Dass den Mutigen die Welt gehöre, ist einer seiner Leitsätze – dass er leichtfertig das Leben seiner Mitarbeiter und seine Schiffe riskiere, führen seine Gegner an: Der griechische Reeder Georgios Prokopiou ist derzeit einer der ganz wenigen, die mit ihren Tankern durch die Straße von Hormus fahren und damit das Risiko in Kauf nehmen, von iranischen Raketen, Bomben oder Torpedos angegriffen zu werden. Seit dem 2. März hat er nach Angaben von Schiffsanalysten mindestens fünf Tanker durch die bedrohte Meeresenge geschickt. Das zeigen maritime Verkehrsdaten, die der F.A.Z. vorliegen. Fast alle Konkurrenten von Prokopious’ Firma Dynacom haben dagegen die Fahrten eingestellt. Hunderte ihrer Schiffe stauen sich im Persischen Golf. Sie werden von den Ölförderern zunehmend als Ausweichlager genutzt, doch sie finden nicht den Weg zu den Kunden. „Er geht da auf volles Risiko, Versicherungsschutz ist so gut wie nicht vorhanden“, sagt Maria Bertzeletou, Analystin bei der griechischen Beratungsgesellschaft Signal Group.
Er transportiert auch viel russisches Öl
Prokopiou und seine Firma wollen zu Berichten über seine gefährlichen Durchfahrten nicht Stellung nehmen. Nur dem griechischen Nachrichtenportal „mononews“ hat er auf Anfrage gesagt: „Menschen auf unseren Schiffen sind in Gefahr. Wir müssen sie schützen. Veröffentlichungen richten nur Schaden an. Wenn die Geschichte vorbei ist, werden wir sprechen.“ Freilich werden die iranischen Militärs nicht erst aus der Zeitung erfahren, wenn sich ein Schiff auf den Weg durch die Meeresenge macht. Mehrere Seeleute sind seit Kriegsbeginn Ende Februar bei Angriffen iranischer Streitkräfte oder der Revolutionsgarden ums Leben gekommen. Doch Prokopiou nimmt die Gefahren in Kauf. Der 79 Jahre alte Grieche ist bekannt dafür, dass er dort fährt, wo andere es nicht tun. Seit Jahren transportiert er etwa russisches Öl und schrammt dabei oft knapp an den Sanktionsgrenzen vorbei, wenn er sie nicht auch mal überschreitet.
Für die nun gewagten Fahrten durch die Straße von Hormus soll er nur Schiffsbesatzungen eingesetzt haben, die freiwillig dazu bereit waren, heißt es in verschiedenen Medienberichten. Erhebliche Prämien sollen dabei gezahlt worden sein. Das kann er sich gut leisten. Denn seine Dienstleistung verkauft Prokopiou teuer. Ein großer Rohöltanker, der durch die Meeresenge zwischen Iran und Oman etwa nach China fahre, könne bis zu 500.000 Dollar pro Tag einnehmen, heißt es bei der Fachpublikation Argus – rund viermal so viel wie vor dem Angriff auf Iran.
Trumps Schifffahrtsversicherung wirkt bisher nicht
Kriegsschädenversicherungen sollen vereinzelt vorhanden, doch sehr teuer und nur für bestimmte Fahrten abschließbar sein. US-Präsident Donald Trump hat die Reeder kürzlich aufgefordert, mehr Mut zu zeigen und ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Er ordnete die Einführung einer speziellen Schiffsversicherung durch eine amerikanische Behörde an. Doch wie der Fachdienst Argus berichtete, sind die Einzelheiten noch unklar; der Verkehr dürfte nach Ansicht von Marktteilnehmern kaum zunehmen, solange die Sicherheitsrisiken so hoch seien wie derzeit.
Prokopiou ist in Griechenland einer der profiliertesten Vertreter der wirtschaftlich und politisch wichtigen Reederei-Branche. „Wer keine Risiken eingeht, kann nicht in der Schifffahrt tätig sein“, ist sein Motto; wer das nicht wolle, solle lieber amerikanische Staatsanleihen kaufen, wie er sagt.
Für Deutschland liefert Prokopiou schwimmende Flüssiggasterminals
Auch in Deutschland macht der Grieche seine Geschäfte. Bei der Energiekrise 2022 charterte die Bundesregierung in Wilhelmshaven zwei von vier schwimmenden Terminals für die Einfuhr verflüssigten Erdgases von ihm. Der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck dankte ihm ausdrücklich für den Deal, der Deutschland half, weniger abhängig von Russland zu werden. Griechische Reeder, die oft familiengeprägten Unternehmen vorstehen, sind weltweit führend beim Transport von Rohöl, doch sie haben auch früh in Flüssiggasanlagen investiert. Dabei liegt ihre Stärke im Spotgeschäft, wo sie im Gegensatz zum Linienverkehr rasch und kurzfristig einzelne Transporte aushandeln.
Prokopiou hat das richtige Gespür für neue Entwicklungen immer wieder bewiesen. Nach dem Universitätsabschluss als Ingenieur in Athen kaufte er schon im Alter von 25 Jahren mit Partnern sein erstes Frachtschiff der Firma Getty Oil ab. Heute ist der Unternehmer in seiner Heimat auch als großer Immobilieninvestor unterwegs. Zudem gehören ihm Villen und anderes Wohneigentum im Ausland, etwa im exklusiven italienischen Küstenort Portofino.
Im Kerngeschäft der Schifffahrt nennt Prokopiou 116 Frachter sein Eigen, darunter Tanker für Rohöl, Trockengutfrachter sowie Schiffe für Flüssiggas. Den Wert seines Vermögens, darunter sein Firmenimperium mit den Unternehmen Dynacom, Dynagas, Sea Traders und eine umfangreiche Beteiligung an Dynagas LNG Partners, schätzt das Magazin „Forbes“ auf rund 4,7 Milliarden Dollar. Dem Meer ist er eng verbunden: Viel Zeit verbringt er auf seiner mehr als 100 Meter langen Yacht namens „Dream“, die oft vor der Küste von Glyfada südlich von Athen vor Anker liegt. Auch für seine Nachfolge hat er gesorgt: Drei seiner vier Töchter arbeiten in einem seiner Unternehmen.
Die gewagten Überfahrten durch die Straße von Hormus haben indes die Arbeitnehmerorganisationen kritisiert. Denn die Risiken für die Besatzungen seien zu groß. Die International Transport Workers’ Federation (ITF) will dabei nicht an die vollkommene Freiwilligkeit der Seefahrer bei der Frage glauben, ob sie bei solchen Fahrten an Bord gehen oder nicht. Mit hoher Bezahlung zu locken, sei problematisch, findet die Gewerkschaft. Dennoch hat sie sich auf ein Abkommen mit den großen Reedereien eingelassen und unlängst die Meerenge als Kriegsgebiet erklärt, um den Schutz der Besatzungen zu verbessern. Die Vereinbarung sieht eine hundertprozentige Prämie für die Mitarbeiter vor sowie eine Verdopplung der Entschädigung bei Tod oder Invalidität infolge eines Angriffs.