hebel liegt unter dieser Erde

In der ländlichen Weite des Bundesstaates Goiás, nahe der Kleinstadt Minaçu, klaffen Gruben und Terrassen in der roten Erde. Hier betreibt das Unternehmen Serra Verde die derzeit einzige aktive Mine Brasiliens, die sich ausschließlich der Gewinnung von Seltenen Erden widmet. Die Lagerstätte „Pela Ema“ ist auf der ganzen Welt einzigartig. Sie ist die einzige Quelle außerhalb Asiens, die signifikante Mengen der besonders wertvollen „schweren“ Seltenen Erden wie Dysprosium und Terbium im industriellen Maßstab produzieren kann.

Diese Elemente sind für die moderne Hochtechnologie unverzichtbar, denn sie machen Magnete in Elektroautos, Windturbinen und Lenkwaffen hitzebeständig und leistungsfähig.

Chinas Monopol brechen

Doch hinter dem geschäftigen Treiben in der Grube verbarg sich lange ein geopolitischer Widerspruch, der die Abhängigkeit des Westens offenlegte. Obwohl das Projekt massiv von amerikanischen Investoren finanziert wurde, landete die Produktion bisher fast vollständig in den Fabriken Chinas. Das hat sich nun schlagartig geändert. Am Montag hat das US-Unternehmen USA Rare Earth die komplette Übernahme von Serra Verde für 2,8 Milliarden US-Dollar bekannt gegeben. Dieser Deal, der massiv von der US-Regierung gestützt wird, ist der bisher aggressivste Versuch Washingtons, das chinesische Monopol zu brechen.

Die Volksrepublik hat über Jahrzehnte eine Monopolstellung zementiert und kontrolliert heute fast 90 Prozent der globalen Raffineriekapazitäten. Selbst wenn der Rohstoff in Brasilien gefördert wird, führte der Weg zur Veredelung bisher nahezu zwangsläufig über Asien, da im Westen die industriellen Anlagen zur Trennung der komplexen Metalle fehlten.

Die Gefahr dieser Abhängigkeit wurde im Jahr 2025 zur Realität, als China erstmals Exporte einiger Elemente rationierte und so in westlichen Industrien für deutliche Produktionsausfälle sorgte. Auch der Rohstoff aus Brasilien ging nach China, das der einzige Abnehmer war, der das Produkt verarbeiten und trennen konnte. Um diesen „Flaschenhals“ zu umgehen, sieht der neue Übernahmevertrag vor, dass die USA für die kommenden 15 Jahre 100 Prozent der Produktion von Serra Verde erhalten – und damit direkten Zugriff auf die vier wichtigsten magnetischen Erdmetalle Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium. USA Rare Earth verfolgt dabei die Strategie „Von der Mine bis zum Magneten“, um eine komplette Wertschöpfungskette außerhalb der chinesischen Einflusssphäre aufzubauen.

Brasilien sitzt auf einem Schatz

Brasilien ist einer der wichtigsten Eisenerzproduzenten der Welt. Doch auch als Lieferant von Bauxit, Nickel, Grafit und Niob spielt das Land eine wesentliche Rolle. Lithium und Kupfer werden in Brasilien ebenfalls zunehmend gefördert. All diese Rohstoffe gelten als „kritisch“, das heißt, sie sind wirtschaftlich von großer Bedeutung, werden jedoch nur von wenigen Ländern produziert. Brasilien besitzt rund zehn Prozent der Reserven an kritischen Mineralien auf der Welt.

Auch Brasiliens Reichtum an Seltenen Erden geht weit über die Lagerstätte „Pela Ema“ hinaus. Brasilien sitzt auf einem Schatz, der die internationale Versorgungsarchitektur verändern könnte. Mit einem Anteil von 19 bis 23 Prozent der Reserven auf der Welt rangiert das Land direkt hinter China an zweiter Stelle. Experten sehen Brasilien als potentiellen „Gamechanger“, da die dortigen Vorkommen in ionischen Tonen technisch leichter zu erschließen sind als in Hartgesteinsminen in anderen Regionen der Erde.

Dennoch ist dieses Potential bisher weitgehend ungenutzt geblieben. Im Jahr 2024 trug Brasilien trotz seiner gewaltigen Reserven nur ein Prozent zur Produktion auf der Welt bei. Julio Nery, Direktor für Bergbauangelegenheiten des brasilianischen Bergbauinstituts IBRAM, unterstreicht die Dringlichkeit: „Die Energiewende ist ohne Bergbau nicht möglich. Es braucht viel, sehr viel Mineralien. Und auch Seltene Erden“, sagte er in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz mit ausländischen Journalisten. Die Branche erwartet bis zum Jahr 2030 Investitionen von rund 77 Milliarden Dollar, wobei mehr als 20 Milliarden Dollar allein auf den Bereich der Seltenen Erden entfallen sollen. Mauro Sousa, Generaldirektor der brasilianischen Nationalen Bergbaubehörde ANM, ergänzte, dass diese Rohstoffe Brasilien nun die „Aufmerksamkeit der Großmächte“ sicherten.

Brasilien will mehr Wertschöpfung im Land

Wegen der eskalierenden Handelskonflikte mit Peking hat Washington Brasilien als Schlüsselpartner identifiziert. Ein entscheidender Vorläufer der Milliardenübernahme war eine Kapitalspritze der US-Entwicklungsbank DFC in Höhe von 565 Millionen Dollar für Serra Verde, die erstmals Mechanismen enthielt, mit denen die USA den Bestimmungsort der Produktion beeinflussen können.

