Seit die umfassenden UN-Sanktionen gegen den Iran im September reaktiviert wurden, verschärft sich die wirtschaftliche Lage im Land spürbar. Was bewirken Sanktionen tatsächlich – und wen treffen sie am Ende? Darüber sprechen wir mit der Konfliktforscherin Lisa Neal, die zu internationalen Sanktionsregimen und insbesondere zu den Auswirkungen der Maßnahmen gegen den Iran arbeitet.
DIE ZEIT: Frau Neal, was ist das Ziel der Sanktionen gegen den Iran?
Lisa Neal: Die Sanktionen sollen die Verbreitung von Atomwaffen verhindern. Der Iran soll die Urananreicherung einschränken und der Internationalen Atomenergiebehörde wieder umfassende Kontrollen erlauben. China und Russland lehnen viele der Maßnahmen der Vereinten Nationen aber ab oder untergraben ihre Wirkung – zum Beispiel durch die Blockade eines unabhängigen Iran-Expertengremiums, das die Vereinten Nationen einsetzen wollen. Sanktionen sind dabei nicht nur ein Instrument der Atompolitik, sondern ein Schauplatz für den Kampf um internationale Machtverhältnisse.
ZEIT: Was folgt daraus?
Neal: Chinas und Russlands offene Ablehnung wirft grundsätzliche Fragen über die Funktionsfähigkeit des Sicherheitsrats und die Zukunft der internationalen Sanktionspolitik auf. Außerdem haben Sanktionen Folgen für die Bevölkerung, sowohl wirtschaftliche als auch soziale. Innerhalb des Irans gibt es nämlich Akteure, die durch Korruption oder Schwarzmarktgeschäfte sehr profitieren.
ZEIT: Wie lässt sich feststellen, ob Sanktionen wirken?
Neal: Ökonomische Effekte wie Exportverluste lassen sich klar beziffern. Schwieriger wird es, wenn Umgehungsstrategien wie Schwarzmärkte ins Spiel kommen. Am schwersten zu messen ist, ob wirtschaftlicher Druck tatsächlich politische Veränderungen bewirkt. Man muss darauf schauen, in welche größere Strategie die Sanktionen eingebettet sind: Die EU-Sanktionen gegen Russland haben den Krieg zwar nicht beendet, aber verteuert. Sie sind Teil einer Strategie, die auf ein Kriegsende abzielt.
ZEIT: Welchen Effekt hatten die Sanktionen gegen den Iran?
Neal: Der Iran wird seit 1979 sanktioniert. Die Maßnahmen führten zu Inflation, Währungsverfall und wirtschaftlicher Isolation. Auch nach dem Atomabkommen 2015, das einige Sanktionen aussetzte, gab es keinen großen wirtschaftlichen Aufschwung. 2018 stiegen die USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran aus und begannen, auch Drittländer zu sanktionieren, die Handelsbeziehungen mit dem Iran hatten. Aus Angst vor Strafen zogen sich viele europäische Firmen zurück.
ZEIT: Was bedeuten solche Maßnahmen für die Menschen im Land?
Neal: Sanktionen treffen eine Gesellschaft nie losgelöst von ihren sozialen und wirtschaftlichen Realitäten – und selten alle gleich. Frauen gehören im Iran zu den besonders marginalisierten Gruppen. Viele sind gezwungen, unter prekären Bedingungen zu arbeiten. Besonders in Haushalten, in denen ein Einkommen wegen der Sanktionen nicht mehr ausreicht, steigt die Erwerbsbeteiligung von Frauen, während die Care-Arbeit aber weiterhin an ihnen hängen bleibt. Ein anderes Beispiel sind Arzneimittel. Medikamente werden zwar nicht sanktioniert, aber sie erreichen wegen Schwarzmärkten und overcompliance, also vorauseilender Regelbefolgung, die Patienten oft trotzdem nicht. Hormonpräparate sind kaum verfügbar, Menstruationsprodukte nur von schlechter Qualität oder zu horrenden Preisen zu haben. Der Alltag wird durch Hyperinflation und Versorgungsunsicherheit belastet. Gleichzeitig nutzt das Regime die Sanktionen in seiner Propaganda, um die eigene Verantwortung für Missstände zu kaschieren und Kritik zu delegitimieren. Die Mittelschicht, die traditionell Träger gesellschaftlicher Veränderungen ist, wird zunehmend untergraben, während Reiche sich absichern und die soziale Schere weiter auseinandergeht.
ZEIT: Wäre es denn möglich, Sanktionen gezielter an die einflussreichsten und reichsten Gruppen zu richten?
Neal: In autoritären Regimen versuchen Eliten fast immer, die Last auf die Bevölkerung abzuwälzen. Diese Dynamik lässt sich kaum vollständig verhindern – besonders in ohnehin ungleichen Systemen. Sanktionen ließen sich aber grundsätzlich präziser gestalten, wenn sie gut begleitet werden: mit Einzelfallanalysen, Monitoring und der Möglichkeit zur Anpassung. Die EU tut das weitestgehend, die Vereinten Nationen aber nicht. Wichtig fände ich auch eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft und der Diaspora, die als Informationsquelle und Brücke zur Bevölkerung wirken können.
ZEIT: Wie kann mit Sanktionen verantwortungsvoll umgegangen werden – insbesondere mit Blick auf ihre sozialen Folgen?
Neal: Es reicht nicht, Sanktionen zu beschließen und sich dann zurückzulehnen. Die sozialen Folgen müssen beobachtet und bewertet werden – gerade mit Blick auf marginalisierte Gruppen. Das erfordert breiter angelegte und umfassendere bessere Monitoringprozesse und schnellere Reaktionen auf unbeabsichtigte Nebenwirkungen und politische Veränderungen.
ZEIT: Was bräuchte es dafür? Und warum ist es in der Praxis so schwer umzusetzen?
Neal: Nötig wäre dafür eine interdisziplinäre Begleitung – etwa durch Genderforschung. In der Praxis stößt das jedoch schnell an politische Grenzen: Die Mandate der Monitoringeinheiten sind begrenzt, und es gibt auch unterschiedliche Haltungen zu Genderfragen. Bei den UN können Vetomächte Maßnahmen blockieren, in der EU braucht es Einstimmigkeit. Diese strukturellen Hürden erschweren Reformen erheblich.
Umso wichtiger bleibt es, die bestehende Praxis zu verbessern: Sanktionen werden nicht verschwinden, sondern sich verändern. Wer Sanktionen einsetzt, sollte auch Verantwortung für ihre Folgen übernehmen – nicht zuletzt, um ihre Legitimität langfristig zu erhalten.