Mariahoeve ist vor knapp einem Jahr international auf traurige Art berühmt geworden. In dem Stadtteil im Nordosten Den Haags stürzte ein Laden- und Wohnungskomplex ein – nach einer gewaltigen Explosion im Erdgeschoss. Sechs Menschen starben, mehrere wurden verletzt, Dutzende verloren ihr Zuhause. Denn auch benachbarte Blöcke wurden schwer beschädigt. Die Wunde am Tarwekamp schwärt noch immer. Wo zuvor der Backsteinkomplex stand, klafft eine Lücke. Sandsäcke bedecken den Boden.
Nebenan sind Bewohner in ihren Drei-Etagen-Block zurückgekehrt, die Zahnärztin hat ihre Großpraxis wiedereröffnet. Auf der anderen Seite der Lücke aber bleiben viele Fenster mit Holzbrettern versperrt. Wie es aussieht, hatten Täter im Brautmodegeschäft im Parterre Benzin ausgeschüttet – die Verdächtigen stehen dieser Tage wieder vor Gericht.
Bahnhof mit Finanzkonzern
Stadtplanern und Unternehmenskennern ist Mariahoeve noch aus einem anderen Grund ein Begriff. Einen Kilometer entfernt vom Tarwekamp, direkt an der Stadtgrenze, residierte bis vor Kurzem ein Finanzkonzern mit eingebautem Bahnhof. Oder umgekehrt: Die Züge der niederländischen Bahn hielten in einem Bahnhof mit angebautem Finanzkonzern.
Denn die Vorstadtstation Mariahoeve verschmilzt mit dem Bau, in dem der Versicherer und Vermögensverwalter Aegon jahrzehntelang seine Zentrale unterhielt. Wer aus Amsterdam oder Haarlem einpendelte, stieg vom Bahnsteig die Treppe herab und stand schon vor dem ersten Seiteneingang seines Arbeitgebers. Sogar der Vorplatz ist nach dem Unternehmen benannt: der Aegon-Platz.
Nun ist der siamesische Bahn-Büro-Zwilling Geschichte, jedenfalls für Aegon. Das Logo beherrscht noch die Fassaden, aber das Unternehmen zog im Mai an den Flughafen Schiphol, ins dortige Geschäfts- und Konferenzzentrum World Trade Center. Denn Aegon hat sein Niederlandegeschäft für fünf Milliarden Euro an den Konkurrenten ASR verkauft, und damit ging auch der Zentralenbau an ASR über.
Heimatgeschäft beinahe ausverkauft
In der deutschen Finanzbranche ist der Name Aegon weithin geläufig, seit der langjährige Vorstandsvorsitzende Alexander Wynaendts den Aufsichtsrat der Deutschen Bank führt. Fußballfans kennen den Firmennamen noch aus der Zeit, als ihn Ajax Amsterdam auf dem Trikot trug. Doch vom Niederlandegeschäft ist nach der Transaktion an ASR kaum noch etwas übrig, das Unternehmen macht nach eigenen Angaben 70 Prozent seines Geschäftes in den Vereinigten Staaten. Der juristische Sitz ging nach Bermuda, was die Gesellschaft mit den amerikanischen Aktivitäten und Finanzaufsichtsfragen begründete. Steuerlicher Sitz bleibe der niederländische, betonte man immer.
Wer dieses Bekenntnis als kurzlebig ansah, dürfte bald recht bekommen. Im Sommer kündigte Vorstandsvorsitzender Lard Friese an, den Umzug beider Sitze in die Vereinigten Staaten zu prüfen. Die Erstnotiz an der Börse soll dann ebenfalls in Amerika liegen – „neben“ jener in Amsterdam, wie es heißt. Aegon ist momentan im Leitindex AEX geführt, der neuerdings 30 statt 25 Mitglieder umfasst. Offiziell will Aegon das Ergebnis der Prüfung auf einem Investorentag am 10. Dezember bekannt geben – aber normalerweise thematisiert der Vorstand eines Unternehmens einen Umzug nur, wenn er einen solchen auch konkret plant. Schließlich erzeugt er Unsicherheit. Mancher Mitarbeiter wird sich vorsorglich nach einem anderen Arbeitgeber umschauen – auch wenn sich der Schritt Richtung USA nach Unternehmensschätzung über zwei bis drei Jahre hinzieht.
KPN, Shell – und bald wohl NIBC
Als neue Hiobsbotschaft kommt eine Übernahme in der Finanzbranche hinzu: ABN Amro aus Amsterdam plant den Konkurrenten NIBC vom US-Finanzinvestor Blackstone zu erwerben, für voraussichtlich 960 Millionen Euro. NIBC ist aus einer Förderbank für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, ähnlich wie in Deutschland die KfW, und sitzt in Den Haag, in unmittelbarer Nähe zum Friedenspalast. Dieser Status ist stark gefährdet, darauf deuten Aussagen von ABN-Amro-Chefin Marguerite Bérard hin, wonach das Geldhaus „vorläufig“ eine Haager Bank bleibt.
Auch die Börse leidet an Schwund
NIBC ist nicht mehr börsennotiert, seit Blackstone die Bank nach der Übernahme vom öffentlichen Markt nahm. Insofern war sie der niederländischen Börse schon vor Jahren verloren gegangen. Dem internationalen Trend folgend, schrumpft die Zahl der Börsennotierungen – unter anderem als Folge von Fusionen. In Amsterdam wird der Kaffeeanbieter JDE Peet’s, der mit der Marke Douwe Egberts vor fünfeinhalb Jahren aufs Parkett zurückkehrte, schon wieder verschwinden. Er lässt sich von der amerikanischen Keurig Dr. Pepper übernehmen. Am Dienstag kündigte der Farbenhersteller Akzonobel an, mit dem US-Wettbewerber Axalta zu fusionieren – am Ende steht eine alleinige Börsennotiz in New York. Namhafte Verluste der jüngeren Vergangenheit sind der Fahrradhersteller Accell und die Wasserbaugesellschaft Boskalis, beide durch Finanzinvestoren übernommen.
Die große Hoffnung gilt nun „The Magnum Ice Cream Company“, die von Unilever abgespalten wird. Der Hersteller von Cornetto, Nogger und der namensgebenden Marke „Magnum“ soll am 8. Dezember den Kurszettel bereichern. Es wird ein großes Projekt. Die Aktionärsschützervereinigung VEB veranschlagt den Magnum-Wert anhand von Analystenberichten auf zehn bis 15 Milliarden Euro.
Source: faz.net