Schutz durch Luxus – wie Touristen eine Seychellen-Insel wahren

Ein Urlaub auf dem Seychellen-Atoll Cosmoledo ist sehr exklusiv. Gäste zahlen an die 20.000 Dollar für eine Woche. Dafür gibt es Naturerlebnisse satt. Und die Besucher tragen zum Erhalt der Tier- und Pflanzenwelt bei.

Neun Uhr, 50 Meter“, raunt Brandon. Der Südafrikaner stellt sich nach internationalem Brauch nur mit Vornamen vor. Er ist der erfahrenste Guide auf Cosmoledo, einem Atoll mitten im Indischen Ozean. Brandon hat deshalb den Rochen, der im flachen Wasser der Lagune über den weißen Sand gleitet, viel früher gesehen als sein Gast im selben Boot. Dessen Puls beschleunigt sich. Denn die flachen Fische bringen oft Dickkopf-Stachelmakrelen mit sich – Giant Trevallies, kurz „GTs“ genannt.

Diese smarten Raubfische, die bis zu 80 Kilo auf die Waage bringen, nutzen den Sand, den Rochen aufwirbeln, als Camouflage, um aus dem Hinterhalt Beute zu machen. Ihre Intelligenz, Kraft und Ausdauer sind sagenhaft. Fliegenfischer wie Brandons Gast träumen davon, diesen Gladiator der tropischen Meere zu fangen. Hier wird sein Herzenswunsch erfüllt.

Zeitgleich lässt sich ein Urlauberpaar auf ein ganz anderes Abenteuer ein. Es lernt Freitauchen – ohne Sauerstoffflaschen geht es in die Tiefe, mitten in die unberührte Unterwasserwelt. Ein weiteres Paar ist derweil mit dem Schiff „Quo Vadis“ unterwegs, um bei der „Blue Safari Experience“ Wale, Delfine und Seevögel zu sehen, während sich die Birdwatcher unter den Gästen für eine geführte Mangroven-Wanderung entschieden haben.

Was alle Urlauber verbindet: Sie suchen eine neue Art von Luxus – unberührte Natur, wie sie nur noch selten auf der Welt vorkommt. Fündig werden sie auf Cosmoledo, einem Atoll der Outer Islands der Seychellen, gut 1000 Kilometer von der Hauptinsel Mahé entfernt.

Mehr als 19.000 US-Dollar blättert Brandons Gast, ein Arzt aus Boston, für eine Woche Fliegenfischen auf Cosmoledo hin. Klingt verrückt? „Nope“, sagt Keith Rose-Innes, Mitbegründer von Blue Safari, dem einzigen Tourismus-Anbieter auf Cosmoledo.

Erstens sei dieses Atoll für Anhänger der Trendsportart, bei der mit künstlichen Fliegen als Köder geangelt wird, nun einmal der beste Ort auf der Welt, um GTs zu fangen. Und zweitens mache der stolze Preis den Erhalt der global einmaligen Tier- und Pflanzenwelt dieses abgelegenen Erdenwinkels überhaupt erst möglich. Denn die Erlöse fließen in eine Stiftung zum Schutz der Inselwelt vor Wildfischern und anderen Bedrohungen. Wobei die einzige Unterkunft des Atolls maximal 16 Gäste gleichzeitig beherbergt. Exklusivität im Wortsinn.

Um derart unberührte Natur jenseits der Massen zu genießen, nehmen die Urlauber eine komplexe Anreise in Kauf. Schon der Flug zur Seychellen-Hauptinsel Mahé ist weit. Wer von dort zum Cosmoledo-Atoll gelangen will, muss sich nämlich drei Stunden in eine Propellermaschine der Island Development Company (IDC) zwängen, einer Art Naturschutzbehörde für die Outer Islands.

Doch alle Strapazen sind vergessen, wenn man ankommt. Und schnell wird deutlich, warum die Aldabra-Gruppe, zu der Cosmoledo gehört, auch Galapagos des Indischen Ozeans genannt wird. Während man auf den bekannteren Seychellen-Inseln nahe Mahé schon zufrieden ist, wenn man eine einzige Meeresschildkröte sieht, recken hier Dutzende ihre Köpfe aus dem klaren Wasser.

