Spiele im Allgemeinen und Schach im Besonderen werfen eine Vielzahl ontologischer und epistemologischer Fragen auf. Gerade Schach verführt jedoch aufgrund seiner auf der Oberfläche sichtbaren Versuchsanordnung zu einem bedeutsamen Irrtum. Dessen Aufklärung wiederum wirft Licht auf eine der Grundfragen der Philosophie: Was heißt es zu denken? Die relevanten Züge auf dem Weg zur Beantwortung der Frage „Was ist Schach?“ sind daher immer auch Spielzüge der Philosophie.
Der Irrtum, den ich meine, besteht in der Annahme, Schach sei im Kern ein Kräftemessen zweier Parteien, die deterministische Pfade berechnen. Wer besser rechnet, die Züge des Gegners präziser antizipiert und das Spiel mit möglichst undurchsichtigen, schwer berechenbaren Fallen anreichert, gewinnt die Oberhand, sofern er nicht selbst einem Rechenfehler unterliegt. Schach erscheint in dieser Perspektive als paradigmatischer Fall eines rechnenden Denkens: ein Verfahren, das mögliche Stellungen mitsamt wahrscheinlicher Fortsetzungen mental antizipiert und dabei unterstellt, dass der Gegner sich mindestens ebenso rational verhält. Tut er es nicht, wird er ohnehin verlieren; das wäre dann Ausdruck dessen, was Ludwig Wittgenstein die „Härte des logischen Muss“ genannt hat.
Der Unterschied zwischen Taktik und Strategie
Vor diesem Hintergrund hält sich hartnäckig die Vorstellung, starke Schachspieler zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie „weiter vorausdenken“ als ihre Gegner. Die Differenz zwischen Stärke und Schwäche wird sodann entlang der Tiefe der Berechnung gezogen. Auch der klassische Unterschied zwischen Strategie und Taktik scheint sich in dieser Variante erklären zu lassen: Strategie bestünde im Herstellen von Bedingungen – also Stellungen –, in denen sich eindeutige Gewinne berechnen lassen; Taktik wäre die Fähigkeit, solche Berechnungen möglichst weit in die Zukunft zu treiben. Taktik wäre das knallharte Ziel, Strategie der etwas luftigere Weg.
Doch diese Phänomenologie des Schachs greift zu kurz. Sie unterschätzt den dynamischen Charakter des Spiels. Insbesondere verkennt sie, dass die Figuren keinen festen, skalaren Wert besitzen, anhand dessen sich eindeutig berechnen ließe, worin ein Vorteil besteht. Die im Unterricht gängigen Zahlen – Bauer eins, Springer und Läufer drei, Turm fünf, Dame neun, König dann wohl: unendlich – sind nützliche Heuristiken, aber keine invarianten Größen. Wer sie für bare Münze nimmt und sein Spiel auf die Maximierung solcher Werte ausrichtet, wird rasch feststellen, dass sich das Spiel nicht in dieser Logik erschöpft. Ein scheinbar „schwacher“ Bauer kann, richtig platziert, eine Stellung dominieren; eine „starke“ Figur kann in struktureller Passivität nahezu wertlos werden. Der Wert der Figuren ist somit nicht absolut, sondern relational. Er ergibt sich aus dem Zusammenhang der Stellung. Schachstellungen sind keine statischen Anordnungen diskreter Einheiten, sondern dynamische Gefüge: Spannungen, Linien, Blockaden, latente Möglichkeiten. In dieser Hinsicht lassen sie sich, in einer mathematischen Analogie, als Vektorfelder begreifen, in denen jede Figur ihre Bedeutung aus ihrer Einbettung in ein komplexes Kraftfeld bezieht. Die einzelnen Stellungen einer Partie bilden dann nicht eine bloße Abfolge, sondern eine Transformation solcher Felder, deren Muster sich überlagern, verstärken oder auflösen. Die Sinnfelder des Schachs werden durch den Spielverlauf gekrümmt, gedreht, transformiert und nicht einfach nur linear durchgerechnet.
Die ästhetische Qualität einer Partie entsteht gerade aus dieser Dynamik. Bekannte Muster – etwa der Druck auf einer offenen Linie, die Dominanz eines Springers im Zentrum oder die Fernwirkung eines fianchettierten Läufers – treten in immer neuen Konstellationen auf und erzeugen dabei Konfigurationen, die sich nicht vollständig aus allgemeinen Regeln ableiten lassen.
Die Kombinatorik des Schachs ist bei weitem nicht erschöpft; der Raum möglicher sinnvoller Partien bleibt astronomisch groß. Die nach Claude Shannon benannte Shannon-Zahl deutet diese Größenordnung an: Selbst stark eingeschränkte Schätzungen für die Zahl sinnvoller möglicher Partien führen auf Zahlen, die die Anzahl der Atome im Universum weit übersteigen. Gerade deshalb bewegen sich Schachspieler – und mit ihnen auch moderne Programme wie MuZero – nicht primär rechnend in diesem Möglichkeitsraum. Eine solche berechnende Navigation wäre hoffnungslos. An die Stelle exhaustiver Berechnung tritt vielmehr eine durch Erfahrung erworbene Fähigkeit, Stellungen als sinnvolle Strukturen zu erfassen. Diese Schach-Intuition reduziert die Komplexität nicht, indem sie sie beseitigt, sondern indem sie sie nach Sinnkriterien vorsortiert und ästhetisch ordnet. Aus der Vielzahl legaler Züge wird eine überschaubare Menge plausibler Kandidaten. Auch die Programme bewegen sich entlang der Schönheitslinien des Spiels, schätzen diese aber bisweilen anders ein, weil sie weniger hartnäckig auf ihre eingeübten Intuitionen vertrauen, sodass es ihnen leichter fällt, Züge zu durchdenken, die auf Menschen hässlich und unsinnig wirken mögen.
