Er sitzt im Cockpit eines Kampfjets. Helm und Sauerstoffmaske schließen das Gesicht des Mannes ein, der Bulgariens nächster Ministerpräsident wird. Nur seine Augen sind frei. Konzentriert blickt er auf die Startbahn. »Ich steige auf«, sagt er in den rauschenden Funk. Unter ihm wird die Rollbahn kleiner. Das Flugzeug habe »eine unglaubliche Kraft«, sagt er; und es klingt, als spreche er dabei auch über sich selbst. »Einzigartig!«
Der Wahlkampfclip aus dem sowjetischen Kampfflugzeug zeigt Rumen Radew. Vor der Parlamentswahl in Bulgarien inszenierte sich der 62-Jährige als entschlossener Ex-Militär. Als einer, der in Sekunden lebenswichtige Entscheidungen fällt. Er traf damit einen Nerv. Nach acht Parlamentswahlen in nur fünf Jahren, nach zerfallenden Regierungen und Korruptionsskandalen sehnten sich viele Bulgaren – gerade auch junge – nach Wandel. In Radew fanden sie genau das: einen starken Mann, der Ordnung verspricht.
Radew ist kein politischer Newcomer. Von 2017 bis 2026 war er Präsident Bulgariens, ein vor allem repräsentatives Amt, das ihm erlaubte, Distanz zum politischen Betrieb zu wahren, den er zugleich scharf angriff. Diese Rolle kam bei vielen Wählerinnen und Wählern an. Am Sonntag kam sein Bündnis auf 45 Prozent; sogar eine absolute Mehrheit von 140 der 240 Sitze scheint möglich. Die Botschaft vieler Bulgaren ist klar: Ein ehemaliger Kampfpilot soll das Land aus der Dauerkrise führen.
Doch je genauer man Radew zuhört, desto dringlicher wird die Frage, was mit ihm auf Europa zukommt. Er stellt sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und wirft europäischen Regierungschefs Kriegstreiberei vor. Er lehnt Sanktionen gegen Russland ab und unterstützt ein Anti-LGBTQ-Gesetz. Kritiker warnen deshalb, Bulgarien stehe mit Radew vor einer gefährlichen Wendung. In dem Balkanland am Schwarzen Meer mit seinen rund sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern könnte bald ein neuer Viktor Orbán regieren. Wo die Ungarn gerade Russlands wichtigsten Verbündeten in Europa abwählten, könnte in Bulgarien ein neuer Gegenspieler auftauchen. Ein Mann, der den Interessen des Kreml in Europa dient.
Einige Beobachter fürchten: Radew könnte zu Europas neusten Störenfried werden. Er stünde damit in einer Reihe mit Regierungschefs, die durch ihre Russlandnähe oder scharfe Angriffe auf die EU auffallen: Robert Fico in der Slowakei, Andrej Babiš in Tschechien oder Giorgia Meloni in Italien. Angesichts der Positionen Radews drängt sich die Frage auf: Wird auch der Bulgare sich den Unruhestiftern anschließen?
Ein Milieu, das Russland als Freund sieht
Juli 2023, Präsidentenpalast in Sofia: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj saß Rumen Radew gegenüber, das Treffen wurde live übertragen. Selenskyj warb für Waffen und Munition für den Abwehrkampf gegen Russland. Radew, damals noch bulgarischer Präsident, bremste. Waffenlieferungen würden den »Konflikt« nur verlängern, sagte er. Selenskyj widersprach: Das sei kein Konflikt, sondern ein Krieg, der die ukrainische Bevölkerung ausmerzen solle. »Gott bewahre, dass eine Tragödie eintritt und Sie an meiner Stelle wären«, sagte der Ukrainer. »Würden Sie dann sagen: ›Putin, bitte nimm die bulgarischen Gebiete‹?« Radew wirkte getroffen, er rang nach Worten. Kurz darauf mussten die Kamerateams den Saal verlassen.
Wer verstehen will, wie Radew auf die Ukraine, Russland und Europa blickt, muss in seiner Biografie suchen. 1962 geboren, wuchs er in der sozialistischen Volksrepublik Bulgarien auf, die fest im Einflussbereich Russlands stand. Radew ist kein Berufspolitiker, er stammt aus dem Militär: erst Kampfpilot, später Oberbefehlshaber der bulgarischen Luftwaffe, entspringt er einem Milieu, das auch heute Russland oft als Freund sieht und den Westen skeptisch betrachtet.
2016 kam Radew mit Unterstützung der Sozialisten ins Amt des Präsidenten, jener Partei also, die aus der einstigen Kommunistischen Partei hervorging. In seinen Reden griff er ein Geschichtsbild auf, das in Bulgarien tief verankert ist: Russland als Bulgariens Befreier im Krieg gegen das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert. EU-Sanktionen gegen Russland hält er für wirkungslos. Er will weiter Öl und Gas aus Russland importieren. In seiner Lesart erscheint Bulgarien als kulturelles Bindeglied zu Russland, verbunden durch slawische Tradition und orthodoxen Glauben. Doch erklärt diese russlandfreundliche Haltung auch seinen überwältigenden Wahlsieg?