Deutschland fehlt es an Ladestationen für den elektromobilen Autoverkehr. Eine andere Energieversorgung schwebte dem Maler Rupprecht Geiger vor: Zufuhr für den Gefühlshaushalt in Form von Farbe, zu zapfen kostenfrei an Rottankstellen im öffentlichen Raum. Schon vor Jahrzehnten hatte Geiger die Idee, große Zylinder, liegend oder aufrecht stehend, inwendig mit leuchtendem Pink zu besprühen und in der Gesellschaft zugänglich zu machen, denn Farbe, insbesondere das von ihm favorisierte, schier unversiegliche Rot, spende Kraft für den Tag. Die Idee hat sich flächendeckend nicht durchgesetzt.
Allerdings realisierte Geiger 1991 eine Rotrotunde im Parkgrün eines Krankenhauses im oberbayerischen Taufkirchen, zudem stattete der Münchner Maler diverse Säle und Foyers in Universitäten, Amtsgerichten oder auch dem Berliner Reichstag mit großformatigen, gemalten Kraftfeldern aus, um wem auch immer eine schnelle Dröhnung, eine inspirierende Farbdusche angedeihen zu lassen. Geigers Rot erzielt auch in kleinen Dosen und in kurzer Zeit, selbst in der flüchtigen Wahrnehmung, eine erstaunliche Intensität. Wobei sich sein spezielles Verständnis der Farbe Rot auch auf andere, ähnlich lichtvoll sich ausbreitende Farben in allen denkbaren Nuancen erstreckte wie etwa auf ein fluktuierendes Gelb.
Als veritabler Farbtank empfiehlt sich dieser Tage das Emil-Schumacher-Museum im westfälischen Hagen, es widmet dem gelernten Architekten, der 2009 im Alter von einhunderteinem Jahr starb, eine Retrospektive mit rund siebzig Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen. Die Schau entfaltet sich hier in einem markanten Gegensatz zum Namensgeber des Museums in der Etage darunter, einem Altersgenossen Geigers – beide tauschten einmal Arbeiten. Schumachers materialbepackter, erdenschwerer Existenzialismus in Gemälden wie dem mächtigen „Hiob“ oder „Rhythmus, Kraft, Widerstand“ bietet einen denkbar starken Kontrast zu der sphärischen Makellosigkeit in den klassischen Geiger-Abstraktionen. Es lohnt sich also unbedingt, auch die ständige Schumacher-Sammlung im anderen Stockwerk gebührend in Augenschein zu nehmen.
Rot löst Rausch aus
In souveräner Präsentation verzichtet die Schau im Saal für Wechselausstellungen bei Geigers gereiften Arbeiten auf Beschilderungen, sodass sich die Farbe völlig ungestört von Text und Information in den Raum wie auch in die Tiefe der einzelnen Bilder ausbreiten kann. Auch wenn Kunst niemals zeitlos entsteht, sondern immer einer eigenen, spezifischen Gegenwart entspringt: Für den Augenblick darf es auch mal gleichgültig sein, ob ein Bild nun 1976 oder 1992 gemalt wurde, zumal wenn man sich der viel zitierten Devise des Künstlers überlassen möchte: „Rot macht high.“ In der Hagener Geiger-Chapel kommt jedenfalls voll zur Geltung, was dieses Werk ausmacht: der Dauermodus einer unmittelbaren Gegenwärtigkeit von Farbe, ein euphorischer Geist, der in den fluoreszierenden Pigmenten aufleuchtet.
Geiger hat sich wiederholt auf das Naturlicht berufen, den Blick in die abendliche Sonne als Beispiel genannt, die Lust auf das Morgen mache, aber auch den „Farbklang-Schock“ als Impuls bezeichnet. Tatsächlich geht von den Bildern eine direkte, manchmal sogar schneidende Wirkung aus, ihnen eignet ein Tempo der Affektion, die sofort überkommt, aber auch dem andauernden Blick die nötige Differenz in den Oberflächen zu bieten hat. Nebenbei bemerkt: Rot, konnte man soeben in einer Analyse der „Financial Times“ lesen, sei bei Sammlern nachweislich besonders beliebt, mache also auch „kommerziell einen Unterschied“, woran Geiger im Atelier hingegen, so ist zu mutmaßen, eher nicht gedacht hat.
