Salzburger Festspiele: Wer tut sich Salzburg jetzt noch an?

Es ist weder lächerlich noch tragisch, was da gerade in Salzburg passiert. Es ist nur erbärmlich und dumm. Da will das Kuratorium der Salzburger Festspiele den Intendanten Markus Hinterhäuser loswerden, weil es ihm nichts anderes vorwerfen kann als mangelndes Wohlverhalten. Die Bilanzen stimmen, der Erfolg ist riesig, das Ansehen groß, das Recht – nämlich die Schauspieldirektion nach eigenem Gutdünken zu besetzen – ist auf Hinterhäusers Seite, aber die Politiker – allen voran die Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Salzburgs Oberbürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) – ließen nach der letzten Kuratoriumssitzung am 26. Februar verlauten, schlechte Stimmung und schlechtes Benehmen dürften nicht länger durch gute Kunst entschuldigt werden.

Was, bitte, soll das denn?! Würde man im Sport, bei einem Club der Champions League je sagen: „Schlechte Stimmung und schlechtes Benehmen dürften nicht länger durch guten Fußball entschuldigt werden?“ Das Auftreten der österreichischen Politik gegenüber Hinterhäuser zeugt vom Klimawandel im Umgang mit der Kunst: Nachdem der Kunstbetrieb selbst zusammen mit den Aktivisten des „progressiven“ Milieus über Jahrzehnte hinweg die Parole grölte, man müsse die elitäre Kunst vom Sockel stoßen, blickt nun auch die Politik nicht mehr zur Kunst hinauf, sondern auf sie herab. Der Sockel war ihr einziger Schutz vor der direkten ökonomischen und politischen Kollision. Wenn dann ein Künstler diese Herablassung nicht mit Wohlverhalten quittiert, müssen die Politiker ihre Minderwertigkeitskomplexe an ihm abreagieren.

Freilich war es nicht immer klug, wie Hinterhäuser, ein nachdenklicher Kenner und Könner als Pianist, sich in den vergangenen letzten Monaten verhalten hat. Als Intendant ist er niemals nur Künstler, sondern auch Funktionär, der politische und wirtschaftliche Bündnisse schmieden muss, um künstlerische Ziele durchsetzen zu können. Diese Arbeit hatte ihm bis 2022 die kunstaffine ÖVP-Politikerin Helga Rabl-Stadler als Festspielpräsidentin weitgehend abgenommen. Das Verhältnis zwischen deren Nachfolgerin Kristina Hammer und Hinterhäuser gilt als unproduktiv. Eine festspielförderliche Vermittlung zwischen Kunst und Politik hat in den letzten Monaten nicht mehr stattgefunden, besonders nachdem Edtstadler den in kulturellen Fragen weitaus beschlageneren Wilfried Haslauer (ebenfalls ÖVP) im Kuratorium abgelöst hat.

Die österreichischen Kommentatoren vermerkten in den letzten Wochen, dass die konservative ÖVP, die jahrzehntelang die Schutzmacht der Kunst in der Republik war, ihr Interesse an und ihre Kompetenz in der Kultur verloren habe, während die SPÖ das gezielte Elitenmobbing – in Wien spricht man vom „linken Trumpismus“ – als Wählerbindungsstrategie entdeckt habe. In einer solchen Konstellation muss man als Intendant eher schlau als konfrontativ sein, wenn man etwas erreichen will.

Künstlerisch ist Hinterhäusers Arbeit nicht über alle Kritik erhaben. Warum hält er bis heute am griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis fest, wenn dieser einige seiner Ensembles weiterhin von einer russischen Bank sponsern lässt, die auf der EU-Sanktionsliste steht und deren Musiker auf Spottvideos in den Sozialen Netzwerken die westliche Sanktionspolitik gegen Russland infolge des Ukrainekriegs verhöhnten? Ganz abgesehen davon ist Currentzis als Dirigent ein posierender Popanz, ein jahrelang in Springerstiefeln schwadronierender Künstlerdarsteller, der mit seiner antibürgerlichen Attitüde einem mental erschlafften Spätbürgertum noch einmal Kicks verschafft.

Völlig inkonsequent erscheint es dagegen, einer gestalterisch inzwischen bemerkenswert gereiften Sängerin wie Anna Netrebko, die sich viel klarer vom Krieg distanziert hat als Currentzis, den Stuhl vor die Tür zu setzen. Stattdessen wurde die litauisch-armenische Sopranistin Asmik Grigorian zum neuen Star von Salzburg aufgebaut – völlig rücksichtslos gegen die Grenzen ihrer Stimme. Dass ihr ehemals lyrischer, farbenreicher, warmer Sopran nun häufiger metallisch klirrt, hat mit einer Marktdynamik zu tun, die in Salzburg in Gang gesetzt wurde, als man sie zu schnell ins dramatische, schwere Fach drängte.

Hinterhäuser gab hier einem Strukturwandel der musikalischen Öffentlichkeit nach. Anders als zu Zeiten Herbert von Karajans haben die Salzburger Festspiele keine starke Phono-Industrie mehr im Rücken, die ihnen hilft, Stars zu „machen“. Dieser Verstärker von Aufmerksamkeit fällt weg. Einprägsamkeit entsteht durch Penetranz, Penetranz durch Wiederholung. So müssen die Salzburger Festspiele die Prominenz ihrer Protagonisten selbst produzieren, weil es ihnen kaum noch jemand abnimmt.

