Schulbau: Eine glatte 1 zu Händen diesen Architekten

Der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Neuengamme wurde aufgeboten, Fahnenträger, die örtlichen Honoratioren und die Kultursenatorin Ksenija Bekeris gingen voran, mehr als 1000 Schüler, Eltern und Bürger folgten im Festzug von der alten Schule am Kirchwerder Hausdeich zur neuen Stadtteilschule Kirchwerder. In deren Aula begrüßte Hamburgs Erster Bürgermeister Tschentscher die Festversammlung.

Der große Aufzug hatte seine Gründe. Zehn Jahre lang hatten die Bewohner des ländlich geprägten Ortsteils am äußersten Südostrand der Hansestadt auf diesen Tag gewartet, die holprige Planung und die Entstehung der Schule verfolgt und sie schließlich in die Höhe wachsen sehen. Und nun ist sie ihnen schon ans Herz gewachsen.

Zwei lang gestreckte Riegel stehen mit ihren Giebeln an einem gemeinsamen Vorplatz. Der etwas kürzere und breitere Nordriegel und der schlankere Südriegel stehen im spitzen Winkel zueinander und bilden den rückwärtigen Schulhof, der sich nach Osten zum weiten Marschland öffnet. Mit ihren dunklen, geschuppten Ziegelfassaden, die sich zu den Giebeln hin bugförmig krümmen und die Riegel wie eine schützende Haut umhüllen, entsprechen sie so gar nicht dem Bild, das zeitgenössische Schulneubauten gemeinhin bieten.

Weißraum: Die Aula verströmt eine fast sakrale Atmosphäre.Thomas Heimann

Man denkt an Reetdachhäuser mit tief herabgezogenen Traufen und Walmgiebeln, wie man sie in der Küstenregion allenthalben antrifft. Oder an große Feldscheunen oder an Archen, die kieloben an Land liegen. Aus der Luft sehen sie aus wie gestrandete Tanker, mit Photovoltaik und Lüftungsgeräten an Deck. Trotz der Dimensionen wirken sie nicht wie in die Landschaft abgeworfene Fremdkörper, sondern scheinen aus dem sumpfigen Marschboden gewachsen zu sein.

Unter hohem Kostendruck

Ein subtiler Regionalismus vielleicht, doch die Formen zitieren auch die frühe Moderne. Die trapezförmigen Fensteröffnungen und abgeschleppten Ziegeldreiecke sind purer Expressionismus, die Hüllform erinnert an Erich Mendelsohns zwischen 1921 und 1923 erbaute Hutfa­brik in Luckenwalde. Entworfen hat die Mittelpunktschule der Berliner Architekt Thomas Kröger (TKA), der den zweistufigen Architektenwettbewerb in Arbeitsgemeinschaft mit Eike Roswag-Klinge (ZRS Architekten und Ingenieure, Berlin) gewonnen hatte.

Ihr Entwurf für die erste Stufe des Wettbewerbs hatte noch einen einzelnen Baukörper von 350 Meter Länge vorgesehen und wurde im Preisgericht als absurd abgetan. Doch der damalige Baudirektor Jörn Walter erkannte das Potential der Arbeit und sprach sich für die Mitnahme in die zweite Phase aus. Durch die anschließende Teilung des Projekts in zwei Riegel konnte es die Jury schließlich überzeugen.

Im weiteren Fortgang teilten sich TKA und ZRS die Aufgabe. Kröger baute die Schule, während die Schulsporthalle am Nordrand des Areals von ZRS geplant wurde. Unter hohem Kostendruck entstanden, ist sie ein pragmatischer Funktionsbau nach Hamburger Sportbaunormen, der deshalb formal nicht mit den Schulgebäuden korrespondiert.

Es gibt eine beeindruckend großzügige Lehrküche

Auftraggeber war die SBH Schulbau Hamburg, ein Eigenbetrieb unter dem Dach der Finanzsenatsverwaltung. Ein Generalunternehmer wurde eingeschaltet – normalerweise nicht eben Garant für architektonische Qualität –, die Architekten lieferten Leitdetails und hatten ansonsten nur Beraterfunktion. Bodenaustausch und 550 Bohrpfähle im wenig tragfähigen Grund streckten Bauzeit und Baukosten, die sich auf 68 Millionen Euro summierten, die Sporthalle und die Freiflächengestaltung durch das Hamburger Büro G2 Landschaft eingeschlossen.

