Reportage
Russland terrorisiert die Ukraine mit unzähligen Drohnen. Die fliegen immer tiefer ins Land und bedrohen zunehmend die Zivilbevölkerung. Aber nicht alle wollen ihre Häuser verlassen.
Danylo Yatskanich führt durch bunt gestrichene Räume. Kinder toben umher oder schauen Trickfilme, Erwachsene trinken Kaffee oder Tee. Yatskanich zeigt ein Zimmer mit Etagenbetten. „Wir haben Trennwände aufgestellt, sodass jeweils auch sechsköpfige Familien etwas Privatsphäre haben“, sagt er. „In der Regel bleiben die Menschen drei Tage. Sie können sich ausruhen, und wir suchen eine feste Bleibe für sie.“
Danylo Yatskanich arbeitet für die Hilfsorganisation „Children New Generation“. In Stepowe in der Region Dnipropetrowsk im Südosten der Ukraine betreibt die NGO eine Unterkunft für Binnenflüchtlinge. Stepowe ist ein Vorort der Großstadt Dnipro.
Nebenhaus durch Drohnen zerstört
Die 72-jährige Ljubow hat ihr Heimatdorf im östlichen Teil von Dnipropetrowsk vor kurzem verlassen. „Ein Nebenhaus wurde durch russische Drohnen zerstört. Mein Enkel weinte und hatte Angst“, sagt sie. „Es war wirklich schwierig. Man ist zu Bett gegangen und hat zu Gott gebetet – hoffentlich schlägt es nicht bei uns ein!“
Trotz der Gefahr zögern manche Anwohner frontnaher Gebiete, ihre Häuser zu verlassen – oft aus Verbundenheit mit dem ein Leben lang erarbeiteten Eigentum. Das wird auch im Gespräch mit der vierfachen Mutter Svitlana deutlich: „Ich wollte eigentlich nicht weg. Ich möchte auch möglichst schnell zu meinem Mann zurück – und zu unseren Hunden, Katzen und Dascha, unserer Ziege.“
Evakuierungen auch gegen den Willen der Bewohner
Das ukrainische Parlament hat nun die Rahmenbedingungen für Evakuierungen verschärft, vor allem mit Blick auf den Kinderschutz. Behörden sollen das Recht haben, Kinder nahe der Front auch gegen den Willen der Eltern evakuieren zu können.
Ein verständlicher Schritt, findet Danylo Yatskanich: „Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Doch es kann Eltern einen Ruck geben. Es gab auch schon Fälle, in denen sich Familien evakuieren ließen, und kurz darauf kehrten sie einfach in ihre Häuser zurück.“
Auch „Children New Generation“ beteiligt sich an Evakuierungen. Diese, so Mitarbeiter Danylo – selbst ein Binnengeflüchteter aus Donezk -, finden dabei längst nicht nur im besonders umkämpften Osten statt: „Auch hier in der Region wird es angespannter. Wir dachten, es würde in Donezk enden. Russland ist aber bereits in Dnipropetrowsk eingedrungen – und es macht nicht halt.“
Drohnen fliegen weiter – aber nicht präziser
Hinzu kommt, dass Moskau mit immer tödlicheren Waffen vorgehe – auch gegen Zivilisten hinter der Front, sagt Ihor, ein Soldat in der benachbarten Region Saporischschja,. „Wir müssen einräumen, dass Russland etwa seine Drohnen ständig verbessert. Dabei geht es Russland in erster Linie um Zerstörung, es hält sich bei seiner Waffenproduktion an keine Konventionen“, sagt er. „Die russischen Drohnen können immer weiter fliegen – wobei sie keineswegs präziser sind.“
Die 72-jährige Ljubow sucht derzeit nach einer neuen Wohnung nahe Dnipro – doch sie hofft auch, dass sie bald zurückkehren kann. „Ich vertraue Selenskyj, dass er eine Waffenruhe aushandeln kann“, sagt sie. „Soweit ich weiß, steht mein Haus noch. Ich möchte gerne zurück – und sterben möchte ich in meinem eigenen Haus.“
Zweifel an Russlands Friedenswillen
Danylo Yatskanich ist deutlich weniger zuversichtlich – einen vermeintlichen Friedenswillen Russlands sieht er nicht. „Wir würden uns natürlich wünschen, dass es – sagen wir mal – im Mai oder Juni zu Ende ist. Wir sehen aber, dass es nicht nur um die Region Donezk geht. Russland will ebenso Saporischschja und Dnipropetrowsk erobern. Leider.“
Source: tagesschau.de