Doch die brasilianische Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva reagiert mit demonstrativer Kühle auf das amerikanische Drängen. Einem hochrangigen Forum in São Paulo, zu dem die US-Botschaft geladen hatte, blieb die Regierung fern. Und auf den Verkauf von Serra Verde an USA Rare Earth reagierte Lula empfindlich. Er warf dem Gouverneur von Goiás vor, seine Kompetenzen überschritten zu haben, und bezeichnete den Deal als eine „Schande“.

Carlos Leonardo Durans, leitender Direktor im brasilianischen Industrieministerium, erklärt diese strategische Positionierung: „Brasilien ist eine Alternative zu China. Unsere Türen sind offen. Doch wir sind reifer geworden und wollen Wertschöpfung im eigenen Land schaffen, statt nur Rohstoffe zu exportieren.“ Durans betont, dass sich Brasilien nicht auf eine Seite ziehen lassen werde. Die Wertschöpfung im eigenen Land sei das oberste Ziel. Man fühle sich durch den US-Druck nicht in die Enge getrieben, sondern sehe die eigene Stärke. „Alles, was in Brasilien produziert wird, wird nicht in China produziert“, sagt Durans, der von „Friendshoring“ spricht.

Streit um Pläne für einen Staatskonzern

In Brasilia reift der Plan, die Kontrolle über die strategischen Ressourcen durch eine neue, aktive Industriepolitik zurückzugewinnen. Das Ziel ist der Aufbau einer kompletten Wertschöpfungskette im eigenen Land, von der Mine über die Raffinerie bis hin zur Produktion von Magneten. Ein brasilianisches Labor hat in diesem Jahr Tests aufgenommen, um die Herstellung von Hochleistungsmagneten aus den in Brasilien geförderten Rohstoffen herzustellen. Während die USA verpflichtende Verarbeitungsquoten vor Ort ablehnen, sieht die brasilianische Regierung darin die einzige Chance, nicht abermals in die Rohstofffalle zu tappen.

Mauro Sousa sagte auf der Pressekonferenz, dass derzeit verschiedene Gesetzesentwürfe im Kongress behandelt würden, die sich mit Seltenen Erden und kritischen Mineralien befassen. Sousa erwartet, dass innerhalb der kommenden zwei bis drei Monate eine nationale Politik für kritische Mineralien vorgestellt werde: „Wir müssen einen klaren Rahmen schaffen, um Sicherheit für Investoren zu schaffen.“

Wirtschaft warnt vor staatlichen Interventionen

Für Diskussionen sorgt ein von linker Seite eingebrachter Vorschlag zur Gründung eines neuen Staatsunternehmens namens Terrabras sowie eines Teilungsregimes nach dem Vorbild des Ölsektors, bei dem der Staat direkt mit mindestens 50 Prozent an den geförderten Mineralien beteiligt würde. Die Befürworter argumentieren, dass nur so die nationale Souveränität gesichert werden könne. Der Privatsektor hingegen reagiert besorgt. Julio Nery warnt, dass die Entwicklung von Bergbauprojekten ohnehin aufwendig sei und viel Zeit brauche. „Wir sind dafür, dass die Privatwirtschaft diese Entwicklung übernehmen soll, nicht ein Staatskonzern“, stellt Nery klar.

Durans aus dem Industrieministerium beschwichtigt. Man wolle Investitionen erleichtern und Wertschöpfung schaffen, doch bisher habe es innerhalb der Regierung keine Diskussion über die Gründung eines staatlichen Unternehmens für kritische Mineralien gegeben: „Das politische Risiko ist gering. Die Investitionen kommen bereits.“

Auch ohne Staatskonzern entwickelt sich das Thema der Seltenen Erden zu einem politischen Zankapfel, besonders mit Blick auf die Wahlen im Oktober. Lulas ärgster Herausforderer Flávio Bolsonaro, der Sohn des inhaftierten ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, wirbt für eine enge Allianz mit Washington. Lula griff ihn jüngst direkt an und warf ihm vor, Seltene Erden „wie Öl verkaufen“ zu wollen, und er nutzt das Thema, um sich als Verteidiger der nationalen Souveränität gegen „imperiale“ Bestrebungen zu positionieren und US-Präsident Trump die Stirn zu bieten.

Brasilien hat erkannt, dass sein Reichtum an Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen ein geopolitischer Hebel ist. Die Bestätigung lieferte Trump gleich selbst. Dieser hatte Brasilien im vergangenen Jahr zunächst mit massiven Strafzöllen belegt, was er unter anderem mit dem Strafprozess gegen Bolsonaro begründet hatte. Später nahm er die Zölle größtenteils wieder zurück, hob die Sanktionen gegen brasilianische Richter auf und sprach in den höchsten Tönen von Lula. Die Vermutung liegt nahe, dass Trumps plötzliche Sympathie für den linken Brasilianer weniger politisch motiviert ist, sondern vielmehr mit Brasiliens strategischer Bedeutung als Alternative zu China zusammenhängt – eine Bedeutung, die durch den Milliardendeal von USA Rare Earth weiter untermauert wurde.

AllianzAsienBergbauBolsonaroBrasiliaBrasilienCarlosChinaDollarDreiElektroautosEnergiewendeEntwicklungExpertenExporteFabrikenGrubeInvestitionenJairJournalistenKongressKupferLangeLeonardoLula daMANMetalleMineralienNickelÖlPekingPolitikProduktionRegierungReichtumRichterRohstoffeSelbstSeltene ErdenSicherheitSilvaStreitTrumpUnternehmenUSUS-DollarUSAWahlenWashingtonWELTWillWirtschaftZeitZölleZur