Russland und jener Krieg: Beruhigende Machtlosigkeit, erleichternde Distanz


interview

Stand: 24.02.2026 • 06:00 Uhr

Wie sieht die russische Bevölkerung nach vier Jahren auf den Krieg gegen die Ukraine? Der russische Meinungsforscher Denis Wolkow sagt, dass die Mehrheit versucht, nicht hinzuschauen. Die Zustimmung zu Putin sei weiter hoch.

tagesthemen: Vier Jahre nach der Vollinvasion der Ukraine durch Russland ist der Krieg inzwischen auch für die Russen im Alltag zu spüren. Lässt das die Menschen in Russland am Krieg zweifeln?

Denis Wolkow: Das Verständnis, warum dieser Krieg geführt wird, hat sich im Laufe dieser vier Jahre nicht verändert, und nach unseren Daten haben die Menschen das schon von Anfang an als einen Krieg zwischen Russland und dem Westen gesehen, für den die Ukraine der Anlass war.

Und hier übernimmt die Mehrheit der Bevölkerung die Narrative und die Meinung, wie sie die russische Elite über das Staatsfernsehen aussendet. Über diese vier Jahre hinweg haben wir gesehen, dass sich die Meinung nur sehr wenig geändert hat.

„Wir können sowieso nichts ändern“

tagesthemen: Aber Russland führt seinen Krieg mit großer Brutalität gezielt auch gegen die ukrainische Zivilgesellschaft. Verdrängt die russische Öffentlichkeit, was da passiert – oder bekommt sie das Leid schlicht nicht mit?

Wolkow: Schon sehr bald nach dem Ausbruch der kriegerischen Handlungen haben wir gesehen, dass die Mehrheit versucht, sich von diesen Informationen abzuschotten. Einfach weil die Leute keine Kraft hatten, zu leiden und Mitleid zu empfinden.

Wir sahen, dass die Menschen zwei, drei, vielleicht vier Monate lang sehr aufmerksam verfolgten, was geschah. Die Mehrheit nimmt Informationen jetzt aber nur noch sehr dosiert auf und sagt: „Wir können sowieso nichts ändern, wir sind nur kleine Leute, und wenn wir das immerzu sehen, dann halten wir das nicht aus. Wir haben keine Kraft dafür, zu leiden.“ So sagen uns das die Menschen in den Befragungen.

Beobachtung „aus großer Entfernung“

tagesthemen: Das heißt, es wird nicht gesehen, dass man das irgendwie rechtfertigen müsste in der Öffentlichkeit, diesen Krieg?

Wolkow: Die Entscheidung, dass dort ausschließlich Freiwillige kämpfen sollen, hat für den Großteil der Bevölkerung bedeutet, dass sie nicht direkt in diesen Konflikt hineingezogen wurde.

Seitdem nehmen die Menschen das Geschehen als etwas Entferntes wahr, denn sie selbst sind nicht direkt am Konflikt beteiligt, und sehr oft hört man bei Befragungen diesen Satz: „Sollen doch die leiden, die da kämpfen.“ Die eigene Familie, Freunde und Verwandte sind meist nicht betroffen, daher beobachtet die Mehrheit das Geschehen aus großer Entfernung.

Zur Person

Denis Wolkow ist ein russischer Soziologe und Politikwissenschaftler. Seit Juni 2021 leitet er das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada. 2016 wurde das Institut als „Ausländischer Agent“ eingestuft.

Zustimmung für Putin „auf recht hohem Niveau“

tagesthemen: Vor diesem Hintergrund: Wie groß ist denn die Unterstützung für Präsident Wladimir Putin?

Wolkow: Die Zustimmung für Putin ist schon angestiegen, als die Eskalation begonnen hatte und die Kriegshandlungen gegen Ende 2021 noch nicht im Gange waren. Von November 2021 bis Februar 2022 stieg die Zustimmung um zehn Prozent, und mit dem Kriegsbeginn beobachteten wir eine sogenannte Sammlung um die Fahne und eine weitere Zunahme um zehn Prozent. Und 2024 hatten wir Präsidentschaftswahlen, da gab es im Wahlkampf einen weiteren Schub, und bis jetzt steht seine Zustimmung bei 85 Prozent.

Die Hälfte davon stimmt ihm eher zu, und etwa 45 Prozent stimmen ihm voll zu. Solange der Konflikt andauert, steht das Rating von Präsident Putin und der Regierung auf einem recht hohen Niveau.

„Wirtschaftsprobleme nicht so stark bemerkbar“

tagesthemen: Und die wirtschaftliche Lage, die ja durch Sanktionen etwa auch schwieriger wird, die lässt die Unterstützung für Putin nicht sinken?

Wolkow: Bei der wirtschaftlichen Situation haben wir nach Einschätzung der Bevölkerung in den ersten dreieinhalb Jahren eher eine Verbesserung gesehen, besonders bei Menschen mit einem Einkommen unter dem Durchschnitt. Die Veränderungen für die Mittelklasse in den Großstädten verliefen wesentlich schmerzvoller.

Aber insgesamt hat sich die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation bis Mitte des letzten Jahres verbessert. Die Probleme haben sich erst mit der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im vorigen Jahr gezeigt, aber wir haben den Zuwachs der ersten dreieinhalb Jahre noch nicht aufgebraucht. Da gab es hohe Einkommen, gute Auslastung der Betriebe und so weiter und so fort.

Inzwischen werden die Probleme größer, zwar sinkt die Inflation gerade etwas, aber die Wirtschaftsprobleme zeigen sich tatsächlich. Sie sind jedoch nicht so stark bemerkbar.

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni, tagesthemen.

Source: tagesschau.de