Die einen sind schon wieder zurück, die anderen harren noch aus. Eine vierstellige Zahl an Urlaubern, die wegen der Folgen des Nahost-Konflikts gestrandet waren, ist nach Deutschland zurückgekehrt. Bis zum Donnerstagnachmittag waren – seit der Wiederaufnahme eines „eingeschränkten Flugplans“ am Dienstag – sieben Flieger der Gesellschaft Emirates aus Dubai in Deutschland gelandet, ein achter war für den Abend in München angekündigt.
Zudem landete am Donnerstag der erste von der Bundesregierung gecharterte Lufthansa-Flieger aus Maskat im Oman in Frankfurt, bis Freitag sollten zwei Condor-Sonderflüge im Auftrag des Bundes aus Maskat folgen. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) sagte: „Ich bin sehr froh, dass heute der erste vom Auswärtigen Amt organisierte Flug aus Maskat mit mehr als 250 Personen sicher in Frankfurt gelandet ist.“ Es gebe auch eine gewisse Entspannung im kommerziellen Flugverkehr, die Kapazitäten würden von Tag zu Tag größer.
Nach dem Flug der Lufthansa im Regierungsauftrag schickt die Tochtergesellschaft Eurowings ein Flugzeug los, um gestrandete Kunden auf Dubai und Umgebung, die bei Eurowings komplette Pauschalreisen gebucht hatten abzuholen. Sie sollen in Riad in Saudi-Arabien einsteigen und mit Bussen zum rund 1000 Kilometer von Dubai entfernten Flughafen von Riad gebracht werden.
In der Reisebranche will jedoch niemand Entwarnung geben. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) hingen 30.000 Kunden hiesiger Reiseanbieter in der Krisenregion fest, dazu kommen Urlauber, die individuell ihre Flüge gebucht hatten, sowie Geschäftsreisende. Die große Zahl Wartender trifft auf ein krisenbedingt deutlich verringertes Flugangebot. Christoph Debus, Chef des Reiseanbieters Dertour, rechnete auf der ITB vor, dass durch den zwischenzeitlichen Betriebsstopp der Golf-Carrier mehr als 600 Passagierflugzeuge im globalen Langstreckenstreckenverkehr gefehlt hätten und zu einem großen Teil immer noch fehlten.
Wie lange hängen Reisende noch fest?
In der Reisebranche wachsen Sorgen, dass Betroffene auch in der kommenden Woche noch festhängen könnten. Deutsche Fluggesellschaften wie Condor und Eurowings, die auch Urlauber in die Emirate gebracht haben, starten von dort bislang gar nicht. Die Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings begründet dies mit Sicherheitsvorgaben des Mutterkonzerns.
Lufthansa hatte am Donnerstag für alle Konzernmarken den Anflugstopp für die Emirate bis zum nächsten Dienstag verlängert. Für Passagiere des Eurowings-Sonderflugs, auf dem die Gesellschaft freiwillige Helfer einsetzt, wird daher die gewaltige Busfahrstrecke nach Riad nötig. Dort soll der Flieger am Freitagabend um 19 Uhr Ortszeit startbereit sein und dann in der Nacht zu Samstag um 0.30 Uhr in Köln landen.
Luftfahrtmanager, die ungenannt bleiben wollen, berichten indes, dass für den Einflug in den für den Regelbetrieb weiter gesperrten Luftraum der Emirate Ausnahmegenehmigungen fehlten. Auch einen Versicherungsschutz für das Flugzeug oder eine staatliche Haftungszusage gebe es nicht. Das seien Punkte, für die Unterstützung des Bundes durch einen Austausch mit den Arabischen Emiraten nötig wäre, Flugzeuge ständen grundsätzlich bereit. Nach Informationen aus Kreisen der Reisebranche soll es am Freitag ein Gespräch mit dem Auswärtigen Amt dazu geben.
Hinter den Kulissen wird schon gewarnt, es könne der – für die deutsche Branche als fatal erachtete – Eindruck entstehen, dass Emirates-Passagiere auf dem Heimweg einen Zeitvorteil bekämen. Nach Angaben des Luftfahrtdatendienstleisters Cirium entsprach die Zahl der am Mittwoch durchgeführten Emirates-Flüge 18 Prozent des Plans. Sie starten unter militärischer Begleitung und drehen nach Süden ab, um über Saudi-Arabien statt über den Golf zu fliegen. Condor wollte für seine Maskat-Flüge hin und zurück einen Umweg über Saudi-Arabien und Hurghada nehmen. In den ägyptischen Urlaubsort sollten Besatzungen wechseln und die Flugzeuge nachgetankt werden.
Bislang keine Flüge in Qatar
Emirates kündigte an, den Betrieb „schrittweise“ auszuweiten, „abhängig von der Verfügbarkeit des Luftraums und der Erfüllung aller operativen Anforderungen“. Für Freitag stellte die Gesellschaft sechs Flüge nach Deutschland in Aussicht. Auch die Gesellschaft Etihad aus Abu Dhabi hat einen Rumpfbetrieb aufgenommen.
Während der Bund für die staatlichen Rückholflüge Kranke, Schwangere und Kinder auswählen wollte, teilte Emirates mit, „Kunden mit früheren Buchungen Vorrang“ zu gewähren – und Passagiere somit im Wesentlichen in der ursprünglich gedachten Reihenfolge der Flüge zu befördern.
Schwieriger ist die Lage für Reisende in Qatar, im Hafen der Hauptstadt Doha liegt eines der beiden TUI-Kreuzfahrtschiffe, die sich in der Region befinden. Qatar Airways hat nach eigenen Angaben weiterhin den Flugbetrieb eingestellt und begründet dies mit staatlichen Luftraumsperrungen. Auch laut Cirium-Daten war bis Donnerstagnachmittag gar kein Passagierflug in Doha gestartet, auf der Plattform X kündigte die Airline einige „Hilfsflüge“ an, die in Maskat oder in Riad in Saudi-Arabien starten sollten.
