Ein Drohnenhersteller aus Bayern soll im Auftrag eines russischen Geheimdienstes ausspioniert worden sein. Sicherheitsbehörden warnen schon länger: Die Rüstungsbranche stehe im Fokus, selbst Attentate seien nicht auszuschließen.
Aus seinem Engagement für die Ukraine machte der Geschäftsführer der Drohnenfirma aus Niederbayern bislang keinen Hehl: In Interviews und in sozialen Netzwerken erzählte er gerne, wie seine Produkte – Drohnen und deren Bauteile – den ukrainischen Streitkräften beim Kampf gegen die russischen Angreifer helfen. Nun soll er offenbar genau deshalb ins Visier geraten sein.
Am Dienstag teilte die Bundesanwaltschaft mit, dass zwei Tatverdächtige wegen der Ausspähung des bayerischen Drohnen-Herstellers festgenommen wurden: Der Ukrainer Sergey N. wurde in Südspanien gefasst, die Rumänin Alla S. im nordrhein-westfälischen Rheine. Der Vorwurf lautet: geheimdienstliche Agententätigkeit. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.
Nach Erkenntnissen der Ermittler das bayerischen Landeskriminalamtes und das Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) soll Sergey N. ab Dezember 2025 den Chef des bayerischen Drohnen-Unternehmens ausgespäht haben – und zwar im Auftrag eines russischen Geheimdienstes. Der Ukrainer soll etwa das Firmengebäude in Bayern gefilmt haben.
Kürzlich zog N. dann nach Spanien, anschließend soll Alla S. den Spionageauftrag fortgeführt haben. Sie soll zur Privatadresse des besagten Firmenchefs gereist sein und dort mit ihrem Handy Filmaufnahmen angefertigt haben. „Die Ausspähaktionen dienten mutmaßlich der Vorbereitung weiterer geheimdienstlicher Operationen gegen die Zielperson“, so die Bundesanwaltschaft.
Attentate nicht ausgeschlossen
„Geheimdienstliche Operationen“ klingt vergleichsweise harmlos für das, was Sicherheitsbehörden schon seit geraumer Zeit nicht mehr für ausgeschlossen halten: Attentate. Russlands Geheimdienste zeigten deutlich „mehr Risikoappetit“, so warnte erst in der vergangenen Woche der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Sinan Selen, bei einer Veranstaltung.
Es gehe dabei um Spionage und Sabotage, aber auch „Tötungsoperationen“ seien längst nicht mehr auszuschließen, so Selen. Deutschland werde von Russland „als Gegner, mitunter als Feind Nummer eins“ wahrgenommen. Im Fokus stünden insbesondere die Logistikbranche, aber auch der Technologiesektor – und eben die Rüstungsindustrie.
Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen
Bereits im Juli 2024 wurde bekannt, dass deutsche Sicherheitsbehörden von einem ausländischen Partnerdienst eine brisante Warnung erhalten hatten: Moskau plane ein Attentat auf den Rheinmetall-Chef Armin Papperger.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ging den Hinweisen nach, tatsächlich sollen sogar mehrere verdächtige Personen identifiziert worden sein, die in die Europäische Union eingereist waren und offenbar Papperger ausspähen wollten. Die spärlichen Erkenntnisse aber reichten nicht für polizeiliche Maßnahmen oder gar Festnahmen.
Bei öffentlichen Veranstaltungen ist es mittlerweile jedoch kaum übersehbar: Einige Vertreter der deutschen Rüstungsbranche haben die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht. So mancher Manager ist nur noch mit Personenschutz unterwegs, teilweise in besonders gesicherten Fahrzeugen.
Gestiegenes „Innentäter“-Risiko
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sorgt dafür, dass die Unterstützer des überfallenen Landes in den Fokus der russischen Geheimdienste geraten. Dazu zählen auch die Lieferanten von Waffen, Munition und Drohnen. Die Bedrohung diesbezüglich, so ist aus Sicherheitskreisen zu hören, sei schon seit Jahren hoch. Regelmäßig gebe es Vorfälle, bei denen vermutet werde, es handele sich um gezielte Ausspähaktionen gegen Unternehmen.
So gebe es Fälle, in denen beispielsweise Mitarbeiter unter einem Vorwand über soziale Netzwerke kontaktiert worden seien, ebenso Cyberangriffe. Auch seien bereits verdächtige Drohnen und Personen, die sich auffällig für Firmengelände interessierten, beobachtet worden. Außerdem, so heißt es in Sicherheitskreisen, steige das Risiko von sogenannten Innentätern: Die Rüstungsbranche boome, die Firmen expandieren, es werde schnell Personal gebraucht. Gleichzeitig sind Sicherheitsüberprüfungen oft langwierig und kompliziert.
Giftanschlag in Bulgarien
Dass das Putin-Regime offenbar nicht vor Attentaten auch gegen Vertreter der Rüstungsbranche zurückschreckt, zeigt ein Fall aus Bulgarien, der sich sogar schon vor der russischen Vollinvasion der Ukraine ereignete: Im Frühjahr 2015, rund ein Jahr nach der völkerrechtwidrigen Annexion der Krim durch Russland, wurde der bulgarische Rüstungsunternehmer Emilian Gebrev das Ziel eines Giftanschlags. Er überlebte.
Der Waffenhändler Gebrev, der schon damals die Ukraine belieferte, wurde nach Erkenntnissen der bulgarischen Ermittler mit dem chemischen Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet, der offenbar an der Klinke einer Autotür angebracht worden war. Auch sein Sohn und ein Manager der Firma zeigten Vergiftungssymptome.
Nowitschok war auch beim Attentat auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien im März 2018 verwendet und gegen den russischen Oppositionelle Alexej Navalny eingesetzt worden, der anschließend zur Behandlung in die Charité nach Berlin gebracht wurde.
Tote bei Sprengstoffanschlägen
Gegen mehrere Waffenlager und Munitionsfabriken in Tschechien und Bulgarien gab es zudem 2014 und 2015 Sprengstoffanschläge, bei denen zum Teil auch Wachpersonal getötet wurde. Die dort hergestellten und gelagerten Rüstungsgüter waren unter anderem für die Ukraine und Georgien bestimmt. Bei einigen Anschlagszielen gab es eine Verbindung zum bulgarischen Waffenhändler Gebrev.
Die tschechische Regierung macht für die Attentate den russischen Militärgeheimdienst GRU, insbesondere die für solche Sabotageaktionen zuständige Einheit 29155, verantwortlich. Und auch die bulgarische Justiz fahndet inzwischen nach GRU-Angehörigen.
Source: tagesschau.de