Satelliten-Start-ups Warnen Merz: Streit um die Weltraum-Milliarden jener Bundeswehr

Deutschland rüstet auf – auch im All. Angesichts der akuten Bedrohungslage sollen hierzulande bislang unvorstellbare Summen in bislang unvorstellbarem Tempo in die Weltraumverteidigung gesteckt werden. Die im September vorgestellten Investitionspläne der Bundesregierung haben ein Volumen von 35 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) mit ihren 23 Mitgliedstaaten hat ein Jahresbudget von etwas mehr als sieben Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2030 sollen die deutschen Weltraummilliarden fließen. Geplant sind neue Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, Startfähigkeiten und andere Dienstleistungen.

Warnung vor nationalen Monostrukturen

Doch schon hagelt es scharfe Kritik. Start-ups, kleine und mittelgroße Unternehmen fürchten, in den milliardenschweren Vorhaben nur die zweite Geige zu spielen. Weil jetzt alles ganz schnell gehen soll, drohten die vielen Milliarden einfach in herkömmlicher Beschaffungsmanier an etablierte Konzerne verteilt zu werden. Dabei sei in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an hochinnovativen Unternehmen der deutschen „New Space“-Szene entstanden. Sie sollten bei der Projektvergabe gleichberechtigt als Auftragnehmer berücksichtigt werden. Mehr Wettbewerb zuzulassen,  werde demnach die neuen Weltraumsysteme leistungsfähiger und resilienter machen.

Schon in den vergangenen Wochen haben Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen mehrere Brandbriefe an die politischen Entscheidungsträger in Berlin verschickt. Mit einem am Mittwoch an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU), Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) verschickten Positionspapier machen 23 Branchenvertreter nun noch einmal Druck. In dem achtseitigen Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt, warnen sie eindringlich davor, bei Weltraumsystemen nun „ausländische Monostrukturen durch neue nationale Monostrukturen zu ersetzen“.

Gleichberechtigte Partner statt Komponentenlieferanten

Deutschland sei mit Satelliten im Hintertreffen, aber ein „Quick fix“ helfe nicht weiter, warnt Max Gulde, der Initiator der Initiative, gegenüber der F.A.Z. Der Physiker ist Mitgründer und Chef von Constellr, einem Spezialisten für Wärmebilder aus dem All, der auch schon zwei aktive Satelliten betreibt. Deutschland brauche den Wettbewerb von Anbietern, sagt Gulde. „Wenn ein paar davon scheitern, ist immer noch das System intakt. Der Staat muss als Architekt für ein solches Ökosystem auftreten.“

Er werde immer gefragt, ob sein Unternehmen behaupte, besser Satelliten bauen zu können als die Platzhirsche OHB oder Rheinmetall. „Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir uns die Aufgabe aufteilen. Aber gleichberechtigt und nicht als Komponentenzulieferer. Wir wollen direkt Verträge abschließen.“

Das Bündnis weist in seinem Schreiben darauf hin, dass Deutschland beim Aufbau eines Öko-Systems nicht bei Null starte. „Die hier vertretenen Commercial-Space Unternehmen haben bereits gezeigt, was möglich ist: über 1500 hochqualifizierte Mitarbeiter, ein Auftragsvolumen von einer knappen Milliarde Euro durch die Hebelung substanziellen Privatkapitals, mehr als 50 Satelliten, Träger oder Raumkapseln im Orbit sowie über 20 weitere Systeme in Produktion.“ Gezielte Ankeraufträge durch den Staat könnten jetzt das Ökosystem in eine neue Größenordnung heben. „Ich hoffe, dass das Positionspapier eine lebendige Diskussion aller Beteiligten anstößt“, sagt Gulde der F.A.Z.

Wie eine Gazelle, die man an einen Elefanten bindet

Vor allem der sich abzeichnende Vergabeprozess bei SATCOMBw 4 erzürnt die „New Space“-Vertreter. Diese geplante Kommunikationskonstellation der Bundeswehr soll aus mindestens hundert Leo-Satelliten bestehen und hat ein Projektvolumen von bis zu zehn Milliarden Euro. Schon 2029 soll sie ihren Betrieb aufnehmen. Um innerhalb so kurzer Zeit so ein System zu errichten, gilt die Auftragsvergabe an ein Konsortium aus den etablierten Satellitenbauern OHB und Airbus sowie dem Rüstungskonzern Rheinmetall als sehr wahrscheinlich.

Start-ups, kleinen und mittleren Unternehmen verblieben dann wohl nur die Rolle als Subunternehmer des Konsortiums. Unternehmer Gulde macht deutlich, wo aus Sicht der neuen Anbieter das Problem liegt: „Um Tempo aufzunehmen bindet man eine Gazelle an einen Elefanten in der Hoffnung, dass der Elefant dann so schnell läuft wie die Gazelle. Aber das wird nicht funktionieren. So schafft man keine Innovation.“

Dass es auch anders ginge, buchstabieren sie in ihrem Positionspapier aus. Demnach sollten unter anderem mindestens 20 Prozent der verfügbaren Weltraummittel „als verbindliche Beschaffungsanforderung in einem separaten direkten Vergabepfad“ für junge, privatwirtschaftliche Unternehmen („Commercial-Space“) und kleine und mittlere Unternehmen reserviert werden. Auch sollte jede neue strategische Fähigkeitslinie, wo ein Markt vorhanden ist, mit mindestens drei parallelen Anbietern starten. Es brauche „belastbare Vergleichbarkeit statt früher Festlegung auf einen Gewinner“. Folgeaufträge sollten zudem entlang nachgewiesener Leistung vergeben werden.

