Reportage
Jederzeit drohen in Saporischschja russische Angriffe. Auch tagsüber. Bis zur Front sind es nur 30 Kilometer. Trotzdem haben in der ukrainischen Stadt viele Kinder regulär Unterricht – sieben Meter unter der Erde.
Wuchtig fällt die Eisentür hinter Julia Bondarenko zu, sie geht eine Betontreppe hinab, sieben Meter unter die Erde. Es ist ihr täglicher Arbeitsweg. Unten ertönt eine klassische Schulglocke. Bondarenko ist Deutschlehrerin am Lyzeum Nr. 46 in Saporischschja im Südosten der Ukraine.
Während der Unterricht läuft, zeigt sie die Räumlichkeiten: „So sehen alle Klassenräume aus – Smartboards in jedem Raum, aber auch weiße Tafeln, auf denen man mit Markern schreiben kann. Und natürlich Internet.“ Es soll einen technisch modernen Unterricht ermöglichen, mobile Geräte sind Standardausrüstung.
Auch sonst erinnern die Räume fast an Start-ups: mehrfarbige Wände, auf den Fluren Sofas und Tischkicker für die Pausen. Der Unterricht soll ernst, aber auch spielerisch sein.
Die Schule in Saporischschja hat eine Spezialisierung auf Deutsch als Fremdsprache – und eine Partnerschule in Magdeburg.
„Hier in der Schule haben wir alle Möglichkeiten“, sagt Germanistin Bondarenko. Filme, Videos, Tests – alles sei möglich. Auch Gymnastik mit den jüngsten Schülern in der Lounge-Zone.
Die wichtigste Fremdsprache am Lyzeum ist dabei Deutsch. Unter anderem in Magdeburg gibt es eine Partnerschule, immer wieder gibt es Ausflüge in die Bundesrepublik.
Rund 30 Kilometer außerhalb der Stadt verläuft die Front. Und Russland rückt in der Region Saporischschja langsam vor.
Front kurz hinter der Stadtgrenze
Dass daheim der Unterricht unter der Erde stattfindet, kommt nicht von ungefähr. Die Front beginnt nur einige Dutzend Kilometer hinter der südlichen Stadtgrenze von Saporischschja. Fast täglich beschießt Russland die Industriemetropole mit Drohnen oder Raketen, Luftalarm dauert nicht selten 24 Stunden am Stück.
Immer mehr Schulen in Saporischschja folgen deshalb dem Beispiel des Lyzeums, erklärt Schuldirektorin Ljudmila Krugla: „Im Zuge der Invasion hat der regionale Militärrat beschlossen, an dieser Stelle einen öffentlichen Schutzraum zu bauen.“ Um die Kinder im Alltag zu schützen, sei dieser dann zu einer Schule umfunktioniert worden.
Bis zu 500 Personen finden im umfunktionierten Bunker Platz. Der Unterricht findet in zwei Schichten statt: vormittags für jüngere, am Nachmittag für ältere Schüler.
Im Unterricht sicherer vor den Raketen
Zehntklässlerin Ellina macht der Gang nach unten nichts aus: „Mir gefällt der Unterricht unten sogar besser als oben im Gebäude, weil die Räume hier viel moderner sind. Am Anfang bekam ich hier oft Kopfschmerzen, aber die sind weg.“
Mitschülerin Kira schätzt vor allem, dass man unter der Erde sicher vor den russischen Raketen ist. Sie klingt geradezu euphorisch: „Wir sind zufrieden, wir sind glücklich, wir können unseren Träumen näherkommen.“
Zumindest für einen halben Tag können die Schüler des Lyzeums Nr. 46 ein Stück weit ausblenden, dass ihr Land mit Krieg überzogen wird, betont auch Deutschlehrerin Bondarenko: „Sie sprechen miteinander, sie sehen einander. Das ist ein gemeinsames Gefühl hier in der Schule. Und was ich ganz wichtig finde, sie sind positiv gestimmt. Wir haben ein einziges Leben und wir müssen hier und jetzt Pläne schmieden.“
„Mir fehlt der Himmel“
Dennoch treiben die Kinder und Jugendlichen auch Sorgen um. Jungs könnten nach der Schule in die Armee eingezogen werden. Alle wissen, dass in Saporischschja das Leben fragil ist – jederzeit könnte eine russische Drohne einschlagen.
Das wirke sich auch auf die Zukunftspläne aus, räumt Ellina ein: „Ich möchte Grafikdesign oder Informatik studieren. Vielleicht wird die Ukraine künftig ein besserer Ort zum Leben sein, aber momentan möchte ich eigentlich nicht hier sein, um es ehrlich zu sagen.“
Julia Bondarenko scheinen solche Worte aber nicht zu betrüben. Sie wünscht ihren Schülern das Beste und ermutigt sie explizit, in Deutschland zu studieren – ein Land, das sie nach zahlreichen Reisen liebgewonnen hat.
An ihrem Arbeitsplatz unter der Erde vermisst sie vor allem eins: „Mir fehlen die Fenster, mir fehlt der Himmel. Der größte Wunsch ist der Sieg in diesem Krieg und der Frieden. Aber niemand weiß, wann es zu Ende ist.“
Source: tagesschau.de