Russische Ikonen: Krieg gegen den satanischen Westen

Im Kunstmuseum des Städtchens Neues Jerusalem westlich von Moskau ist noch bis zum 24. März eine Ausstellung von Lackmalerei aus den Ikonenmalerdörfern Palech, Mstjora, Cholui und Fedoskino zu sehen. Aus den Werken sticht eine neue Ikone des Jüngsten Gerichts hervor, die ihr Autor, der Maler und Restaurator Andrej Gratschow aus Mstjora, als Bildtafel mit dem Titel „Gott ist unser einziger Richter“ bezeichnet.

Das vielfigurige Bild kombiniert Elemente der orthodoxen Ikonographie mit plakativen Porträts. Gratschow erklärte, er habe, im Angesicht des gemeinsamen Feindes, alle patriotischen Kräfte des Landes zu vereinen versucht. Eine wichtige Inspirationsquelle für den Künstler dürfte Putins Ausspruch auf dem Waldai-Forum 2018 gewesen sein, wonach die russische Nukleardoktrin darin bestehe, den Aggressor wissen zu lassen, dass die Vergeltung unausweichlich sei und er vernichtet werde. Und dass die Russen, als Opfer der Aggression, als Märtyrer ins Paradies kämen, während die Gegner ins Gras beißen würden, weil sie nicht einmal dazu kämen, zu bereuen.

Tolstoi und Gorki neben russischen Warlords

Der Künstler versetzt die Russen in Scharen in den Himmel. Auf dem für den Betrachter linken (für den thronenden Christus rechten) Teil der Ikone finden sich nebeneinander höchst unterschiedliche russische Staatslenker und ihre Unterstützer, von Zar Iwan dem Schrecklichen bis zu Lenin, Stalin, sogar Trotzki, aber auch der letzte Zar Nikolai II. und der Favorit seiner Frau, Grigori Rasputin, sind da, Anführer der Weißen Armee sowie die sowjetischen Generalsekretäre Chruschtschow und Breschnew. Das Zentrum der Komposition bildet, in Märtyrerpose, der Sohn von Nikolai II., Alexej, der letzte Romanow-Thronfolger, der 1918 von den Bolschewiki ermordet wurde.

Zu Füßen des Verklärten sitzt Putin an einem Tisch mit Schriftstellern wie Puschkin, Fjoor Dostojewski, Tolstoi (den die orthodoxe Kirche exkommunizierte) und Gorki. Doch auch Warlords im Ukrainekrieg, der Anführer der Wagner-Truppe Jewgeni Prigoschin, die Rädelsführer im Donbass Alexander Sachartschenko, Motorola und Giwi, haben es, nach ihrer Beseitigung durch Geheimdienste, ins russische Paradies geschafft – denn sie stärkten den russischen Staat.

Auf der Gegenseite des Bildes, hinter Putins Rücken, holt die Hölle sich die Sünder. Unter ihnen sind interessanterweise die vom Präsidenten geschätzten Alexander Solschenizyn und Iwan Iljin, weil der eine in seinem Archipel GULag den Sowjetstaat kritisierte und der andere mit Hitler sympathisierte. Weniger erstaunlich schmoren in der Unterwelt der letzte Sowjetherrscher Michail Gorbatschow, der ermordete Oppositionspolitiker Boris Nemzow, die Kippa tragenden Oligarchen Roman Abramowitsch und Oleg Deripaska. Doch auch der frühere Verteidigungsminister Sergei Schoigu, die Zentralbankchefin Elvira Nabiulina, die viele für die Misserfolge im Ukrainefeldzug verantwortlich machen sowie Putins Pressesprecher, dessen Tochter in Frankreich lebt, sind dort gelandet.

In den höheren Rängen der Unterwelt finden sich westliche Politiker von Churchill bis Trump, der eingezwängt ist zwischen Clinton und Selenskyj. Adolf Hitler ist nur eine Schattenfigur. Als wahrer Satan erscheint George Soros, der als großer Manipulator über die Verdammten gebietet. Das sich fromm gebende Bildwerk propagiert eine radikal nationalistische Sicht auf Russlands Heilsgeschichte und predigt den Krieg bis zum Endsieg über den satanischen Westen. Dass es heute in einem eigentlich seriösen regionalen Museum gezeigt wird, könnte lächerlich erscheinen, wäre es nicht so bedrohlich.

Source: faz.net