Andrij Jermak galt als rechte Hand des ukrainischen Präsidenten Selenskyj – jetzt hat er seinen Rücktritt eingereicht. Am Morgen hatten die Antikorruptionsbehörden seine Wohnung durchsuchen lassen.
Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak, ist zurückgetreten. Am Morgen hatten Anti-Korruptionsermittler im Rahmen laufender Ermittlungen seine Wohnung durchsucht. Nun legte Jermak seine Rücktrittserklärung vor, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft mit. Er werde am Samstag mit einem möglichen Nachfolger für Jermak beraten. „Ich möchte, dass es keine Gerüchte oder Spekulationen gibt“, unterstrich der Staatschef.
Der Hintergrund der Durchsuchungen bei Jermak ist noch nicht offiziell bekannt. Oleksij Tkatschuk, ein Sprecher Jermaks, sagte, die Antikorruptionsbehörden hätten dem Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros keine Mitteilung zugestellt, wonach er als Verdächtiger einer Ermittlung eingestuft werde. Jermak selbst teilte in sozialen Medien mit, er wolle kooperieren.
Jermak leitete das Präsidentenbüro seit dem Februar 2020 und galt bisher als der zweitmächtigste Mann in der Ukraine. Sein erzwungener Abgang wird von Beobachtern auch als harter Schlag für Selenskyj gewertet, dem ein langjähriger Vertrauter abhandengekommen ist.
Zentrale Figur bei Friedensgesprächen
„Es muss ein turbulenter Tag im Präsidialamt gewesen sein“, sagt ARD-Kiew-Korrespondent Vassili Golod. Kritik an Jermak habe es bereits seit längerem gegeben. In seiner Position habe er große Macht auf sich vereint, weshalb ihm häufig vorgeworfen worden sei, er müsse mindestens von den Korruptionsvorfällen gewusst haben, so Golod. „Dennoch hat Selenskyj sehr lange an ihm festgehalten. Der Druck ist offenbar so groß geworden, dass das nicht mehr ging.“
Jermak gilt auch als eine der zentralen Figuren bei den laufenden Verhandlungen mit den US-Amerikanern um ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Auch daran gab es Kritik – sowohl aus der Opposition als auch aus der Zivilgesellschaft. Große Veränderungen bedeute Jermaks Rücktritt für die Gespräche jedoch nicht, so Golod. Für die Ukraine verhandle ein Team erfahrener Diplomaten. „Das heißt, an den Positionen der Ukraine wird das nicht groß etwas ändern.“
Korruptionsskandal erschüttert Ukraine
In den vergangenen Wochen waren immer wieder hochrangige Politiker und Beamte ins Visier der Korruptionsbekämpfer in der Ukraine geraten – auch im Umfeld von Präsident Selenskyj. Erst kürzlich hatte das Antikorruptionsbüro Nabu ein „kriminelles System“ aufgedeckt, das nach eigenen Angaben zur Veruntreuung von 100 Millionen Dollar (etwa 86 Millionen Euro) in der Ukraine geführt habe.
Im Mittelpunkt der Affäre steht ein enger Freund und früherer Geschäftspartner Selenskyjs, Timur Minditsch. Der ukrainische Justizminister und die Energieministerin verloren ihre Posten. Ebenfalls zu den Verdächtigen in dem Fall zählt den Behörden zufolge der frühere Vize-Regierungschef Oleksij Tschernyschow. Ob der Fall um Jermak im Zusammenhang mit diesen Ermittlungen steht, ist allerdings noch nicht klar.
Source: tagesschau.de