Nach Leopard und Boxer hat die Bundeswehr für einen weiteren Panzer Antriebe am Bodensee bestellt: Der Friedrichshafener Motorenhersteller Rolls-Royce Power Systems (RRPS) stattet 200 Schützenpanzer des Modells Puma mit Motoren aus. Die Auslieferung der Antriebseinheit, die aus einem Zehnzylindermotor mit 800 Kilowatt Leistung und elf Liter Hubraum sowie einem Getriebe des Augsburger Herstellers Renk besteht, wird nach den Unternehmensangaben im Jahr 2028 beginnen.
Die Bestellung ist der dritte Großauftrag für RRPS innerhalb weniger Monate. In diesen Tagen sollen die ersten Motoren für das gepanzerte Transportfahrzeug Fuchs an das Konsortium KNDS und Rheinmetall gehen, das den Panzer für die Bundeswehr und weitere internationale Kunden baut. Dieser Auftrag umfasst 350 Aggregate. Zudem hatte KNDS im Dezember mehr als 300 Motoren für den Leopard 2 bestellt. Die Panzer sind neben der Bundeswehr für die Armeen von Schweden, Litauen, der Tschechischen Republik und den Niederlanden bestimmt.
Motorenbauer erwartet 20 Prozent Wachtsum im Rüstungsgeschäft
Man erwarte, dass das Verteidigungsgeschäft mittelfristig um 20 Prozent wachse, hatte der RRPS-Vorstandsvorsitzende Jörg Stratmann der F.A.Z. gesagt (F.A.Z. vom 28. Februar). Dass die Aufträge aus der Zeitenwende nun in der Industrie ankommen, liege auch an den optimierten Abläufen bei der Bundeswehr. Nötig seien langfristige und planbare Beschaffungsverträge. „Wir sehen hier Verbesserungen, und wir sehen auch, dass die Vorgänge schneller bearbeitet und die Prozesse effizienter werden“, hatte Stratmann gesagt.
Die meisten der derzeit nachgefragten Motoren beruhen auf Entwicklungen, die zum Teil bis zu einem Vierteljahrhundert alt sind. Armeen setzen in der Regel auf bewährte Techniken, die in kleinen Schritten von den Ingenieuren immer weiter verbessert werden. Vor diesem Hintergrund sieht RRPS den Auftrag zur Entwicklung eines neuen Antriebs für den angedachten europäischen Kampfpanzer Main Ground Combat System (MGCS) als großen Erfolg.
Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat das Unternehmen zusammen mit dem ebenfalls in Friedrichshafen ansässigen Autozulieferer ZF beauftragt, einen parallel-hybriden Antrieb für schwere militärische Kettenfahrzeuge neu zu entwickeln. Ein Zehnzylindermotor soll mit einem elektrifizierten Lenkschaltgetriebe kombiniert werden.
MGCS soll Leopard 2 und Leclerc ersetzen
Der geplante Kampfpanzer Main Ground Combat System ist ein seit 2012 bestehendes deutsch-französisches Rüstungsprojekt, mit dem die Bundeswehr den Leopard 2 und das französische Heer den Leclerc ablösen wollen. Ursprünglich sollten die Panzer von 2035 an einsatzbereit sein. Nun geht keiner der Beteiligten davon aus, sie vor 2040 fahren zu sehen – zu verschieden sind die Interessen der beteiligten Länder und Unternehmen.
Das Bundesamt BAAINBw bestätigte den Auftrag zur Entwicklung eines Antriebs, der für ein solches System infrage kommt. „So ein Antrieb wird nicht nur für ein System entwickelt, das wäre zu teuer“, sagte ein Sprecher. „Wofür der Antrieb am Ende verwendet wird, das muss die Zeit zeigen.“
Neben Großmotoren auf Dieselbasis für die Panzer Puma, Leopard und Boxer stellt RRPS Aggregate für die Panzerhaubitze 2000 sowie für Fregatten, Korvetten, Minensucher, Unterseeboote und Patrouillenschiffe her. Dieses Geschäft ist in den vergangenen drei Jahren um mehr als 35 Prozent gewachsen auf 1,43 Milliarden Euro. Das ist ein Viertel des Gesamtumsatzes. Den Großteil der militärischen Motoren stellt RRPS in Friedrichshafen am Bodensee her. Ausnahme sind die Aggregate für die Panzer der israelischen Armee, die die 100-prozentige Tochtergesellschaft des britischen Triebwerkherstellers Rolls-Royce in ihrem Werk in Aiken im US-Bundesstaat South Carolina herstellt.
Im Moment erweitert RRPS die Produktion am Bodensee und baut ein neues Werk, um Platz für die militärische Produktion zu schaffen, in der von 500 bis zu 600 Menschen beschäftigt sind. „Mit den bestehenden Produkten stehen wir sehr gut da, da ist die Auslastung für die nächsten Jahre gesichert“, erklärt Betriebsratschef Thomas Bittelmeyer. „Von den Zukunftssystemen höre ich allerdings noch nichts. Es wird sehr schwer, dass wir da auch reinkommen, weil sich der Markt verändert und größere und agilere Wettbewerber in den Markt drängen.“
Das Unternehmen schätzt die Lage anders ein. „Wir sind überzeugt, dass wir über die richtigen technologischen Lösungen für die europäischen Zukunftsplattformen verfügen“, sagt ein Sprecher und verweist vor allem auf den Entwicklungsauftrag für MGCS. Auf der Messe Eurosatory im Juni will RRPS ein mittels 3D-Druck hergestelltes Modell des neuen Motors vorstellen.