Sebastian Schmidts „Powerschaum“: Der Roboter Charly ist so uninformiert wie seine Entwickler

Sascha arbeitet in der Feinkostabteilung. Dort hilft er anderen Leuten, Zutaten für erlesene Gerichte zu kaufen, und manchmal nimmt er abgelaufene Ware mit nach Hause. Die Abteilung liegt im Keller eines Supermarkts, die Kunden kommen und gehen, er verbringt dort den Großteil der Woche. Sascha hat schlechte Haut, wenig Geld und drei Kinder, er meistert seinen Alltag, und im Rückblick gäbe es wohl nichts zu erzählen, wäre da nicht ein Android, ein teurer experimenteller Roboter, den Sascha zu hassen beginnt.

Die Sache mit dem Roboter klingt erstmal nach Science-Fiction. Allerdings geht es in Sebastian Schmidts Roman gar nicht um technische Errungenschaften, es geht um Menschen, die viel arbeiten, wenig verdienen und einem Fortschritt zusehen, der sich auf ihre Kosten und nicht zu ihren Gunsten entfaltet. Alles, was Sascha neben seiner Familie hat, ist eine langjährige Clique, in der man ungleiches Einkommen zu überspielen weiß. Als ein Freund den durchaus harmlosen Charly mitbringt, „der ja kein Mensch“ ist, kippt die Stimmung allmählich, wobei die Handlung an sich keine Überraschung birgt – es ist klar, dass Sascha in seiner rückblickenden Erzählung als Einziger mit dem Androiden hadert. Es sind vielmehr die feinen, schwer fassbaren sozialen Unterschiede, die den Erzähler zunehmend mit seinen Freunden und sich selbst fremdeln lassen. Das macht es spannend.

Warum braucht Harry Potter eine Brille – in der Welt der Zauberer?

Wie schwierig es ist, über Armut in Deutschland zu sprechen, zeigen schon die aktuellen Debatten zu Sozialhilfe, Rente oder Asylrecht. Ein literarischer Text gerät schnell in die Gefahr, Vorurteile zu reproduzieren, kitschig zu werden oder zur Illustration eines politischen Slogans zu verkommen. Nichts davon trifft auf Schmidts Erzähler zu, der auf äußerst lakonische Weise seinen Alltag schildert, kleine Sorgen, die er zu analysieren, in den Griff zu bekommen versucht. Da ist zum Beispiel eine Art Neurose, „das Zählen“, wenn Sascha versucht, seinen Besitz so haltbar wie möglich zu machen, ein teures Messer mit Holzgriff in einer bestimmten Position zu trocknen oder ein T-Shirt selten anzuziehen, um „den Moment der Neuanschaffung zu vermeiden“.

Sebastian Schmidt: „Powerschaum“. Roman.Verlag

Sascha sucht instinktiv nach einem Ausweg, er versucht es mit eigenen Texten, die niemanden interessieren, er hört sich Podcasts an und lernt Französisch, Japanisch und Niederländisch zugleich. „Dinge zu wissen“ stellt „eine echte Hoffnung“ dar. Während man Geld und Zeit in die Entwicklung eines Androiden investiert, wird Saschas Leben nicht besser, und als er sich entschließt, den Job zu kündigen, findet er keine neue Stelle.

Es ist stets erstaunlich, warum in einer Hightech-Welt wie der von „Avatar“ Menschen immer noch auf primitive Rollstühle angewiesen sind, warum Harry Potter an einer Zauberschule eine Brille braucht. Die Zukunft, die Schmidts Roman entwirft, bietet zwar künstliche Menschen, aber keine Linderung chronischer Krankheiten (Saschas Frau atmet an ihren „Wannentagen“ heißen Dampf ein), schon gar nicht die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Mit etwas Glück wird Sascha wohl wieder in einem Supermarkt landen, um Menschen mit allerlei Kapital zu bedienen; die hören lieber Charly zu, der im Gegensatz zu Menschen „gar keine Vergangenheit“ hat und „alles tätigen“ kann.

Nach Analogien braucht man nicht lange zu suchen – die meisten Schriftsteller in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, führen ein prekäres Dasein; werden ihre Texte für KI-Entwicklung benutzt, haben sie keinerlei Anteil am Gewinn (ganz zu schweigen von literarischen Übersetzern oder Illustratoren). Beim Lesen von Schmidts Roman dachte ich an die Textfahne, die mir neulich ein Verlag schickte – obwohl das eingeführte Korrektur-Tool sicher günstig einen Menschen ersetzt hatte, ging letztlich ich unbezahlt sechshundert Stellen durch, die das Tool nicht als Stilmittel erkannte.

Leute in Plattenbausiedlungen bleiben unsichtbar

Nun stellt der Roboter Charly im Roman keine direkte Konkurrenz dar; er wird keinen Job hinter der Theke übernehmen, gibt selbst zu, nichts von Literatur zu verstehen, und ist offenbar für Höheres bestimmt (was genau, bleibt offen), ähnelt aber seinen Entwicklern vor allem in der Selbstverständlichkeit, mit der er Saschas Lebenswelt ignoriert, dieser nicht nützen, aber von ihr profitieren wird. Leute in Plattenbauwohnungen bleiben unsichtbar (wie auf Social-Media-Bildern, die wiederum als KI-Material verarbeitet werden).

Je mehr Aufmerksamkeit Charly auf sich zieht, desto verzweifelter versucht der Erzähler, zur eigenen Sprache zu kommen und seinem Unbehagen auf den Grund zu gehen. Er wünscht sich (daher der Titel) einen Powerschaum, ein zugängliches Mittel aus der Drogerie, um Spuren der eigenen Herkunft vom Körper zu entfernen und vielleicht auch einem Roboter wie Charly ebenbürtig zu sein, „ganz ohne die Nutzung von Wasser und trotzdem fühlt man sich kraftvoll“, denn auch warmes Wasser ist teuer und kann jederzeit abgestellt werden.

Bei aller Ernsthaftigkeit der Themen macht es Spaß, das Buch zu lesen, es ist klug, pointiert und erfrischend einfach geschrieben, man braucht kein Wörterbuch und kein Germanistikstudium, um dem Ich-Erzähler zu folgen. Schmidts Debütroman hat etwas von einer Novelle, wobei das ungewöhnliche Ereignis nicht etwa die Entwicklung eines Androiden neuer Generation ist, sondern der trotzige Versuch, im Grunde – ja, den Kapitalismus aufzuhalten. Zudem ist es hochwertige Arbeit, jeder Satz sitzt, keine Seite ließe sich streichen. Absolut empfehlenswert.

Sebastian Schmidt: „Powerschaum“. Roman. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2025. 224 S., geb., 24,– €.

Source: faz.net