Im Inneren wollte auch Thomas Kröger nicht auf Sichtbeton verzichten.Thomas Heimann

Der SBH gelang es jedenfalls, den Entwurf fast unverändert zu realisieren. Und so profitieren die Schüler von einer Ausstattung in einem Standard, der aus anderen Bundesländern neidvolle Blicke auf sich zieht. In der „Vitalküche“ der Mensa wird frisch gekocht. Es gibt eine beeindruckend großzügige Lehrküche, Werkstätten für Holz- und Metallarbeit, Theaterräume mit Werkstatt sowie einen ­attraktiven Musikraum, flankiert von schallgedämmten Übezellen für Einzelinstrumente. Der Nordriegel beherbergt weitere Funktions- und Sonderräume. Die Aula vorn im Giebel strahlt schon vom Zuschnitt her und mit ihren gefalteten Wänden eine gewisse Sakralität und Festlichkeit aus. 300 Sitzplätze fasst der Saal, bis zu 600 Personen können hier feiern.

Dass die Architekten nur auf Ästhetik und den Genius Loci fixiert gewesen wären, kann man ihnen nicht vorwerfen. Sie haben auch raffinierte Grundrisslösungen für moderne, flexible Unterrichtsformen entwickelt. Es gibt kein simples Mittelflursystem, sondern – durch quergestellte Doppeltreppenhäuser voneinander getrennt – jeweils drei Brandschutzkompartimente.

Flächen für kreative Aktivitäten

Die Treppenhäuser zeichnen sich am Außenbau durch schmalere Dreiecksfenster ab und gliedern so den langen Bauriegel. Durchlaufende Fensterbänder der Klassenräume werden teilweise von den schrägen trapezförmigen Öffnungen der Fassade überlappt, was innen einen bergenden Raumeindruck erzeugt.

Einer der so genannten Dorfplätze, die schwarze Tafelfarbe an den Wänden darf bemalt werden.Hannes Heitmüller

Die Kompartimente ermöglichen die Aufweitung der Mittelflure zu Dorfplätzen, wie sie der Architekt nennt. Jeweils fünf bis sieben Klassenräume sind zu einem Cluster zusammengebunden. Die Dorfplätze sind polygonale Flächen, zum Teil mit abgetrennter gläserner Loggia; sie müssen nicht als Fluchtwege von Brandlasten frei gehalten werden und können für besondere Unterrichtsformen, für Kleingruppen und für den Aufenthalt genutzt werden.

Die Innenräume der Schule sind überraschenderweise von Betonästhetik geprägt. Ein leicht beigefarbener Fußboden mildert den kühlen Eindruck. Leichtbauwände sind weiß gestrichen. Die Dorfplatz-Wände sind großflächig mit schwarzer Tafelfarbe beschichtet, um den Schülern Flächen für kreative Aktivitäten zu bieten. Vielleicht war deshalb der Graffitischutzanstrich der Betonwände gar nicht notwendig.

Allzu gekünstelter Formalismus ist vermieden

Denn die Schule macht einen gepflegten Eindruck. Das mag der Lage in einer problemarmen ländlichen Gegend geschuldet sein, zeigt aber wohl auch die Wertschätzung, die die Schülerschaft ihrer Stadtteilschule entgegenbringt. Und diese Wertschätzung hat viel mit der Signifikanz und der attraktiven Form des Gebäudes zu tun, mit der sich die Menschen identifizieren. Jeder der Schüler wird sich sein Leben lang an diesen Schulbau erinnern.

Raumprogramm als Grundriss ausbilden, Konstruktionssystem auswählen, Fassadensystem entwickeln, so entsteht untadelige funktionalistische Architektur. Was fehlt, ist die Gestaltung schöner Häuser und attraktiver Räumlichkeiten. Schönheit, Raumempfinden – Aspekte, die Baukunst ausmachen, spielen heute in der auf Regeltreue und Effektivität fokussierten Architektenausbildung an den meisten Hochschulen keine Rolle mehr.

Architekt Thomas Kröger versucht immer, feinnerviger Moderne kraftvoll skulpturale Formen abzugewinnen, die sie individualisieren, wiedererkennbar machen. Auf dem Kirchwerder ist die Gratwanderung gelungen. Allzu gekünstelter Formalismus ist vermieden, Exotik und Spektakel bleiben außen vor, und doch steht da ein Schulbau von außerordentlicher Ausdruckskraft vor Augen – den die Menschen bewundern und mögen.

Das Hamburger Beispiel zeigt, dass es lohnenswert und erfolgreich ist, über den pragmatischen Rationalismus hinauszudenken, Schade nur, dass derlei Entwürfe in aller Regel von Bauwirtschaft und Behörden ausgebremst werden; dass es also außergewöhnlich engagierter Protagonisten in der Planung und in den Bauämtern bedarf, sie zu realisieren; dass gute Architektur nach wie vor ein Glücksfall und nicht die Regel ist.

Source: faz.net