See-Strategie: Chinas maritime Kronjuwelen

Während die USA im Nahen Osten kämpfen und Donald Trump seine für März geplante Reise nach Peking verschiebt, hat Chinas wichtigstes Theoriemagazin „Qiushi“ dieser Tage eine bemerkenswerte Rede von Xi Jinping veröffentlicht. Anders als Trump richtet Chinas Staats- und Parteichef seine Aufmerksamkeit auf die langfristige geostrategische Auseinandersetzung. Und auf Pekings weiter zunehmende Machtprojektion im Indopazifik.

Zentral ist in beiden Fällen die Marine: Nicht nur chinesische Kriegsschiffe, deren Tonnage schon jetzt größer als die der USA ist. Sondern auch Tankschiffe, Unterseekabel-Verleger oder Containerschiffe. China wickelt nach eigenen Angaben 95 Prozent seines Außenhandels über See ab, im Schnitt weit mehr als der Rest der Welt.

„Der Aufstieg aller Großmächte wurde stets von der strategischen Entwicklung maritimer Fähigkeiten begleitet und stets von einer robusten maritimen Wirtschaft getragen“, wird Xi in der zentralen Publikation der Kommunistischen Partei zitiert. „Eine mächtige moderne Nation muss zwangsläufig eine starke Seemacht sein.“

Kreuzfahrt nach Taiwan?

Die Losung der „starken Seemacht“ gibt die Kommunistische Partei seit 2012 aus. Für Xi scheinen die zentralen Erfolge erreicht: „Mein Land hat die drei wichtigsten Bereiche des Schiffbaus erobert.“ Damit ist laut früheren Berichten zum einen der Bau von Flugzeugträgern gemeint. Vergangenen Sommer hat China mit der „Fujian“ den ersten vollständig im eigenen Land gefertigten Träger mitsamt elektromagnetischer Katapult-Startanlage in Dienst gestellt. Der zweite Bereich ist die Fähigkeit, Flüssiggas-Tanker selbst zu bauen: Dieser Schiffstyp gehört zu den kompliziertesten zivilen Schiffen überhaupt. Der dritte zentrale Bereich des Schiffbaus umfasst für Peking schließlich große Kreuzfahrtschiffe. China hat davon kürzlich erstmals ein Exemplar im eigenen Land gebaut.

„Flugzeugträger, große Kreuzfahrtschiffe und große LNG-Tanker“ seien wegen ihrer „extrem hohen technischen Schwierigkeit“ die „drei Juwelen in der Krone der weltweiten Schiffbauindustrie“, führte die „Volkszeitung“ zur Begründung aus. Kreuzfahrtschiffe sind lukrativ, China will mit seiner Kreuzfahrtindustrie den darbenden Binnenkonsum ankurbeln. Doch haben Kreuzfahrtschiffe auch eine weitere, strategische Bewandtnis. Sie können auch als Truppentransporter dienen. Zum Beispiel für eine Invasion Taiwans.

Die Nachrichtenagentur Reuters veröffentlichte kürzlich Schätzungen taiwanischer und amerikanischer Militärfachleute, denen zufolge die Volksbefreiungsarmee lediglich über so viele Schiffe und Landungsboote verfüge, dass sie in einer ersten Landungswelle rund 20.000 Soldaten samt Ausrüstung über die Taiwanstraße befördern könnte. Nötig für eine erfolgreiche Invasion wären indes viele hunderttausend Soldaten. Für Nachschub und Versorgung müsse China daher auch zivile Schiffe nutzbar machen.

Tiefsee als strategische Domäne

Xi Jinping betonte eine weitere Domäne, in die China immer weiter eintaucht: Die Tiefsee. Namentlich pries der Staatschef die „Jiaolong“, ein bemanntes Tauchboot, das bis zu sieben Kilometer tief tauchen kann und bei der Ausbeutung von Seltenen Erden im Meer helfen kann, möglicherweise aber auch eine Rolle bei der Verlegung und Kontrolle von Unterseekabeln spielt. Die wiederum sind für die Kommunikation von Inselstaaten wie Japan und Taiwan wichtig.

Sodann die „Mengxiang“, Chinas erstes selbst gebautes Tiefsee-Bohrschiff. Und die „Deep Sea Nr. 1“, eine in diesen Ausmaßen weltweit erste Produktionsstätte zur Ausbeutung eines Tiefseegasfeldes im Südchinesischen Meer, rund 150 Kilometer südlich der chinesischen Halbinsel Hainan. Der Ausbau der eigenen Gasförderung auch in territorial umstrittenen Gewässern bekommt angesichts des Irankriegs auch für China noch einmal größere Bedeutung. Rund vierzig Prozent seines Gasverbrauchs bestreitet China bislang mit Importen.

Doch denkt die Volksrepublik größer. In der redaktionellen Erklärung zur Rede Xis, die dieser hinter verschlossenen Türen schon 2025 gehalten hatte, zieht die Kommunistische Partei einen Vergleich zur europäischen Geschichte. Nach der ersten industriellen Revolution im 18. Jahrhundert bauten die westlichen Länder ihre Seemacht aus, kontrollierten Seeverkehr und Handelsrouten „und begaben sich auf den Weg der Modernisierung“, heißt es in „Qiushi“.

Die moderne Weltgeschichte belege, dass der Aufstieg von Großmächten stets von der Entwicklung des Ozeans geleitet und von einer starken maritimen Wirtschaft getragen werde. Peking sieht sich hier offenbar auf Kurs. Oder will es jedenfalls glauben machen im eigenen Land, in dem viele den Gürtel enger schnallen müssen, während staatliche Investitionen oft geopolitischen Zielen folgen.

In diesem Sinne gewinnt eine Studie der amerikanischen Denkfabrik CSIS vom vergangenen Jahr Aktualität: Demnach hat ein einziger chinesischer Staatskonzern 2024 mehr Handelsschiffe nach Tonnage produziert als die gesamte amerikanische Schiffbauindustrie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Und all das, während sich die Vereinigten Staaten in Iran jetzt auch noch „strategisch selbst sabotieren“, schreibt der China-Marinefachmann Isaac Kardon von der Denkfabrik Carnegie. „Neben den vielen weiteren Vorteilen, die dieser jüngste außenpolitische Fehlschlag der USA Peking beschert, gewinnt China noch mehr Zeit, um sich in Ostasien weiter zu stärken.“

Source: faz.net