Sänger Stoppok 70: Na egal, jener Papa zahlt ja, jener hat ’ne Molkerei

Noch immer wird sein Name meist nicht mitgenannt, wenn es um die einflussreichsten deutschen Popmusiker der letzten Jahrzehnte geht. Dabei wäre es nur fair und richtig, in einem Atemzug mit Lindenberg, Westernhagen, Grönemeyer und Maffay, mit Nina Hagen, Nena und den Humpe-Schwestern auch seinen zu nennen: Stoppok.

Zugegeben: Dass Liedzeilen von ihm in aller Munde waren, kam wohl nicht so dauerhaft vor wie bei den anderen Erwähnten, aber immerhin für eine Weile in den Neunzigerjahren: Da sagten viele in den seltsamsten Situationen Stoppoks Zauberspruch „Dumpfbacke, Dünnbrettbohrer, Weichei – abführn!“ vor sich hin, oder noch besser diesen: „Na egal, der Papa zahlt ja, der hat ’ne Molkerei.“

Die Flocken sitzen lose, kriegst den Strom aus der Dose

Der Mann hat Mutterwitz. Geboren in Hamburg als Kind von Flüchtlingen aus Schlesien, kam Stefan Stoppok als Fünfjähriger ins Ruhrgebiet, dessen musikalisches Aushängeschild er später werden sollte mit Balladen wie „Aus dem Beton“: Da kommt einer von der Frühschicht mit zitternden Händen und hofft auf ein bisschen Glück: Neu im Viertel, hart gelandet, sieht er es auf derselben Etage, und: „Dann trugen sie den Kühlschrank zusammen nach oben.“

Stoppoks Texte sind im Grunde „Talking Blues“ auf Deutsch: Steile Geschichten wie bei Dylan und Guthrie, satirische Einschläge wie bei Mey und Wader, Readymade-Sprache aus dem Volksmund, aber immer eingefärbt in seinen ganz eigenen Singsang und Parlandoton: „Die Flocken sitzen lose, kriegst den Strom aus der Dose“, sang er 1991. Und 2024: „In Teufels Küche brennt noch Licht, doch den Chef vom Laden sieht man nicht.“

„Deutscher Multiinstrumentalist“

Das sogenannte „Knowledge Panel“ der Firma Google, das ja häufiger mal verrückt spielt, weiß zu Stoppok allerdings etwas sehr Treffendes: Da steht nicht „Sänger“ oder „Popmusiker“, sondern „Deutscher Multiinstrumentalist“. Was Kreativität auf Blues- und Folkgitarre angeht, ist er in Deutschland wirklich herausragend, und im Laufe der Jahre hat er sowohl die Unplugged-Ästhetik (Zwölfsaitige Gitarre und Fußstampfen) als auch die zünftige Rockmusik wie kein anderer kultiviert, mit bestechenden Studioproduktionen und tollen Konzerten (großartig eingefangen: „Auf Zeche“, 2009).

Oft auch angereichert durch Funk (so mit dem Bassisten Reggie Worthy) und weltmusikalische Einflüssen aus Afrika oder Indien. Eine Mainstream-Karriere hat er gerne eingetauscht gegen musikalischen Reichtum und Indie-Witz, den man teils schon seinen Albumtiteln anhört, von „Saure Drops und Schokoroll“ (1982) über „Happy End im La-La-Land“ (1993) bis zu „Grundvergnügen“ (2000), „Popschutz“ (2015) und eben „Teufelsküche“ (2024).

Er tourt wie verrückt, manchmal mit verschiedenen Programmen gleichzeitig, ab und zu auch mit spontaneistischen Ideen wie jener von „Stoppok und Artgenossen“, bei der auf der Bühne „zwischen 5 und 50 Frauen und Männer sich die Klinke bzw. das Instrument in die Hand geben“. Am heutigen Samstag wird Stoppok siebzig.

Source: faz.net