Ukrainische Soldaten haben die NATO bei einer Übung in Estland überrumpelt. Zehn Drohnenpiloten soll es in der Simulation gelungen sein, zwei Bataillone kampfunfähig zu machen – das sind in der Regel jeweils einige Hundert bis etwa tausend Soldaten.
Entscheidend dafür war offenbar die überlegene Gefechtsführung der Ukrainer. Sie nutzten ein System, das als einzigartig gilt: Delta. Darüber erhalten Kommandeure und Einheiten Informationen über das Schlachtfeld in Echtzeit. Satelliten, Drohnen, Radare oder andere Sensoren liefern eine große Menge an Daten an das Smartphone, den Laptop oder das Tablet des Soldaten.
Das Delta-System ermöglicht Entscheidungen in kürzester Zeit
Auf einer digitalen Karte, vergleichbar mit Google Maps, sind feindliche Stellungen sowie verbündete Einheiten zu sehen und alles, was für die Operation wichtig sein könnte: Panzersperren, Schützengräben, Systeme zur elektronischen Kriegsführung. Mithilfe Künstlicher Intelligenz können gegnerische Fahrzeuge und Ausrüstung in wenigen Sekunden identifiziert werden.
Beim NATO-Manöver „Hedgehog“ im vergangenen Mai setzte die Ukraine Delta gegen die Bündnispartner ein, freilich nur zu Übungszwecken. Ihnen gegenüber standen Einheiten aus Großbritannien und Estland, die dabei wohl keine gute Figur machten. Ein ukrainischer Soldat erklärte nach der Übung, dass sie nicht auf einen Massenangriff mit Drohnen vorbereitet gewesen seien; man habe sie deutlich geschlagen.
Mit dem kriegserprobten Delta-System – es soll sich unter anderem bei der Verteidigung Kiews und der Rückeroberung von Cherson 2022 bewährt haben – konnten die Ukrainer operative Entscheidungen in kurzer Zeit treffen und die „Kill Chain“, die Kette von Aufklärung bis Angriff, erheblich verkürzen. Anders sah es bei den britischen und estnischen Truppen aus.
Beteiligte ukrainische Drohnenpiloten zählten die Schwachstellen des Bündnisses in den sozialen Medien schonungslos auf: große Konvois, die sich ohne angemessene Tarnung bewegen, Infanterie, die sich weder verteilt noch in Deckung geht – und Marschrouten, die nicht auf Minen untersucht werden. Laut einem Soldaten der berüchtigten Nemesis-Brigade haben die Ukrainer die gegnerischen Stellungen auch mit Aufklärungsdrohnen des Typs Vector ausgekundschaftet, ein deutsches Modell.
Dem „Wall Street Journal“ zufolge wurden bei der Simulation auf britisch-estnischer Seite 17 gepanzerte Fahrzeuge zerstört – innerhalb von zwölf Stunden. Ein Übungsteilnehmer sagte demnach, dass die Truppen ihre Fahrzeuge und Zelte auf dem Schlachtfeld einfach „geparkt“ hätten. In einem Szenario, in dem Drohnen die Front gläsern machen, kann das schnell nach hinten losgehen.
Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass es sich eben nur um eine Simulation gehandelt hat, bei der nicht die volle Feuerkraft der NATO – Kampfflugzeuge, weitreichende Präzisionswaffen oder integrierte Flugabwehr – zum Einsatz gekommen sei.
Die NATO hat Probleme beim Informationsaustausch
Dennoch offenbarte die Übung grundlegende Probleme in der Gefechtsführung. So sollen die angreifenden NATO-Soldaten bei der Koordinierung ihrer Mission viel länger gebraucht haben als die ukrainischen Verteidiger. Das war laut Medienberichten auf eine langsame Kommandokette zurückzuführen. Demnach haben die Einheiten entlang der alten hierarchischen NATO-Tradition „Kenntnis nur bei Bedarf“ gehandelt und sensible Informationen nur langsam oder beschränkt weitergegeben. Eigentlich will sich die NATO in Richtung einer „responsibility to share“, einer Verantwortung zum Austausch von Informationen, bewegen, um schnelle und präzise Entscheidungen treffen zu können.
Manche schielen nun auf das ukrainische Delta-System. Die Ukrainer haben bereits mehrfach gezeigt, dass es kompatibel mit den Bündnisstrukturen ist. Während der NATO-Übung „REPMUS 2025“ in Portugal hat Delta eine zentrale Rolle gespielt; mehr als 100 See-, Unterwasser-, Boden- und Flugdrohnen sind so koordiniert worden.
Die NATO lobt Delta überschwänglich. Es handle sich um ein „bahnbrechendes System“. Die Ukrainer hätten demonstriert, dass die Bündnispartner über Delta Lagebilder austauschen könnten – das gelte für Informationen aus der Luft, von See und aus dem Weltraum sowie für medizinische und logistische Daten. Mit der fortgesetzten Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und der NATO werde Delta „zu einem Eckpfeiler der alliierten Interoperabilität“ und gewährleiste eine einheitlichere und effektivere Verteidigung.
In der operationellen Realität der NATO ist die moderne Gefechtsführung aber offenbar noch nicht angekommen, wie das Manöver in Estland zeigte. Die ukrainische Nemesis-Brigade, die an der Übung teilnahm, teilte auf Facebook mit: Man sei sehr interessiert daran, „dass die NATO-Truppen ihre Taktik der modernen Kriegsführung überdenken“ und sich so schnell wie möglich auf die russische Bedrohung vorbereiteten. Es wird Zeit.
Source: faz.net