Rückgang zwischen jugendlichem Alkoholkonsum sei eine „trügerische Vorstellung“

Jährlich werden weniger Jugendliche mit Alkoholvergiftung stationär behandelt – so die Zahlen. Doch die Erfahrung in den Notaufnahmen, sei eine andere, warnt ein Klinikdirektor. Die unterschiedliche Einschätzung habe systemische Ursachen.

Angesichts der abnehmenden Zahlen von Jugendlichen, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, warnt der Direktor der Kinderklinik am Dresdner Universitätsklinikum, Reinhard Berner, vor falschen Rückschlüssen. „Die reine statistische Zahl ist eine trügerische Vorstellung“, sagte Berner.

Aus den Zahlen ließe nicht ableiten, dass der Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen rückläufig sei. „Wenn man unsere Kollegen in den Notaufnahmen fragt“, so Berner, „würden sie sogar sagen, die stationär aufgenommenen Kinder haben sehr viel mehr Alkohol und möglicherweise auch noch andere Drogen konsumiert.“

Tatsächlich ist die Zahl stationärer Behandlungen Jugendlicher und Kinder mit Alkoholvergiftung in den letzten Jahren stark zurückgegangen. So gab es im Jahr 2024 im Bundesland Sachsen 807 Fälle, wie zuletzt die Krankenkasse DAK mit Verweis auf Daten des Statistischen Landesamtes mitteilte. Das waren 8,7 Prozent weniger als im Jahr 2023.

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Damit war der Rückgang in Sachsen stärker als in ganz Deutschland. 2024 wurden bundesweit 8781 jugendliche Rauschtrinker registriert – 5,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Das war die niedrigste Zahl in 25 Jahren.

Bis einschließlich 2019 war die Zahl der zehn- bis 19-Jährigen mit Alkoholrausch in Sachsen noch stetig angestiegen – von 1177 im Jahr 2017 über 1231 auf einen Höchststand von 1266. Im Vergleich dazu kamen 2024 sogar mehr als ein Drittel weniger Jungen und Mädchen mit Alkoholrausch ins Krankenhaus.

Schwelle für stationäre Aufnahmen gestiegen

Dass die Zahl der stationären Behandlungen insgesamt abnimmt, liegt laut Berner vor allem an den veränderten Prämissen bei der stationären Aufnahme. „Auch aufgrund unserer Bettenkapazitäten hat sich die Schwelle, Kinder stationär aufzunehmen, in den letzten Jahren und besonders seit Pandemiebeginn wesentlich verändert.“

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Wie auch bei vielen anderen Krankheiten würden heute viel mehr Patienten ambulant versorgt. „Wir schicken mehr Kinder wieder mit ihren Eltern nach Hause, als das vielleicht vor zehn Jahren der Fall gewesen ist.“

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Im Krankenhaus bleiben die jungen Patienten, wenn bei besonders hohem Alkoholspiegel oder einer Mischintoxikation mit anderen Drogen ihre Gesundheit oder gar ihr Leben in Gefahr ist. „Da ist das Risiko, dass die sehr stark auskühlen oder so stark bewusstseinseingeschränkt sind, dass sie sich verschlucken und Erbrochenes in die Lunge bekommen können.“ Auch wenn die Eltern nicht erreichbar sind, sei das ein Grund, die Jugendlichen vor Ort zu behalten.

In vielen – laut Berner eher unproblematischen – Fällen kommen die jungen Patienten nur ein- oder zweimal in die Klinik, etwa weil sie beim Stadtfest über die Stränge geschlagen haben.

„Aber wir haben auch eine ganze Reihe von Kindern oder Jugendlichen, die ein chronisches Alkoholproblem haben und immer wieder bei uns sind.“ Sie stammen häufig aus schwierigen Verhältnissen, leben etwa nicht mehr bei den Eltern, sondern teils auf der Straße oder in Wohngruppen.

Berner warnt vor den langfristigen Folgen, die besonders jungen Menschen drohen. „Wenn es zum chronischen Alkoholkonsum kommt, ist das für die Entwicklung, aber auch für die Organe und für das Gehirn, nicht günstig.“ Häufig handele es sich für die Jugendlichen zudem um einen Einstieg in den Substanzmissbrauch. „Das heißt also, dass der Alkohol nur der Anfang ist und dann andere Drogen dazu kommen.“

dpa/dia

Source: welt.de

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