Schach ist mehr als ein System von Regeln
Erfahrene Spieler „sehen“ eine Stellung: Sie erkennen Schwächen, Spannungen, Entwicklungspotentiale. Ein vorgeschobener Bauer kann wie ein nicht mehr entfernbarer Stachel wirken; ein schlecht koordinierter Figurenverband kann trotz materiellen Vorteils strukturell verloren sein. Solche Einsichten sind nicht das Ergebnis expliziter Berechnung, sondern Ausdruck einer eingeübten Mustererkennung.
In dieser Perspektive lässt sich von einer Feldtheorie des Schachs sprechen; im Unterschied zu einer naiven Berechnungstheorie. Diese Feldtheorie erklärt, warum geübte Spieler oft auf einen Blick beurteilen können, welche Seite im Vorteil ist, und warum sie aus der enormen Menge möglicher Züge diejenigen auswählen, die im gegebenen Kontext überhaupt sinnvoll sind. Der Möglichkeitsraum des Spiels wird gleichsam durchzogen von Mustern, die ihn strukturieren und – um eine ästhetische Metapher zu verwenden – marmorieren.
Zu dieser Struktur tritt eine weitere, nicht minder wichtige Dimension: die ästhetische. Schach ist nicht nur ein System von Regeln, sondern auch ein bedeutsames kulturelles Artefakt. Die Gestalt der Figuren, das Material des Brettes, die Atmosphäre eines Turniers – all dies beeinflusst die Erfahrung des Spiels. Die mitunter vertretene Reduktion des Schachs auf reine Funktionalität, wie sie etwa im Ideal eines streng funktionalen Designs (man denke an die Bauhausfiguren) anklingt, verfehlt daher einen wesentlichen Aspekt: die Rolle der Anschauung. Diese Anschauung ist freilich kein kantisches Apriori, sondern das Resultat von Erfahrung. Sie bewegt sich in einem Zwischenraum: zwischen Berechnung und Einfall, zwischen Mathematik und Musik. Beide Sphären sind verwandt, aber nicht identisch. Wie im musikalischen Vortrag am Klavier erschöpft sich auch im Schach die Meisterschaft nicht im fehlerfreien Vollzug von Regeln (dem klimpernden Handwerk), sondern zeigt sich in der Qualität des Ausdrucks.
Damit ergibt sich ein scheinbares Paradox. Die Überlegenheit moderner KI-Systeme beruht nicht allein auf gesteigerter Rechenleistung, sondern wesentlich auf ihrer Fähigkeit zur Mustererkennung in hochdimensionalen Zustandsräumen. Gerade dadurch erscheinen sie in gewisser Weise „intuitiv“. Zugleich lernen wir an ihnen etwas über uns selbst: dass unsere Intuitionen keine mystischen Eingebungen sind, sondern Operationen in dynamischen Sinnfeldern. Das menschliche Denken erweist sich als weniger fundamental verschieden von maschinellen Verfahren, als lange angenommen wurde; eine Einsicht, die im Gegensatz zu Positionen steht, wie sie etwa von Roger Penrose in seiner Kritik des rechnenden Denkens vertreten wurden.
Diese Überlegungen führen zurück zu einer klassischen Erkenntnis, die sich bereits bei Aristoteles findet. In der Poetik beschreibt er das dichterische Talent als die Fähigkeit, „das Ähnliche zu erkennen“. Überträgt man diesen Gedanken auf das Schach, so zeigt sich: Denken ist hier weder bloßes Rechnen noch bloßes Urteilen, sondern die Fähigkeit, Muster in einem Feld von Möglichkeiten zu identifizieren und produktiv zu variieren.
Schach wird damit zu einem Modellfall des Denkens überhaupt. Wir durchqueren seine Sinnfelder nicht, indem wir uns linear durch sie hindurchrechnen, sondern indem wir Transformationen an ihnen vornehmen, nicht-lineare Operationen, die wir als Intuition erfahren. Die Schönheit des Schachs entsteht aus dieser Bewegung: aus der Abfolge von Stellungen, die sich wie poetische Gebilde in einem mathematischen Raum entfalten, als geometrische Figuren in einem dynamischen Feld.
Doch wie in der Musik gilt auch hier: Perfektes Handwerk ist nicht identisch mit Genie. Dieses zeigt sich vielmehr in der Überlegenheit des ästhetischen Urteils und damit in jener schwer zu formalisierenden Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu sehen. Für die Philosophie bedeutet dies womöglich, wie ich schon lange mutmaße, dass sie eine Art Begriffsschach ist, dessen Regeln erst während des Spiels entstehen, was zu der derzeit bei weitem nicht beantwortbaren Frage führt, wie es aussehen würde, wenn eine entsprechend trainierte KI beginnen würde, im Spiel der Philosophie mitzuspielen.
Source: faz.net