In unmittelbarer Nähe des Strandes ziehen Zitronenhaie vorbei. Rochen sind regelmäßige Besucher der Lagune. „Die Tierwelt ist unglaublich! Vögel landen auf deinem Arm und Fische schwimmen auf deinen Schoß“, schwärmt eine Besucherin.

Jagende Haie, fliegende Juwele

Die reiche Unterwasserwelt entdecken Gäste gänzlich ungestört, ob beim geführten Schnorcheln, Kajaken oder Tauchen. Wer will, kann wie das eingangs erwähnte Pärchen Freitauchen lernen und mit dem Freediving-Schein nach Hause fahren. Riesenzackenbarsche, Meeresschildkröten, Hammerhaie und gigantische Schwärme von Schwarzschwanz-Schnappern bevölkern intakte Korallenriffe – diese Region gehört zu den besten und gleichzeitig am wenigsten besuchten Tauchrevieren der Seychellen.

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Bei Bootsexkursionen können Besucher verschiedene Delfinarten sehen und mit Glück Haie bei der Jagd beobachten. In passenden Momenten werden spontane Stopps zum Schnorcheln eingelegt; die Ausrüstung ist mit an Bord.

Auch für Birdwatcher lohnt sich der weite Weg. Die rund 20 Inselchen des Atolls sind ein wichtiger Nistplatz für Seevögel. So gibt es hier die größten Kolonien aller drei Tölpel-Arten, die auf den Seychellen vorkommen. Obendrein kann man Bindenfregattvögel beobachten, Arielfregattvögel, mehrere Seeschwalben-Arten und Rotschwanz-Tropikvögel.

Dazu gibt es die Chance, Tiere zu sehen, die weltweit nur hier vorkommen. Etwa den zarten Malegassennektarvogel (Souimanga Sunbird), dessen Männchen mit seinen metallisch grün schimmernden Federn an ein fliegendes Juwel erinnert.

Vor allem aber kann man wunderbar Fliegenfischen – und wer es noch nicht kann, findet hier den perfekten Ort, um es zu lernen. Cosmoledo rühmt sich, die „Heimat des weltweit besten Fliegenfischens“ zu sein. Und tatsächlich wäre das Atoll ohne die Trendsportart, die neben Millionen Fans weltweit auch Berühmtheiten wie Barack Obama, Emma Watson und David Beckham begeistert, wohl nicht das Paradies, das es heute ist.

Touristen als Hüter des Atolls

Denn was Cosmoledo zusätzlich speziell macht, ist seine dramatische Geschichte. Keith Rose-Innes hatte das bis dahin unbewohnte Atoll zunächst auf Seekarten entdeckt, steuerte es 2004 erstmals an und fand das perfekte Reiseziel für Fliegenfischer. Doch wenn die Gäste nach der Saison abreisten, hatten Schwarzfischer wieder leichtes Spiel auf der abgelegenen Inselgruppe. 2009 kaperten dann auch noch Piraten das Schiff, auf dem die Urlauber während der Saison untergebracht waren, und fackelten es ab.

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Anschließend sperrte die Regierung der Seychellen die gesamten Outer Islands wegen einer US-Militäroperation. Als 2015 wieder Gäste nach Cosmoledo reisen durften, hatten seit Jahren keine Touristen mehr die Eilande betreten. Stattdessen fingen Wilderer Fische im großen Stil mit Netzen, sammelten Seegurken, töteten Schildkröten und Seevögel, um deren Eier zu sammeln. Auch deshalb wollte Rose-Innes eine Unterkunft an Land bereitstellen – sein Team und die Gäste sollten ganzjährig die Hüter des Atolls sein.

Infrage kam nur eine Herberge mit einem kleinen ökologischen Fußabdruck. „Also ließ ich umgebaute Schiffscontainer nach Cosmoledo bringen, die wir Eco Pods nennen“, erzählt er. Sie bilden die acht Tiny Houses der „Cosmoledo Eco Lodge“ auf Wizard Island, die einzige Unterkunft des Atolls. Jedes Pod ist für zwei Gäste ausgelegt, mit Klimaanlage, Solarstrom und Süßwasserduschen im Freien sowie einer überdachten Veranda mit weißem Sand rundherum.

