Russische Gegenwartskunst: Lob welcher heiligen Armut

In Russland ist sie zurzeit eine der gefragten Künstlerinnen: die Moskauer Malerin und Dichterin Irina Zatulovskaya. Einer Malerfamilie entstammend, skizziert Irina Zatulovskaya Symbolbilder in naiver Manier vorzugsweise auf dürftigen Materialien. Ihren persönlichen Stil fand die 71 Jahre alte Malerin während der Perestroika-Zeit. Damals erkannte sie, dass vom Gebrauch gezeichnete Objekte wie rostiges Eisenblech, Sandsteinstücke, Holz- oder Stofffragmente für sie besser geeignet waren, die Essenz des Daseins sichtbar zu machen als „luxuriöse“ grundierte Leinwand.

Zwischen Ikonen und Avantgarde

Ihre Art, Figuren und Dinge kindlich-archaisch reduziert, mit wenigen Strichen und einfachen Umrissen zu entwerfen, wird oft als Arte Povera bezeichnet. Die Bildwelt der Russin bekennt sich aber auch zur Tradition der christlichen Ikonen- und Freskenmalerei sowie der Avantgardekunst. Irina Zatulovskaya hat schon in mehreren europäischen Ländern ausgestellt. Nun richtet die Berliner Galerie Volker Diehl ihr die erste Einzelverkaufsschau in Deutschland aus. Sämtliche der 27 gezeigten Arbeiten befanden sich zuvor schon in Westeuropa, wo die Künstlerin häufig arbeitete, die meisten in Italien.

Die Werke sind in den Nullerjahren entstanden, geben aber, weil Irina Zatulovskayas Stil sich kaum ändert, einen Eindruck auch von ihrem gegenwärtigen Schaffen. Als programmatisch kann das hochformatige Bildnis des Heiligen Franziskus gelten, gemalt mit Ölfarbe auf Eisenblech, wie es in Russland zum Dachdecken verwendet wird. Der Gottgefällige, der auch den Vögeln gepredigt haben soll, füttert mit beiden Händen Gänse zu seiner Rechten und Linken, während ein weißes Taubenpaar einen Nimbus über sein Haupt hält (17.000 Euro).

Blick in die Ausstellung: Werke von Irina Zatulovskaya in der Galerie Volker DiehlGalerie Volker Diehl / Marcus Schneider

Irina Zatulovskaya, die sich unter der Sowjetmacht zum orthodoxen Glauben bekehrte, kultiviert den Freskenstil nordrussischer Kirchen, der für sie auch den Geist der Neunzigerjahre einfängt, als die noch arme russische Kirche sich regenerierte. Diehl präsentiert etliche lapidar-symbolische Freskobilder in den für alte Kirchenwandmalerei grundlegenden Farben Braunrot und Hellblau auf uneben geschnittenem Sandstein: Da sind der mit „Hohelied“ überschriebene aufgeschnittene Granatapfel, der die erotische Intensität der salomonischen Dichtung vergegenwärtigt (3500) und die Weinreben, die Lebenskraft sowie den Opfertod Christi beschwören (4500). Eine privat in Auftrag gegebene Freskenausstattung einer russischen Kirche durch Irina Zatulovskaya wurde leider 2020 von dem einem opulent akademischem Geschmack huldigendem Klerus wieder zerstört.

Symbole menschlicher Wärme

Die Künstlerin hat ihr Land, insbesondere den hohen Norden und Sibirien, ausführlich bereist und die Lebenskraft von dessen Bewohnern in Bilder gebannt. Im Gebiet der Chanten und Mansen begegnete ihr die legendäre Jägerin und Folkloresängerin Uljana Pendychowa (1935 bis 2021), die in ihrer Jugend neunzehn (nach anderen Quellen sechzehn) Bären erlegt haben soll. Zatulovskaya vergegenwärtigt die damals schon betagte Pendychowa, die mit einem viel jüngeren Mann zusammenlebte, durch ein Paar der von Jägern geschätzten hohen sibirischen Itschigi-Stiefel (13.000).

Ein weiteres großformatiges Ölbild auf Blech zeigt eine weibliche Figur mit einem großen schneeweißen „Fächer der Chanten“ (13.000). In der Region mit extremem Kontinentalklima erwehrt man sich der sommerlichen Mückenplage traditionell mit Fächern, die aus auf Sperrholz genähten Schwanenflügeln gefertigt sind. Eine Hommage an die Kultur der Samen ist das blaue Rentier, das an seiner Seite ein eingewickeltes Kleinkind trägt und ihm als lebendige Heizung dient (13.000).

Irina Zatulovskayas Markenzeichen ist die Frömmigkeit, mit der sie Gegenstände des ärmlichen Alltags zu Symbolen zwischenmenschlicher Wärme erhebt. So stehen die spärlich weiß gesprenkelte dunkle und die dicht gesprenkelte helle Brotscheibe (4500) für die gesalzene beziehungsweise gezuckerte Schnitte, mit denen man im Dorf hungrige Kinder erfreute, und das kleine Rechteck mit der russischen Aufschrift „Streichhölzer als Wechselgeld“ (5500) erinnert an den mangelwirtschaftlichen Brauch, Kopekenbeträge in Form von Streichholzschachteln herauszugeben. Das vielleicht schönste Werk, die feierliche Prozession dreier Frauen mit prächtigen Pilzen in den Händen (19.500) veranschaulicht, wie wichtig solche Funde für ihre Familien waren.

Irina Zatulovskaya: Shadow of the future, Galerie Volker Diehl, Berlin, bis 28. Februar

Source: faz.net