Ja, aber wir müssen Flagge zeigen! Das ist wichtig für Deutschland, für Europa – und natürlich auch für SAP. Es ist absolut sinnvoll, hier auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu sein. Nirgendwo trifft man in so kurzer Zeit so viele Entscheidungsträger auf so engem Raum. Insofern ist Davos auch für SAP ein sehr effektives und zentrales Event.
Und doch dreht sich hier alles um Donald Trump und seine jeweils jüngsten Ankündigungen.
Ja, aber man könnte auch sagen: Die aktuellen Diskussionen können für Europa sogar hilfreich sein, weil wir an der einen oder anderen Stelle vielleicht souveräner werden. Und vielleicht sehen wir in fünf Jahren hier in Davos wieder mehr europäische Unternehmen, die an der Promenade, also hier auf der Hauptstraße, mit eigenen Auftritten Flagge zeigen.
Ihren Optimismus in Ehren, aber die Auflösung weltumspannender Handelsketten, die sich derzeit andeutet, kann doch einem Unternehmen wie SAP gar nicht recht sein.
Was immer passiert: Klar ist, dass Unternehmen Unsicherheit über künftige Entwicklungen grundsätzlich nicht mögen. Gleichzeitig ist eine mögliche Fragmentierung aber auch ein Thema, bei dem wir als Software-Weltmarktführer im Bereich der Lieferketten unterstützen können. Denn Unternehmen brauchen dann intelligente Software, um sich schnell an veränderte Rahmenbedingungen anpassen zu können.
Nennen Sie gerne ein Beispiel.
Beim Thema Zölle ermöglichen wir unseren Kunden, ihre Lieferketten und Einkaufswege auf Basis der jeweils geltenden Tarife zu optimieren. Das macht schnelle und fundierte Entscheidungen in einer volatilen Lage überhaupt erst möglich.
Neben der nervösen weltpolitischen Lage gibt es die Herausforderung durch die Künstliche Intelligenz (KI). Bevor Trump nach Grönland griff, dachte man, KI-Agenten würden das große Thema in Davos. Ganz so ist es nicht geworden. Und: Die KI-Agenten arbeiten dort, wo sie im Einsatz sind, bisher auch nicht richtig gut zusammen. Ist das ein Problem, das SAP in naher Zukunft in den Griff bekommt, oder hängt das sehr davon ab, wie die Datenqualität ihrer Kunden aussieht?
Die Frage zeigt sogar die Stärke der SAP. Im Unternehmensumfeld liegen die Daten in unseren Applikationen, SAP unterstützt hier entscheidend. Der gesamte Kontext, also das Wissen über Prozesse, Dokumente, und Objekte in Kombination mit der Cloud, steckt schon in den SAP-Systemen. Wir haben so den vollständigen Überblick über jedes Objekt, jede Transaktion und jeden Prozess, der im Unternehmen abläuft. Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir zudem an offenen Protokollen gearbeitet, damit KI-Agenten miteinander agieren können. Und: Kaum ein anderes Unternehmen versteht Compliance und Sicherheit in diesem Bereich so gut wie SAP. Denn natürlich möchte ich sicherstellen, dass die Agenten immer nur das tun, wozu sie berechtigt sind.
Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, Europa habe in diesem Spiel noch eine Chance.
Wenn es um generative Künstliche Intelligenz geht, werden sich die Vorsprünge zwischen den Anbietern angleichen, denn alle großen Modelle werden letztlich mit denselben Daten trainiert. Die wirkliche Differenzierung entsteht dort, wo Unternehmen über proprietäre, spezifische Daten verfügen. Und so kommen wir zurück auf den geopolitischen Aspekt: Europa kann mit seiner starken Industriekompetenz genau an dieser Stelle punkten.
Das ist der letzte Schuss, den die deutsche Industrie hat, um noch beim Thema Digitalisierung den Anschluss zu finden, oder?
Ja, aber warum auch nicht? In Deutschland wurde de facto die vernetzte Industrie 4.0 erfunden. Da sieht man, Deutschland hat sehr viel Kompetenz.
An was fehlt es dann?