„Echte, systemische Resilienz entsteht nicht durch Konzentration, sondern durch mehrere leistungsfähige Anbieter, die parallel entwickeln, liefern und sich im Einsatz bewähren“, heißt es in dem Positionspapier. „Monostrukturen“ machten Systeme „langsamer, teurer und fragiler“. Der Unmut der „New Space“-Vertreter ist auch deshalb so groß, da Deutschland nun das tut, was es bei europäischen Weltraumprojekten immer kritisiert hat. Das gilt nicht zuletzt für die geplante Satellitenkonstellation IRIS2, die eine unabhängige weltraumgestützte Telekommunikation in Europa ermöglichen soll. Der Streit über dieses System war überhaupt erst Anlass für die Bundeswehr, mit SATCOMBw 4 einen eigenen nationalen Weg zu beschreiten.

Bis heute wird von deutscher Seite beklagt, der IRIS2-Initiator, der frühere französische EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton, habe etablierten Konzernen bei der Ausschreibung begünstigt. So sei ein Konsortium entstanden, das Mittelständler und die aufstrebende „New Space“-Szene in Deutschland unzureichend einbeziehe. IRIS2-Konsortialpartner sind mit Eutelsat, SES und Hispasat tatsächlich drei etablierte Satellitenbetreiber aus Frankreich, Luxemburg und Spanien. Wer die dafür vorgesehene Mischflotte aus großen, mittelgroßen und kleineren Satelliten baut, ist allerdings noch nicht final geklärt.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (links) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (dritter von links) neben dem Modell einer Rakete des deutschen Start-ups Isar AerospaceAFP

Die Kosten für IRIS2 werden auf 10,6 Milliarden Euro veranschlagt und damit auf eine ähnliche Größenordnung wie SATCOMBw 4. Die Leistungsanforderungen aber unterscheiden sich. So soll IRIS2 als Gegenentwurf zur Starlink-Konstellation des Amerikaners Elon Musk die ganze Palette an militärischen, staatlich-hoheitlichen und industriellen Anwendungen ermöglichen; Kritiker sprechen von einer eierlegenden Wollmilchsau. SATCOMBw 4 dagegen soll rein der Kommunikation der deutschen Streitkräfte und militärischen Anwendungen wie der Drohnensteuerung dienen. Vor diesem Hintergrund hält man in Berlin Abstriche beim Wettbewerb für gerechtfertigt. Bei militärischen Vorhaben müssten nun mal andere Standards und eine höhere Sicherheitsstufe gelten als bei gewöhnlichen Industrieprojekten. Auch müsse es wegen der akuten Bedrohungslage eben schnell gehen.

Dabei hat Deutschland das florierende „New Space“-Ökosystem in den vergangenen Jahren immer hochgehalten – nicht zuletzt gegen Kritik aus Europas traditioneller Weltraumführungsmacht Frankreich, das regelmäßig eine Zersplitterung von Investitionen geklagt. Es drohe ein ruinöser Wettbewerb, lautet die bis heute vorherrschende Meinung in Paris, dabei sollte Europa im Kampf gegen SpaceX die Kräfte in der Raumfahrt besser bündeln. Vor allem in der Trägerraketenindustrie trat Berlin als Verfechter von mehr Wettbewerb auf. Der 2020 gestartete Mikrolauncher-Wettbewerb der Deutschen Raumfahrtagentur sicherte technologieoffen eine Anschubfinanzierung. Er hatte von Anfang an das Ziel, das Quasimonopol der Hersteller Arianegroup aus Frankreich und Avio aus Italien zu brechen.

Deutsche Hoffnungsträger für eigene Raketen

Heute verfügt Deutschland mit Isar Aerospace aus München, der Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse aus Neuenstadt am Kocher über drei führende europäische Trägerraketen-Start-ups. Auch die ESA tritt unter der Führung des Österreichers Josef Aschbacher für mehr Wettbewerb ein. Dieser, nicht herkömmliche Industriepolitik habe schließlich den Aufstieg von SpaceX mit seinen Innovationen wie der wiederverwertbaren Trägerrakete Falcon 9 ermöglicht.

„Die letzten 50 Jahre haben wir als ESA mit den Ariane 1 bis 6 und der mittelgroßen Vega die Raketen selbst entwickelt“, sagte Aschbacher vergangenes Jahr der F.A.Z. Dieses Prinzip werde sich mit der European Launcher Challenge ändern, dem neuen Wettbewerb zur Entwicklung neuer Trägerraketen. Die NASA habe vor einigen Jahren deren System aufgebaut, aus dem sich SpaceX entwickelt hat – nun wende man die gleiche Methode an, so der ESA-Chef: „Wir entwickeln die Rakete nicht selbst, sondern treten als Ankerkunde auf und kaufen eine Startdienstleistung von einem Betreiber“.

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