Russland: Indische Arbeitskräfte qua Helfer in welcher Not

Stand: 15.03.2026 • 04:58 Uhr

Russland fehlen Millionen Arbeitskräfte. Hilfe in der Not kommt auch aus Indien. Mehr als 72.000 Menschen sollen in diesem Jahr von dort kommen – trotz Berichten über Ausbeutung und Diskriminierung.

Sahil sortiert fern der Heimat russische Kartoffeln. Er glaubt, alles richtig gemacht zu haben: „In Indien ist nicht viel Geld zu machen, aber hier schon“, sagt er. „Hier ist Arbeit – und es ist eine gute Arbeit. Ich bin in Sergiewski seit einem Jahr.“ Der Inder braucht die Arbeit hier in Russland – und Russland braucht Inder wie Sahil.

Krieg und niedrige Geburtenrate sorgen für Mangel

Dem Land fehlen Millionen Arbeitskräfte – Fachkräfte, aber auch Menschen wie Sahil, die einfachere Jobs annehmen. Fachkräfte fehlen unter anderem, weil seit Kriegsbeginn 2022 Hunderttausende das Land verlassen haben. Ebenfalls Hunderttausende fehlen darüber hinaus, weil sie im Militärdienst tun. Viele haben auch ihrem alten, zivilen Job den Rücken gekehrt, weil in der boomenden Rüstungsindustrie mehr zu verdienen ist. Ein Übriges tut die seit Jahren niedrige Geburtenrate, der der Kreml mit immer wieder neuen Programmen auf die Sprünge helfen will.

Bei den geringer Qualifizierten ist Russland schon lange auf Arbeitsmigranten angewiesen. Die kommen vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Zentralasien, die ärmer sind und deren Bürger meist visafrei einreisen können.

Fremdenfeindliche Rhetorik gegen Zentralasiaten

„Die Lage hat sich seit drei Jahren dramatisch verändert“, sagt Aleksej Filipenkow, der mit der Anwerbeagentur „visa-delight” sein Geld verdient. „Betroffen sind vor allem Arbeiter aus Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan.“ Daran seien auch schärfere Einwanderungsgesetze schuld. Tatsächlich ist es ein Cocktail aus mehreren Gründen, zu denen auch ein schwächerer Rubel und fremdenfeindliche Rhetorik zählen.

Im Fadenkreuz der Fremdenfeindlichkeit stehen vor allem Muslime, eben aus den zentralasiatischen Ländern. „Ihnen wird beigebracht, dass Russland ein Imperium war, das sie besetzt hat“, ereiferte sich kürzlich Konstantin Krokhin von der russischen Industrie- und Handelskammer in einer Gesprächsrunde in Moskau. „Seit 40 Jahren begleitet diese Menschen der Extremismus, das heißt: islamischer Fundamentalismus, in allen Köpfen und auf ihren Handys. Frage sie, was sie ständig auf ihrem Handy hören, auf dem jeder seinen eigenen Prediger hat!“ Die Konsequenz aus all dem: Eine starke Abwanderung der Zentralasiaten im vergangenen Jahr.

Modi und Putin wollen mehr Austausch

Neues Reservoir für Arbeitskräfte ist vor allem Indien geworden. Vor dem Krieg hatten nur etwa 5.000 Inder eine Arbeitserlaubnis erhalten, im vergangenen Jahr war es schon 72.000 – und die Zahl soll weiter steigen, geht es nach den Präsidenten beider Länder, Narendra Modi und Wladimir Putin. Der eine hat viele Bürger ohne Arbeit und kann Transferleistungen aus dem Ausland gut gebrauchen, der andere muss seine Wirtschaft am Laufen halten.

„Im Moment sind Arbeitskräfte aus Indien meistgefragt“, weiß Vermittler Filipenkow. Denn Inder gelten in Russland als genügsam und fleißig. Die Inder füllen eben nicht nur eine Personallücke – die Firmen profitieren auch durch geringe Löhne.

Sahil verdient umgerechnet gerade mal 550 Euro, sagt sein Chef Sergej Tokman vom Agrounternehmen Sowkhos Sergiewski: „Das Durchschnittseinkommen liegt bei 50.000 Rubel pro Monat. Für körperliche Arbeit, für das Vorbereiten und das Verpacken von Gemüse. Na klar, Leute von hier bekommen natürlich mehr Geld.“

Indische Arbeitskräfte beim Sortieren von Kartoffeln.

Erster Platz bei Ausbeutung und Diskriminierung

Russland profitiert von Zuwanderern – und hat das immer getan: „Wenn Sie sich an unsere Geschichte erinnern, wurden die meisten unserer mittelalterlichen russischen Kirchen von griechischen Architekten erbaut“, erinnert Dmitri Gusew vom Kontrollausschuss der Staatsduma. Auch der Kreml, ein Symbol Russlands, sei unter anderem von italienischen Architekten und italienischen Meistern der russischen Ikonenmalerei erbaut worden.

Doch wie auch die Arbeitskollegen aus der ehemaligen Sowjetunion sind die Neuankömmlinge aus Indien weit davon entfernt, wie italienische Künstler gesellschaftlich gewürdigt zu werden. Im Gegenteil: Das Außenministerium in Neu-Delhi ermittelte in diesem Jahr, über welche der weltweit untersuchten Länder seine Studenten in Sachen Ausbeutung und Rassendiskriminierung am meisten klagen – Russland belegte den peinlichen ersten Platz.

Source: tagesschau.de