Sechs Jahre nachher Anschlag: Gedenken an Opfer in Hanau

Stand: 19.02.2026 • 14:53 Uhr

In Hanau ist der Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar 2020 gedacht worden. Anstelle einer zentralen Gedenkfeier fanden kleinere Veranstaltungen an den Tatorten und den letzten Ruhestätten der Opfer statt.

Manchmal muss Stille alles sagen. Etwa 50 Menschen stehen an diesem Donnerstag am Hanauer Heumarkt im Schneematsch und blicken wortlos auf die Porträts der Opfer des Anschlags vom 19. Februar 2020. Unter den lebendigen, teils lächelnden Gesichtern der Getöteten liegen Kränze. Die Stadt hat einen ablegen lassen, ebenso Landes- und Bundesregierung.

Irgendwann durchbricht Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Stille: Er dankt den Anwesenden für ihr Erscheinen. Sein besonderer Dank jedoch, betont Kaminsky, gelte den Hinterbliebenen: „Für die das nicht nur jedes Jahr, sondern an jedem Tag eine schmerzliche, eine grausame Erinnerung ist und die am heutigen Tag in besonderer Weise wiederholt über sich hinauswachsen müssen.“

Trauer und Wut

Sechs Jahre ist es mittlerweile her, dass ein 43-jähriger Deutscher aus rassistischen Motiven neun Menschen am Heumarkt und in Hanau-Kesselstadt erschoss. Anschließend tötete er in der elterlichen Wohnung seine eigene Mutter und schließlich sich selbst.

Eine offene Wunde, die nicht heilen will. Erst vor wenigen Wochen starb ein weiterer Überlebender an den Folgen des Terroranschlags.

In die Trauer hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder Wut gemischt. Nach wie vor fordern die Hinterbliebenen der Opfer eine umfassende Aufklärung der Tatumstände. Im Mittelpunkt stehen Vorwürfe bezüglich eines verschlossenen Notausgangs in Hanau-Kesselstadt und des nicht funktionierenden Notrufs am Tatabend.

Vergangenes Jahr entlud sich die Enttäuschung der Angehörigen unter anderem in einer wütenden Rede von Emis Gürbüz, der Mutter des getöteten Sedat Gürbüz, bei der offiziellen Gedenkveranstaltung in Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Schrecklichster Tag in Friedenszeiten

Ein Eklat wie dieser ist am sechsten Jahrestag nicht zu erwarten. Bereits vor der umstrittenen Rede und der mindestens ebenso umstrittenen Reaktion der Hanauer Rathaus-Koalition darauf hatten sich Stadt und Angehörige laut Aussage von Bürgermeister Kaminsky darauf verständigt, das Gedenken in diesem Jahr in einem kleineren Rahmen abzuhalten.

„Er ist und bleibt der schrecklichste Tag, den diese Stadt in Friedenszeiten erlebt hat, und wenn wir heute zum sechsten Mal darauf zurückblicken, dann fährt uns auch heute noch der Schrecken in die Glieder“, sagt der OB im hr-Gespräch.

Des Schreckens jener Nacht wird an diesem Donnerstag noch an verschiedenen Orten gedacht. Kaminsky und weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am Heumarkt begeben sich im Anschluss nach Kesselstadt, um auch am zweiten Tatort in Stille zu verharren und Kränze abzulegen.

Ein „Tag des Innehaltens“ sei es, sagt OB Kaminsky. Vielleicht auch ein Tag für eine Zwischenbilanz, die beim Stadtoberhaupt nicht sonderlich positiv ausfällt: „Gesamtgesellschaftlich sind wir im Kampf gegen Extremismus, insbesondere auch gegen Rechtsextremismus, nicht wirklich weitergekommen“, glaubt Kaminsky.

Und dennoch sei aus dem schrecklichen Tag auch Gutes erwachsen. Kaminsky verweist auf den „Einsatz für Demokratie, für Respekt im Miteinander in zahlreichen Initiativen“ und den geplanten Bau des Zentrums für Demokratie und Vielfalt.

Gedenken auf Friedhöfen

Gedenken am Hauptfriedhof Hanau.

Auf dem zugeschneiten Hanauer Hauptfriedhof läuft parallel ein ebenfalls stilles Gedenken ab. Einige Dutzend Menschen haben sich an den letzten Ruhestätten von Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi und Ferhat Unvar versammelt.

Hier ergreift niemand das Wort. Eine kurze Lesung aus dem Koran. Mehr gibt es an diesem Tag nicht zu sagen. Oder zumindest nicht an diesem Ort.

Weitere Gedenkveranstaltungen sind im Laufe des Tages angekündigt – unter anderem auf den Friedhöfen in Offenbach und Dietzenbach, wo weitere Anschlagsopfer begraben liegen. Für den Abend ist ein Trauermarsch der Jugendinitiative „Remember“ mit anschließendem Gedenken an den Tatorten angekündigt.

Source: tagesschau.de