Schwankungen an jener Markt: Wie Anleger den KI-Blues überstehen

Es gehört zur Folklore an den Börsen: Erst werden Geschichten größer, dann die Zweifel. In diesen Tagen trifft es die großen Tech-Hoffnungen – und mit ihnen die Indizes, die von wenigen Schwergewichten dominiert werden. Nehmen wir allein die größten drei Techwerte und ihre Wertentwicklung in dieser Woche: Nvidia verliert neun Prozent im Kurs, Microsoft sechs Prozent, Apple drei Prozent. Auch deswegen fiel der Dow Jones um 1,6 Prozent, der S&P 500 und der Nasdaq Composite sogar um 3,7 Prozent.

Auch sonst dominierten in Asien und Europa rote Vorzeichen. Der Euro Stoxx verlor 1,2 Prozent an Wert, und der Dax gab 1,3 Prozent ab. Neben der Bewertungsskepsis wirken auch politische Störgeräusche belastend. Washington und Peking denken wieder lauter über Export- und Importbeschränkungen nach, dieses Mal für besonders sensible KI-Chips. Die Folge: Anleger sortieren aus, Gewinne werden gesichert, die Nerven liegen blank.

Investoren hinterfragen KI-Hype

Dass aus Hoffnungen Risiken werden können, ist keine neue Erkenntnis. Doch der Takt hat angezogen. Investoren hinterfragen zunehmend, ob die massiven KI-Investitionen der großen Konzerne die inzwischen eingepreisten Renditen tatsächlich liefern. Zweifel am Boom drücken die Kurse, wenn die Erzählung schneller wächst als der Ertrag.

Gleichzeitig mahnen Stimmen, die man nicht unbedingt für Alarmisten hält. So warnte die Bank of England kürzlich, dass die Bewertungen „massiv überzogen“ wirken, besonders von KI-getriebenen Tech-Unternehmen; die Börsen in den Vereinigten Staaten seien zu einer riesigen Wette auf Künstliche Intelligenz geworden – nichts, was dauerhaft stabil sein muss, wenn die Gewinnrealität nicht Schritt hält.

Anleger sollten Trends nicht hinterherlaufen

Ganz so eindeutig ist das Bild freilich nicht, wie es im Taumel roter Vorzeichen erscheinen mag. Risikokaptalinvestoren kontern, ein Vergleich mit der Dotcom-Blase greife zu kurz. KI generiere schon Umsätze und adressiere reale Produktivitätsgewinne in Industrie und Dienstleistung. Die Pipeline reiche von Rechenzentren über Automatisierung bis in mittelgroße Zulieferer hinein. Nicht alles ist eine Blase, manches ist Fundament – aber eben nur noch nicht überall sichtbar.

Für Privatanleger heißt das, zwischen „Story“ und Substanz zu unterscheiden. Wer nur dem lautesten Trend hinterherläuft, kauft oft die volatilsten Erwartungen. Wer tiefer schaut, findet im Mittelbau – etwa unter Ausrüstern der Rechenzentrums-Infrastruktur – möglicherweise die leiseren, aber tragfähigeren Aktien. Ein Blick in Analystenkommentare unterstreicht das Argument: „Midcaps“ an der Schnittstelle von Automatisierung, Komponenten und KI-Infrastruktur könnten strukturell profitieren – weniger Glamour und mehr Planbarkeit.

Was ist zu tun zwischen „Hype“ und „Hangover“ um KI? 

Zurück ins Hier und Jetzt. Was treibt die Volatilität konkret? Erstens die Bewertung: Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind in Schlüsseltiteln auf Niveaus gestiegen, die stark sinkende Kapitalkosten voraussetzen – in einer Welt, in der die Notenbanken zwar über Lockerungen sprechen, aber Datenabhängigkeit betonen und nur langsam an der Zinsschraube drehen. Zweitens der Margendruck: Nicht jede Milliarde für Rechenleistung verwandelt sich zeitnah in Margen – vor allem, wenn Kunden beginnen, eigene Chips zu entwickeln und damit die Preissetzungsmacht der Platzhirsche relativieren.

Drittens die Politik: Restriktionen für High-End-Chips zwischen den Vereinigten Staaten und China wirken wie Sand im Getriebe globaler Lieferketten – besonders in Asien, wie der jüngste Abgabedruck zeigt. Viertens China-Daten: Schwächere Handelszahlen nehmen Zyklikern und Rohstoffen Rückenwind – ein weiterer Stimmungsdämpfer, wenn man gerade heikle Bewertungen rechtfertigen soll.

Und nun das Praktische: Was ist zu tun zwischen „Hype“ und „Hangover“? Erstens: Risikoregulierung vor Romantik. Breite Tech-ETF bleiben sinnvoll, aber die Positionsgrößen sollten an die Volatilität angepasst werden. Zweitens sollte der Qualitätsfilter geschärft werden. Freier Cashflow, Bruttomargen, Kundendurchdringung und Preissetzungsmacht sind die Währung, mit der Erzählungen an der Börse bezahlt werden.

Drittens: Diversifikation ernst nehmen, auch geographisch. Wer nur USA‑Megacaps hält, hält letztlich eine KI‑Makrowette. Ein größeres Körbchen kann Rückschläge abmildern, wenn „Marktführer“ niesen. Viertens: Geduld mit System. Lieber gestaffelt Wertpapiere kaufen, als „All‑in“ in wenige Aktien zu gehen. Und fünftens: Terminrisiken kennen. Arbeitsmarktdaten, Notenbanksignale und geopolitische Schlagzeilen bleiben die kurzfristigen Taktgeber – an ihnen entscheidet sich, ob der Markt gerade Storys liebt oder Zahlen verlangt

Bleibt die große Frage: Ist das schon das Ende des KI‑Traums? Vermutlich nicht. Aber die Börse zwingt Visionen regelmäßig zur Probe aufs Exempel. Deshalb gilt: Optimismus ja, aber auf einer Diät aus echten Zahlen, nicht aus Kalorien aus freier Phantasie. Wer diese Diät hält, darf Schwankungen aussitzen – und kann sie vielleicht sogar nutzen. Wer sie bricht, bekommt schneller Sodbrennen, als es die nächste Schlagzeile verspricht.

Source: faz.net