Der Fall erinnert an den Beginn der Arabellion, als sich im Dezember 2010 ein Gemüsehändler im tunesischen Sidi Bouzid anzündete, nachdem die Behörden seinen Gemüsestand beschlagnahmt hatten. Sein Tod löste in Tunesien seinerzeit Massenproteste aus, die zum Sturz des Präsidenten führten. In dieser Woche zündete sich in der iranischen Stadt Ahwas ebenfalls ein junger Mann an, nachdem die Stadtverwaltung den Stand seiner Eltern abgerissen hatte. Der 20 Jahre alte Ahmad Baladi starb später im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Einer der Verwaltungsbeamten soll ihn noch verspottet haben, als er sich mit Benzin übergoss. Laut Baladis Vater sagte er: „Soll ich dir ein Feuerzeug geben? Oder Streichhölzer?“
Der iranischen Regierung scheint die Sprengkraft des Falls bewusst zu sein. Präsident Massud Peseschkian wies das Innenministerium an, eine Sonderermittlungskommission einzurichten. Auch prominente islamische Geistliche forderten eine Untersuchung. Der Bürgermeister von Ahwas trat zurück und wurde zwischenzeitlich festgenommen. Der Gouverneur wurde entlassen. Mehrere an dem Vorfall beteiligte Mitarbeiter der Stadtverwaltung wurden vom Dienst suspendiert und ebenfalls festgenommen.
Zuvor hatten Demonstranten ihre Bestrafung und die Entlassung des Bürgermeisters gefordert. Die Familie des Opfers gehört wie die Mehrheit der Bewohner von Ahwas der arabischen Minderheit in Iran an. Die Stadt gehört trotz der reichen Ölvorkommen in der Provinz Chuzestan zu den ärmsten Regionen des Landes. Die Bewohner leiden unter extremer Luftverschmutzung und Wasserknappheit.
Khamenei: Nationale Einheit wahren
Die rasche Reaktion der Zentralregierung ist ein weiterer Hinweis darauf, wie nervös die politische Führung in Teheran seit dem Zwölf-Tage-Krieg mit Israel ist. Aus Sorge vor Protesten geht sie kaum noch gegen Verstöße gegen die Kleiderordnung vor, sodass im Moment etliche Videos von Frauen in T-Shirts beim Sport sowie von tanzenden und singen Frauen zirkulieren.
Die Staatsanwaltschaft von Chuzestan verwies auf die Anweisung des Obersten Führers Ali Khamenei, die nationale Einheit zu wahren. Jeder, der versuche, den Vorfall zu nutzen, um ethnische Emotionen zu schüren, werde hart bestraft. Gegen drei Personen, „die in sozialen Medien Spannungen und Unruhen anzetteln wollten“, seien Haftbefehle erlassen worden.
Baladis Vater sagte in Interviews, er habe seinen Snackstand seit 21 Jahren betrieben. Er habe sechs Kinder, darunter drei Mädchen, die zu den erfolgreichsten Taekwondo-Kämpferinnen Irans in ihrer Gewichtsklasse gehörten. Sein Vertrag mit der Stadt für die Standgebühren sei zwar ausgelaufen. Vor Gericht habe er aber eine Verlängerung erwirkt. Die Stadtverwaltung erklärte, das Grundstück werde für die Erweiterung einer Grünanlage benötigt. Die Polizei habe die Zwangsräumung angekündigt.
Source: faz.net