Probleme auf dem Weg in den Oman
Rückholanstrengungen stoßen auf allerlei Hürden. Reisemanager schilderten auf der Branchenmesse ITB, dass mindestens ein Flieger aus Maskat im Oman halb leer geflogen sei. Die fehlenden Passagiere hätten demnach noch im Bus gesessen, der vor den Grenzkontrollen zwischen den Emiraten und Oman stand. Für die rund 400 Kilometer von Dubai nach Maskat werden normalerweise fünf bis sechs Stunden Fahrzeit kalkuliert. Aktuell kursieren Schilderungen, dass es zwölf Stunden und länger dauere. Zudem könnten nur Busse genutzt werden, die im Oman fahren dürfen. Auch das Auswärtige Amt erklärt im Internet, für Fahrzeuge sei im Oman ein spezielle Versicherung nötig. Die liegt offenbar für viele Busse in Dubai nicht vor.
Erstaunt soll in Branchenkreisen zudem wahrgenommen worden sein, dass wegen fehlender Flugmöglichkeiten von und nach Dubai der Oman – verbunden mit Überlandfahrten dorthin – in den Fokus rückt. Das Auswärtige Amt hatte auf seiner Internetseite betroffenen Reisenden zunächst erklärt, sie sollten abwägen, ob sie „sich auf einen Weg über Land machen, dessen Gefahren Sie – und wir – nicht kennen.“ Ergänzt wurde inzwischen, es seien „keine sicherheitsrelevanten Vorkommnisse auf der Strecke Grenze-Maskat zu erwarten“.
Ändert sich die Heimreise, ist das für Betroffene nicht immer kostenfrei. Passagiere, die mit den Sondercharterflügen des Bundes heimkehren, werden dafür eine Rechnung erhalten. Ebenso war es auch mit den Rückholflügen am Beginn der Corona-Pandemie. Pauschalreisende können vorerst ohne weitere Kosten planen, sie müssen aber mit dem Flug Vorlieb nehmen, der ihnen vom Reiseveranstalter beziehungsweise der jeweiligen Fluggesellschaft zugewiesen wird. Für die Zwischenzeit sorgen Reiseveranstalter für die Unterkunft.
Sonderflüge holen Urlauber auf den Malediven ab
Auch für Reisende, die in den Emiraten nur umsteigen wollten, laufen Alternativverbindungen an. Dertour ließ von der Gesellschaft Condor Urlauber mit mehreren Flügen auf den Malediven abholen. Schauinsland-Reisen beauftragte die Lufthansa-Tochtergesellschaft Discover, Gäste aus Sri Lanka und Mauritius zu holen. Emirates hatte zunächst nach Dubai nur Passagiere mitgenommen, die von dort stammen oder dort ihren Wohnsitz haben, um die Lage vor Ort zu entspannen. Mittlerweile werden wieder Reisende mitgenommen, deren direkter Weiterflug gesichert ist.
Trotz der Krise rechnen Reisemanager nicht mit einem großen Dämpfer im Urlaubsgeschäft insgesamt. „In einer Zeit, in der sich das Leben herausfordernder und unsteter anfühlt, sehnen sich die Menschen nach Erholung“, sagt Dertour-Chef Debus in Berlin. Jenseits der allgemeinen Lebenshaltungskosten stehe Reisen in den Ausgabepräferenzen oben an. Bevor der Nahost-Konflikt eskalierte, konnte Dertour auf vier Prozent mehr Kunden als zum Vergleichszeitpunkt vor einem Jahr verweisen.
Allerdings droht, dass Urlauber Ziele und Reisewege überdenken. Die im aktuellen Winterhalbjahr laufende Hochsaison für Emirate-Reisen ist wohl jäh zu Ende. Dertour gestattet nun – unabhängig vom Fortbestand der Reisewarnung – allen Kunden, deren Urlaub in der Golfregion im März beginnen sollte, kostenfrei auf andere Ziele zu wechseln. Die Hoffnungen für die Golfregion richten sich auf den kommenden Winter, sofern der Konflikt nicht allzu lange anhält.
Davon hängt auch die Preisentwicklung für andere Ziele ab. Für Fernreisen nach Asien wählten Urlauber bislang zwischen Direktflügen und Anreisen mit Umstieg am Golf, die wegen der Umsteigezeit zwar etwas länger dauerten, aber mitunter günstiger sind. Nun steigen die Preise für Nonstopflüge, die die Region nicht passieren. Es sei noch zu früh für eine Prognose, ob dies den Sommer über so bleibe, sagte Debus.
Sicherheitsfragen beschäftigen Reisende auch ohne den aktuellen Konflikt schon. Für eine auf der Reisemesse ITB vorgestellte Studie hatte Dertour Urlauber befragt, was sich über die vergangenen fünf Jahre beim Thema Reisen verändert habe. 61 Prozent hatten angegeben, dass geopolitische Konflikte und Instabilität für sie nun ein etwas oder viel größeres Problem seien. Die Preisentwicklung hatten mit 73 Prozent noch mehr als Problem eingestuft.
Zwischenzeitlich war mit Zypern ein weiteres Reiseziel in den Krisenfokus geraten, nachdem dort zwei Drohnen, die möglicherweise eine britische Militärbasis als Ziel hatten, abgefangen wurden. Lufthansa hatte alle Konzernflüge dorthin ausgesetzt, von Samstag an soll nach derzeitigem Stand aber wieder regulär geflogen werden.