Das gilt auch für die unablässig beschäftigten Regisseure wie Peter Sellars, Krzysztof Warlikowski, Romeo Castellucci und Christoph Marthaler. Personelle Wiederholung wurde hier zum Garanten für Wiedererkennbarkeit eines Profils. Aber ein Regisseur wie Ted Huffman, der in Amsterdam und Kopenhagen, in Bregenz, Köln und an der Oper Frankfurt Achtungszeichen mit neuen Theaterformen und hoch intelligenten Repertoiredeutungen setzte, kam in Salzburg nicht vor. Heute ist er, als Nachfolger von Pierre Audi, Intendant des Festivals von Aix-en-Provence.

Das sind alles keine Kündigungsgründe

Solche Dinge kann man diskutieren: Man kann die persönlichen Vorlieben, die dahinter stehen, kritisieren, darf aber auch die Zwänge, die dazu führen, nicht ausblenden. Vor allem wären das alles keine Kündigungsgründe. Zugutehalten muss man Hinterhäuser zudem ein exzellentes Konzertprogramm, eine wohlüberlegte thematische Bündelung der Ouverture spirituelle nach Schwerpunktkomponisten und geistlichen Themen, ein Schauspielprogramm, das für die kommende Saison interessanter als bislang ist, und ganz grundsätzlich ein Festhalten an einem strengen Kunstbegriff, das dem sedierenden Gesäusel der Neoklassik und dem Verblödungspopulismus der Klassik-Influencer den Einzug in den Festspielbezirk verwehrt.

Nun hat Hinterhäuser das Gesprächsangebot des Kuratoriums erst am Freitag angenommen. Allerdings, so teilte es Edtstadler in der Pressekonferenz mit, gäbe es widerstreitende Rechtsauffassungen. Das Kuratorium gehe davon aus, dass Hinterhäusers Vertrag am 30. September 2026 ende, da er die Voraussetzungen für eine Weiterbeschäftigung – das Wohlverhalten – nicht erfüllt habe. Hinterhäuser bestehe auf dem regulären Vertragsende im September 2031. Es geht nun sicherlich um finanzielle Einigungen auf außergerichtlichem Wege. Dem Ergebnis dieser anwaltlichen Gespräche wolle das Kuratorium nicht vorgreifen, aber eine Ausschreibung der Intendanz werde vorbereitet. Sehr wahrscheinlich also, dass die kommenden Festspiele Hinterhäusers letzte wären.

Sanierung des Festspielbezirks soll im Herbst 2028 beginnen

Der ganze unnötige Streit – ausgelöst vom Widerspruch zwischen einem offiziellen Bewerbungsverfahren um die Schauspieldirektion und Hinterhäusers freiem Recht zur Besetzung derselben – lähmte die Entscheidungsfähigkeit des Kuratoriums wie der Intendanz in einer Situation, da ein Programm für das größte Festival der Welt auf dem Gebiet der performativen Künste und die Sanierung des Festspielbezirks mit derzeit anvisierten Kosten von knapp 400 Millionen Euro geplant werden müssen. Baubeginn im Großen Festspielhaus soll im September 2028 sein; Flächen für Interimsspielstätten sind freilich immer noch in der Prüfung.

Wer soll Hinterhäuser, wenn er gehen würde, nachfolgen? Michael Haefliger, der ein Vierteljahrhundert lang das Lucerne Festival geleitet hat, ist in der kulturpolitischen Diplomatie bestens beschlagen und in der Welt der Musik ausgezeichnet vernetzt. Matthias Schulz, derzeit Intendant der Oper Zürich, kennt Salzburg aus seiner Zeit beim Mozarteum in- und auswendig und wusste als Intendant der Berliner Staatsoper bereits, ein großes Schiff durch schweres Fahrwasser zu führen. Auch seine Nachfolgerin in Berlin, Elisabeth Sobotka, vormals Intendantin der Bregenzer Festspiele, wird immer wieder ins Spiel gebracht, wenn es um die Zukunft Salzburgs geht. Barrie Kosky hätte vielleicht sogar Spaß daran, mit seinem robusten Charisma die kunstfeindlichen Eitelkeiten Salzburgs platt zu walzen.

In Norwegen beweist Lars Petter Hagen bei Salzburgs skandinavischem Gegenstück, den Internationalen Festspielen in Bergen, seit einigen Jahren wie man mit Sanftmut und Geschick die Hochkultur Europas mit den Teilhabeforderungen einer sich mehr und mehr diversifizierenden Gesellschaft versöhnt, statt sie zu verhöhnen. Zudem würde Hagen vermutlich die veraltete Idee von Salzburg als der kulturellen und geographischen Mitte Europas – so zu lesen im Memorandum von 2020 – korrigieren und künstlerisch ein Europa zur Erscheinung bringen, das nicht mehr lateinisch oder karolingisch dominiert wäre.

Wer auch immer nach Salzburg geht, muss eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen, um im Dienst der Kunst neue Allianzen zu schmieden. Mit wachsender Illoyalität und schwindender Großzügigkeit ist zu rechnen.

Source: faz.net