„San Francesco vive“ – „der heilige Franz lebt“ – steht auf einer großen Stellwand am Eingang zur Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi. Das scheint paradox, denn dort findet von diesem Sonntag bis zum 22. März erstmals eine „ostensione“ (Zurschaustellung) der Gebeine des heiligen Franz, der 1226 gestorben ist, für die Öffentlichkeit statt.
Dass ein vor 800 Jahren Verstorbener gleichwohl noch am Leben sein soll, erschließt sich wohl nur auf den zweiten, den geistlichen Blick auf die porösen, über die Jahrhunderte schwarz verfärbten Knochenreste in einer Vitrine aus Plexiglas. Für gläubige Christen ist der Tod nur das vorletzte Wort, danach kommen „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.
Die Zurschaustellung der Reliquien des heiligen Franz stößt auf großes Interesse. Wer an dem Sarkophag zu Füßen des Altars der Unterkirche vorbeidefilieren möchte, muss sich zuvor auf einer Website (sanfrancescovive.org) registrieren. Die Organisatoren haben errechnet, dass die Räumlichkeiten an den 29 Tagen der „ostensione“ maximal für 400.000 Besucher ausreichen. Kurz vor der Eröffnung der Reliquienschau sind bereits mehr als 370.000 Zeitfenster gebucht. Nur Frühaufsteher haben die Chance, kurzfristig noch freie Termine am Morgen zu ergattern.
Der logistische Aufwand ist erheblich. Auf der Piazza Inferiore di San Francesco steht ein riesiges Zelt. Dort können bis zu 1500 Besucher empfangen und entsprechend der gebuchten Zeitfenster für den Gang in die Basilika aufgestellt werden. Der „Moment der Verehrung“, so werden sie angewiesen, habe dann in einem „langsamen und stetigen Vorbeischreiten“ am Sarkophag zu verlaufen. Dabei sei es wichtig, „eine Haltung der Besinnung und des Gebets zu pflegen“ sowie in der Stille „das Herz für diese Begegnung öffnen zu lassen“, heißt es weiter.
Auch Papst Leo kommt nach Assisi
Anschließend besteht in eigenen Bereichen der Unterkirche mit den berühmten romanischen Fresken die Möglichkeit zu Gebet und Beichte. In der gotischen Oberkirche, die man über eine Treppe erreicht, wird mehrmals täglich die Messe zelebriert. Auch dafür ist während der Zeit der „ostensione“ eine Registrierung erforderlich.
Das Interesse an Franz von Assisi wird seit Monaten kräftig geschürt, von der Kirche wie vom Staat. Der heilige Franz war nicht nur Gründer des Franziskanerordens und Namenspatron von Papst Franziskus, er ist auch der offizielle Schutzpatron Italiens. In den Medien lässt die Regierung in Rom seit Wochen Werbung schalten, um auf die zahlreichen Veranstaltungen zum 800. Todestag hinzuweisen. Titel der Kampagne: „Der heilige Franz, eine Explosion des Lebens“. Im vergangenen Jahr hat das Parlament die Wiedereinführung des gesetzlichen Feiertags zu Ehren von Franz von Assisi beschlossen, der 1977 auf Drängen der Wirtschaft abgeschafft worden war. Von diesem Jahr an ist der 4. Oktober, der Todestag des Heiligen, wieder ein arbeitsfreier Tag.
Auch die katholische Kirche begeht den 800. Todestag ihres vielleicht berühmtesten Heiligen mit allerlei Ausstellungen, Konzerten, Gedenkgottesdiensten. Papst Leo XIV. wird am 6. August nach Assisi kommen. Die Zurschaustellung der Reliquien ist der frühe Höhepunkt der Kirchenfeiern zu Ehren „des armen und demütigen Mannes, des wahren Abbildes Jesu Christi“, wie es Pius XII. 1939 bei der Proklamation des Heiligen zum Schutzpatron Italiens formuliert hatte.
Auch der „Influencer Gottes“ in Jeans und Hoodie in Assisi
Der Weg der Gebeine des heiligen Franz war kaum weniger verschlungen als dessen Lebensweg. Der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers aus Assisi sagte sich mit kaum 20 Jahren von seiner Familie los, um sich vollkommen dem Glauben und einem Leben in Armut zu verschreiben. Schon zu Lebzeiten wurde er von der wachsenden Schar seiner Anhänger wie ein Heiliger verehrt. Die Heiligsprechung folgte schon zwei Jahre nach seinem Tod.
Die sterblichen Überreste wurden zunächst in Portiuncula begraben, einem Weiler etwa fünf Kilometer von Assisi in der Ebene des Flusses Chiascio gelegen, wo der Einsiedler verstorben war. Von dort wurden die Gebeine 1230 in eine Felsengruft unter der Unterkirche der eigens für ihn errichteten Basilica San Francesco in Assisi verbracht.
Dort blieben sie fast sechs Jahrhunderte lang, verborgen vor den Augen der Welt und geschützt vor dem Zugriff von Grabräubern. 1818 erlaubte Papst Pius VII. den Franziskanern, das Grab freizulegen und die sterblichen Überreste ihres Ordensgründers in die neu geschaffene Krypta in der Unterkirche der Basilika zu überführen. Dort wurden die Knochen und Knochenreste mehrfach von Wissenschaftlern untersucht und als echt bestätigt. Nun werden sie erstmals für alle Gläubigen zur Schau gestellt.
Auch der 2006 gestorbene Carlo Acutis ist in Assisi begraben: Den „Influencer Gottes“ hatte Papst Leo erst im vergangenen Jahr heiliggesprochen. Der einbalsamierte Leichnam des ersten Heiligen des Internetzeitalters, in Jeans und Hoodie gewandet, ist in der Basilika Santa Maria Maggiore in einem gläsernen Sarkophag zu betrachten. Und das zeitlich unbefristet.
Source: faz.net