Es gibt auf Cosmoledo kein Landedock und keine Dockpfähle. Wer hier ankommt, bekommt nasse Füße. Und das ist durchaus beabsichtigt. Hier besteht der Luxus nicht aus Komfort, sondern aus Naturerlebnissen bis zum Abwinken. Mit der größte Beitrag zum Naturschutz ist der Umstand, dass die Personalunterkünfte das ganze Jahr über auch von zwei Rangern der Island Conservation Society (ICS) bewohnt werden, die im Atoll regelmäßig patrouillieren.

Sie melden der Küstenwache illegale ausländische Fischerboote, die deren Besatzung festnimmt und immer wieder zum Beispiel Seegurken beschlagnahmt, die auf Märkten in China schon mal 3000 US-Dollar pro Kilo einbringen. „Man muss Leute vor Ort als Aufpasser haben“, sagt Rose-Innes.

Auch wenn es längst nicht mehr nur Fliegenfischer sind, die als gut zahlende Gäste das Atoll beschützen, bleibt Cosmoledo ein Sehnsuchtsziel für Anhänger dieser Sportart. Zumal es im und am Atoll so viele Fische gibt, dass auch Anfänger Erfolge feiern. Sogar wer noch nie etwas damit zu tun hatte, sollte das Fliegenfischen zumindest einmal ausprobieren.

Wegen der raffinierten Wurftechnik gilt es als Königsdisziplin des Angelns, für viele sogar als Lifestyle und als Meditationstechnik für stressgeplagte Städter. Stundenlang durch die kristallklare Lagune waten, während man sich auf den Tanz der „Fliege“, also des Köders, konzentriert – wen das nicht entspannt, dem ist nicht zu helfen.

Wer hingegen einen Kick braucht, fischt auf GT, wie der Arzt aus Boston. Die Rambos unter den Raubfischen können sogar Vögel im Flug fangen, indem sie sich aus dem Wasser katapultieren. Es erfordert gute Technik, Kraft und Geduld, um einen solchen Kerl zu fangen. Ist es geschafft, wird der Fisch für ein Beweisfoto kurz hochgehoben – und wieder freigelassen, ein Widerhaken kommt hier nicht zum Einsatz.

Im Laufe seines einwöchigen Urlaubs wird sich der Mediziner etwa ein Dutzend Gefechte mit Dickkopf-Stachelflossern liefern. Und jedes noch einmal durchleben, beim Erzählen, abends, wenn die Gäste im gemütlichen Gemeinschaftszelt zusammensitzen und ihre Erlebnisse austauschen.

Dann schwärmen Angler, Vogelfans, Schnorchler, Taucher und sogar Gäste, die einfach nur am Strand gefaulenzt haben, von ihren unvergesslichen Begegnungen. Die sind zwar teuer, sagt eine der Urlauberinnen, aber eigentlich unbezahlbar.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Etwa mit Discover Airlines von Frankfurt/Main nonstop nach Mahé oder Umsteigeflug mit Emirates via Dubai oder mit Qatar Airways via Doha; weiter per Propellerflugzeug (über den Veranstalter). Eine Travel Authorization muss online beantragt werden.

Veranstalter: Alphonse Fishing Company Seychelles und Blue Safari Seychelles bieten eine Woche Fliegenfischen auf Cosmoledo ab umgerechnet 15.800 Euro an inklusive Übernachtung und Vollpension, sechs Tagen Fliegenfischen und Flügen von/bis Mahé; drei Nächte im Strandbungalow ohne Fliegenfischen kosten ab 4980 Euro pro Person (alphonsefishingco.com; bluesafari.com). Beim deutschen Veranstalter SeyVillas ist Urlaub im „Cosmoledo Eco Camp“ buchbar, Pod für Zwei ab 2515 Euro pro Nacht inklusive Vollpension und Aktivitäten, zzgl. Anreise (seyvillas.com).

Weitere Infos: seychelles.com

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Seychelles Tourism Board und Blue Safari Seychelles. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de

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