Im Frühjahr 1987 nahm ich mir ein Freisemester, um in Mexiko ein Buch zu schreiben, mein Spanisch zu verbessern und eine andere Art Leben auszuprobieren, als es die Münchener Universität zu bieten hatte. Das Buch, ein Roman, wurde in den folgenden vier Monaten nur halb geschrieben; das Spanische machte schöne Fortschritte; doch das „andere Leben“ nahm schon nach wenigen Tagen eine Form an, die ich nicht vorausgesehen hatte und dessen genauere Beschaffenheit mir auch jetzt, fast vierzig Jahre später, wie ein merkwürdiger, nicht zu entschlüsselnder Traum vorkommt.
In unserem hübschen Mietshaus in Mexiko-Stadt im Stadtteil Coyoacán lernte ich schon in den ersten Tagen einen bärtigen Schweizer kennen, der die Wohnung mit seiner mexikanischen Freundin teilte. Jürg war ein begeisterter Schachspieler. Eines Tages kam er mit Schachbrett und Schachfiguren in unsere Wohnung hinunter und fragte, ob ich Lust hätte, eine Partie zu spielen. Warum nicht, dachte ich, auch wenn ich außer den Regeln nicht viel wusste. Unerfahrene Spieler bezeichnen sich ja gern als Nieten, und im Allgemeinen haben sie damit recht.
Im reinen Präsens des Schachspiels
Aus Gründen, die ich nicht mehr rekonstruieren kann, lernte ich aber ungewöhnlich schnell dazu, und bald war der Ausgang der Partien zwischen Jürg und mir völlig offen. Wir nahmen das Schachspiel ähnlich ernst, wir verbissen uns in unsere Partien. Woher dieser Ernst kam und wo er sich all die Jahre über versteckt hatte, weiß ich ebenso wenig wie die meisten anderen Dinge, die mir mein damaliges Verhalten erklären könnten. Denn innerhalb weniger Tage hatte mich die Schachsucht ergriffen, ich finde kein anderes Wort dafür. Sobald Jürg das Brett aufgebaut hatte, bekam ich eine Gänsehaut, und ich musste mir einen Pullover holen, um nicht zu frieren.
Wir spielten zwei oder drei Stunden, manchmal auch länger. Vielleicht war Jürg ja so süchtig wie ich und hatte es mir nur nicht verraten? Während er über seinen nächsten Zug grübelte, beobachtete ich seine körperlichen Reaktionen, entdeckte aber nichts Auffälliges. Der Auffällige war allein ich: auf kalte Weise entzündet – wenn das Endspiel näher rückte, begann ich zu frieren und spürte ein Zittern in den Händen –, von einem sonderbaren Fieber gepackt und so auf das Brett und die Figuren fixiert, dass ich an nichts anderes denken konnte, Essen und Trinken vergaß und im reinen Präsens des Schachspiels lebte. Das spanische Wort für Schach, „ajedrez“, verrät noch den arabischen Einfluss auf das Spiel aller Spiele.
Was wusste Stefan Zweig vom Schach?
Bald war es mir zu wenig, auf die Duelle mit Jürg zu warten. An manchen Nachmittagen nahm ich ein Sammeltaxi, fuhr ins legendäre Café der Buchhandlung Gandhi auf der endlosen Avenida de los Insurgentes und suchte dort nach Gegnern. Ich fand sie immer, die Mexikaner sind begeisterte Schachspieler. Meistens waren meine Partner stärker als ich, aber das war egal. Ich brauchte ja Kontrahenten, um von ihnen zu lernen, und wenn es mir gelang, vielleicht eine Partie zu gewinnen, fühlte ich mich auf meinem Weg bestätigt, obwohl das Gewinnen in meinen Augen völlig zweitrangig war. Ich wollte das Spiel verstehen, seine Geheimnisse ergründen, das Handwerk des Schachspiels beherrschen, so wie es ganz offensichtlich mich beherrschte. Es dauerte nicht lange, und ich begann, berühmte Partien früherer Jahrzehnte nachzuspielen. Wirklich gut wurde ich nie, mein Kopf ist nicht dafür gemacht. Ich fand es rätselhaft, dass die Beschränktheit meines Spiels nichts an der in Mexiko erblühten Obsession änderte.
Fieberträume haben keine Struktur. Meine damalige Schachbesessenheit allerdings hat in der Erinnerung über all die Jahre hinweg eine erklärungslose, übergenaue Bildkraft bewahrt, als sähe ich eine Figur außerhalb meiner selbst in einem Film. Eines Tages fuhr ich in jenen Monaten ins Goethe-Institut von Mexiko-Stadt, um noch einmal Stefan Zweigs „Schachnovelle“ zu lesen, aber was hatte das Schicksal eines Gefolterten, der sich in das Schachdenken stürzt wie in eine zweite, diesmal freiwillige Haft, mit meinem eigenen Schachspiel zu tun? Nichts. Nicht das Geringste, wenn man von Herzklopfen und gewissen Erregungszuständen absieht. So war es, und so blieb es.
Nach gut vier Monaten war der mexikanische Aufenthalt zu Ende. Meine Schachleidenschaft erlosch, sobald ich wieder in Deutschland war, und das Schachbrett hat mich nie wieder gereizt. Nur wenn ich anderen zuhöre, wie sie von den kalten Dramen dieses Spiels erzählen, erinnere ich mich an den jungen Mann von damals, der im Griff einer bis heute unerklärlichen Krankheit war.
Source: faz.net