Über dem Lesetisch im Wohnzimmer hing der knallblaue Lucio Fontana mit zehn vertikalen Schnitten. Im Regal prangte ein Pablo Picasso. Das „Seestück“ von Max Ernst schmückte das Treppenhaus, und beim Betreten des Anwesens wurden Besucher vom „Goslar Warrior“ begrüßt, einer drei Meter langen Skulptur von Henry Moore .
Immer wieder Umbauten für neue Kunst
Das postmoderne Landhaus von Roger und Josette Vanthournout im flämischen Izegem glich einem Museum. „Eigentlich war es nicht wirklich ein Haus zum Wohnen“, räumte Jean-Paul Vanthournout, eines der vier Kinder des Sammlerehepaars, einmal ein. Immer wieder hätten die Eltern umgebaut, um mehr Platz für ihre Kunst zu schaffen. Gut 300 Werke aus 150 Jahren Kunstgeschichte besaßen sie zuletzt, angefangen von belgische Expressionisten über Surrealisten bis hin zu zeitgenössischer britischer Kunst. Darunter waren Werke von Tracey Emin, Yves Tanguy, Agnes Martin, Hans Arp und gleich zwei exzellente Werke René Magrittes: „Le lieu dit“ und „La plaine de l’air“.
In sechs Jahrzehnten bauten die Vanthournouts eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Europas auf. „Unerwartete Dialoge zwischen Werken und Epochen“ in ihrem Landhaus zu ermöglichen, habe ihnen große Freude bereitet, sagt Olivier Camu von Christie’s, der das belgische Unternehmerehepaar gut kannte. Vom Sammelfieber wurde es nach seiner Hochzeit 1950 erfasst: Roger hatte in Izegem das Möbelgeschäft seines Vaters übernommen und eine Ausbildung zum Möbelschreiner und Innenarchitekten abgeschlossen, als er in der Künstlerin Josette ’t Klint seine Seelenverwandte fand.
Zuerst sammelte das Paar chinesische Vasen, verkaufte jedoch nach ein paar Jahren die gesamte Sammlung und fing neu an – mit moderner Kunst. In Museen, auf Ausstellungen und Messen suchte es den direkten Kontakt zu Galeristen, Händlern und Künstlern. Roger wählte den Künstler aus, Josette das Werk. „Sie war eine elegante Erscheinung und überhaupt nicht kommerziell eingestellt”, erinnert sich Camu. Ausschlaggebend für beide sei gewesen, ob sie ein Kunstwerk schön fanden – auch wenn Roger Vanthournout immer noch versucht habe, den Preis zu drücken.
Die Öffentlichkeit scheuten beide. „Roger war ein sehr introvertierter Mensch”, berichtete der 2014 verstorbene flämische Kurator und Museumsdirektor Jan Hoet. „Zu Ausstellungseröffnungen erschien er nie. Aber drei Tage später stand er auf einmal da, ganz allein mit seinem Notizbuch. Sehr diskret, fast schon geheimnisvoll.“ Hoet zählt zu den Wenigen, die die Sammlung mehrmals gesehen haben. Die Eheleute hätten ein gutes Auge bewiesen, „ohne auf den Markt zu achten“.
Roger Vanthournout starb 2005 mit 80 Jahren. Seine Frau trennte sich daraufhin von einem Teil der Kollektion, 2006 kamen bei Sotheby’s in New York 27 Bilder unter den Hammer, für fast 25 Millionen Dollar. Toplos war ein Francis Bacon, der für einen Rekordbetrag von 15 Millionen Dollar versteigert wurde: „Version No. 2 of lying figure with hypodermic syringe“ von 1968. Jean-Paul Vanthournout zufolge hatte sein Vater das Bild 35 Jahre zuvor für zwei Millionen belgische Franken gekauft, umgerechnet 50.000 Euro.
Josette Vanthournout sammelte nach dem Tod ihres Mannes zunächst weiter; ihre letzte Erwerbung war 2016 Tracey Emins „A certain degree of anger“. Im April 2025 ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben. Nun lässt die Familie den Rest der Kollektion versteigern – obwohl die Kinder die Sammelleidenschaft von ihren Eltern geerbt haben. Aber, so Camu: „Sie haben ihren eigenen Geschmack.“ Außerdem gebe es Gründe ganz praktischer Art: „Es geht hier um ein massives Volumen – das muss erst einmal in ein Haus passen.“
Source: faz.net