Es ist das kulturelle Thema, das wir in Europa und Deutschland angehen müssen. Uns fehlt es nicht an Talenten, an Kompetenz, an geistigem Eigentum, das wir nutzen können, sondern es geht um die Umsetzung. In Europa ist man bei neuen Technologien vorsichtig, wartet ab, ob sie funktionieren. Das ist schlecht. Aber irgendwann hat sich sogar hier die Cloud durchgesetzt. Wir sind in Deutschland mehrheitlich in der Cloud. Das ist eine sehr gute Voraussetzung für das, was als nächstes kommen muss.
Müssen Sie bei SAP aufpassen, dass am Ende nicht doch ein Microsoft-Copilot-Assistent die gesamte Kommunikation mit den Kunden übernimmt – und ihr Joule-System ins Hintertreffen gerät?
Ich glaube nicht, dass es den einen KI-Assistenten für alles geben wird. Vor allem nicht innerhalb von Unternehmen. Wir bei SAP verstehen geschäftliche Zusammenhänge sehr genau, dadurch können wir unsere Agenten viel gezielter miteinander verknüpfen. Genau dort entsteht die Wertschöpfung, die Tiefe in der Integration. Und wir setzen bewusst auf eine offene Plattform: Wir sind mit anderen Anbietern integriert und bleiben es auch.
Ein weiteres Versprechen der KI ist, dass sie das Schreiben von Programmcode erleichtert und beschleunigt. Spüren Sie diesen Effekt in Ihrem Haus?
Nun, die Rolle eines klassischen Produktentwicklers ist ja nicht die eines Kopierroboters. Da geht es um Entwicklung, Testen, Gestaltung, Dokumentation und vieles mehr. Aber die eigentliche Codierung kann man inzwischen sehr gut mit generativer KI unterstützen. Es geht dabei nicht darum, den Code eins zu eins zu übernehmen. Aber rund 80 Prozent kann man schon automatisiert generieren. Und das beschleunigt die Arbeit enorm.
Über Ihren Deutschland-Optimismus muss ich noch etwas nachdenken.
Vergessen Sie nicht: Woher kommt denn moderne KI-Bildbearbeitung? Aus dem Schwarzwald, von Black Forest Labs. Wir machen uns oft kleiner, als wir sind, dabei ist vieles, was aus Europa kommt, wirklich phänomenal. Wir müssen jetzt mit den Kompetenzen, die wir haben, klare Zeichen setzen. Unser Fortschritt in Europa scheitert übrigens auch nicht an den Investitionen. Das größere Problem ist, dass wir noch immer keinen wirklich homogenen Markt haben. Und wenn ein Start-up wegen der starken Regulierung mehr Anwälte einstellen muss als Entwickler, dann wird es natürlich schwierig, schnell voranzukommen.
Zur Person
Thomas Saueressig, Jahrgang 1985, steht wie kaum ein anderer für den Generationenwechsel und die technologische Transformation des Walldorfer Softwarekonzerns SAP. Als Mitglied des Vorstands der SAP SE verkörpert er die Verbindung aus jahrzehntelanger Konzernzugehörigkeit und dem Anspruch auf radikale Modernisierung.
Saueressig gilt als echtes „Eigengewächs“: Seine Karriere begann er im Jahre 2004 als Student der Wirtschaftsinformatik. In den folgenden Jahren durchlief er verschiedene Stationen im Unternehmen, bevor er 2016 zum Chief Information Officer (CIO) aufstieg und damit die interne IT-Transformation des Weltkonzerns verantwortete. Aufmerksamkeit erlangte er, als er im Jahre 2019 in den Vorstand berufen wurde – mit damals 34 Jahren als jüngstes Vorstandsmitglied eines DAX-Unternehmens überhaupt.
Fünf Jahre lang leitete er im Vorstand den Bereich Product Engineering und war damit für das Herzstück des Konzerns zuständig: die Entwicklung aller Applikationen. Seit April 2024 verantwortet Saueressig das neu geschaffene Ressort Customer Services & Delivery. In dieser Funktion hat sich sein Fokus vom reinen Produkt hin zur erfolgreichen Anwendung beim Kunden verschoben. Seine zentrale Aufgabe ist es nun, Unternehmen bei der oft komplexen Cloud-Transformation zu begleiten und sicherzustellen, dass Innovationen – insbesondere im Bereich KI – nicht nur entwickelt, sondern operativ wertschöpfend eingesetzt werden.
Saueressig hat einen Abschluss in Wirtschaftsinformatik der Berufsakademie Mannheim sowie einen Executive MBA der ESSEC Business School in Frankreich und der Mannheim Business School.