Mit der koloristischen Strahlkraft ging Geiger energischer zu Werke als etwa der New Yorker Spätmodernist Joseph Marioni, zielte andererseits aber nicht auf eine latent aggressive Bildwirkung ab wie der Münchner Kollege Günter Fruhtrunk mit seinen diagonalen Kompositionen, die wie Reaktoren, wie visuelle Brennstäbe auf das Auge wirken. Auf die Coolheit der Day-Glow-Abstraktionen im Frühwerk des Amerikaners Peter Halley, Mann der nachfolgenden Generation, hatte Geiger es auch nicht abgesehen. Die Fragen, die er sich gestellt haben mag, hatten auch die Maler des „Radical Painting“ in der Achtzigerjahren umgetrieben: Wie lässt sich die Materie der Farbe entstofflichen, in Licht auflösen? Welche unendlichen Möglichkeiten liegen im Farbauftrag mit Pinsel und Spray? Geigers Rot mutet manchmal regelrecht aufgepudert an, wirkt bisweilen poppig, ist von positivem Spirit beflügelt – womit die Anfänge des Künstlers ins Spiel kommen, die er anschaulich geschildert hat.
Geigers Damaskuserlebnis war das rote Fahnenmeer der Münchner Räterepublik
Sein persönlicher Farbschock hatte ihn anno 1918 im Angesicht eines roten Flaggenmeers zu Zeiten der Münchner Räterepublik ereilt; dann kreuzte im zerstörten Nachkriegs-München irgendwo auf dem Marienplatz eine Frau im roten Mantel seinen Weg, worin der Maler ein Signal der Hoffnung erkannte; schließlich der Inhalt eines Care-Pakets aus den Vereinigten Staaten: darin ein Lippenstift für seine Frau, den Geiger als Malutensil für ein abstraktes Bild verwendete. Eben dieses Bild von 1953 bekommt man im Zentrum des großen Saals zu sehen, wo ein geschlossenes Kabinett an die Anfänge von Geigers Œuvre erinnert. Ein geschwungener Bogen aus jenem Lipstick-Rot auf blauem Grund ist hoffnungslos verblasst, hat jegliche betörende Strahlung eingebüßt. Aber direkt daneben hängt ein Bild mit dem Titel „Das Farberlebnis“ aus dem Jahr 1970, leuchtender Rotbogen auf öde grauem Grund, versehen mit der eng beschriebenen Erinnerung an das Hellrot jenes Mantels inmitten der ruinösen Stadt – ein echtes Künstlermanifest, mit Filzstift und Acryl auf Karton.
Die kleine Kammer versammelt zudem wenig bekannte, akribisch bebilderte Kriegstagebücher, aquarellierte Landschaften aus Westrussland, der Ukraine und Griechenland, wo Geiger als Kriegsmaler eingesetzt war, und sie dokumentiert einen zunächst erprobten Surrealismus, in dem befremdliche, auch düstere, vielleicht gar destruktive Kräfte zum Vorschein kommen.
Jener surreale Ton äußert sich bei Rupprecht Geiger um 1950 in bizarren, unregelmäßigen Bildformaten, auch in abstrakten und doch eigentümlich erzählerischen Formen, die in den Bildern schweben, sich wie Fenster in andere Sphären öffnen, als markante schwarze Blöcke ins Geschehen einstellen. Solche Gemälde aus dem Frühwerk absorbieren eher die emotionalen Energien, als sie freizusetzen. An der Farbtankstelle würden sie denn auch weniger Drive versprechen als Geigers Signalrot.
Rupprecht Geiger: Farbe, Licht, Energie. Emil Schumacher Museum Hagen, bis zum 7. Juni. Der Katalog (Kettler Verlag) kostet 30 Euro.
Source: faz.net