Rückblick | „Lost in the 90s“-Retrospektive nebst jener Berlinale: Das Kino denn Fundbüro

Eine Frage an alle, die in den 1990er-Jahren viel Zeit im Kino verbracht haben: Woran erinnern Sie sich? An ein heimeliges Lichtspiel um die Ecke, das sich mitunter plötzlich Arthouse nannte? Oder an ein schillerndes Multiplex – das kinematografische Gegenstück zur Shoppingmall, das den Filmkonsum zu einem Event unter vielen erklärte (und immerhin für großzügige Leinwände und bequeme Sitze sorgte)?

Haben Sie Titanic, Jurassic Park oder Star Wars – Episode 1 gesehen, die einzigen Titel jener Jahre, die es unter die Top 50 der weltweit umsatzstärksten Filme aller Zeiten schafften? Oder eher Festival-Gewinner wie Urga, Pulp Fiction und Das Piano? Vielleicht interessierten Sie sich auch für Underground-Perlen wie No Skin Off My Ass vom Queercore-Regisseur BruceLaBruce oder gar für Erfolgsfilme junger deutscher Regisseurinnen wie Jenseits der Stille von Caroline Link oder Katja von Garniers Bandits.

„Lost in the 90s“: Das orientierungslose Jahrzehnt

Als ein Jahrzehnt des „Verlorengehens zwischen Trotz und Fatalismus“ beschrieb Florian Schmid kürzlich die 90er-Jahre hier beim Freitag; er fand dessen cineastische Entsprechung in Jim Jarmuschs Dead Man. Hier endlich dockt auch die Retrospektive der diesjährigen Berlinale an. Zwar führt sie keinen der bislang genannten Titel im Programm, ihr Thema Lost in the 90s greift aber jene gewisse Orientierungslosigkeit auf, die am Anfang jeder Bemühung stehen dürfte, das Typische eines Jahrzehnts oder auch einer ganzen Generation auf griffige Nenner zu bringen.

Zudem steht das „lost“-Sein ja auch für eine potenziell fatale Tiefe der Empfindung. Dieses Sich-Verlieren kann bekanntlich ein Zeichen von Überforderung angesichts scheinbar unendlicher Möglichkeiten sein. Ebenso lauert es hinter der trotzig-wehmütigen Rückschau, die als Nostalgie zur verlässlichen Begleiterin jedes Transformationsprozesses gehört.

22 Filme umfasst die Retrospektive der in dieser Woche startenden Berlinale. Sie sind auf drei thematische Blöcke verteilt – Berlin nach der Wiedervereinigung, Ost-West-Austausch und das Ende der Geschichte – und werden durch Podiumsveranstaltungen ergänzt.

Ein neuer Fokus auf den Osten?

Zuständig für das Programm der Retrospektive ist in diesem Jahr zum ersten Mal die neue künstlerische Direktorin der Kinemathek in Berlin, Heleen Gerritsen. Die 1978 geborene Niederländerin hat Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Volkswirtschaft sowie Russische Philologie studiert. Sie arbeitete als Filmproduzentin und leitete Festivals wie das DokumentART in Neubrandenburg/Szczecin und das Wiesbadener GoEast. Es war also zu erwarten, dass sich ihr Fokus auf den Osten auch in ihrem Programm Lost in the 90s widerspiegelt.

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Und in der Tat: Etwa zwei Drittel der gezeigten Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme stammen entweder aus Staaten zwischen dem damaligen Jugoslawien und der UdSSR oder erzählen Geschichten aus Rumänien, der Mongolei und der untergehenden DDR. Gerritsen stellt sie mehrheitlich unter den Programmschwerpunkt „East Meets West“, der unter anderem mit großen Namen des globalisierten künstlerischen Kinos aufwartet.

Hier beobachtet der längst nach Hollywood ausgewanderte Deutsche Werner Herzog das spirituelle Leben im post-sowjetischen Sibirien und nennt das Ergebnis Glocken aus der Tiefe. Glaube und Aberglaube in Russland. Auch die Belgierin Chantal Akerman, Tochter jüdischer Holocaust-Überlebender aus Polen, begab sich auf Reisen und lässt in ihrem dokumentarischen Roadmovie D’Est zwischen dem sommerlichen Deutschland und dem verschneiten Russland die Menschen in ihrem Alltag für sich stehen und sprechen.

Für den polnischen Regisseur Krzysztof Kieślowski bedeutete das Ende des Kalten Krieges eine Ausweitung des eigenen Arbeitsfelds nach Frankreich. So erzählt sein 1991 im Wettbewerb von Cannes uraufgeführter Film Die zwei Leben der Veronika von der geheimnisvollen Verbindung zweier junger Frauen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, aber nie wirklich begegnet sind. Die eine, Weronika, lebt in Krakau und steht am Anfang einer Gesangskarriere, die andere, Véronique, arbeitet als Musiklehrerin in Clermont-Ferrand und verliebt sich in einen zwielichtigen Puppenspieler. In ihrer jeweiligen Entscheidungsfindung profitieren beide unbewusst von den Erfahrungen ihrer fernen, unbekannten Dublette.

Dass Kieślowski damals von unausweichlichen Fremdbestimmungen erzählte, fügt jener Zeit, die rückblickend vor allem mit einem Ausbruch neuer persönlicher Freiheiten assoziiert wird, eine skeptisch-melancholische Fußnote hinzu.

Jean-Luc Godards Blick auf das wiedervereinte Deutschland

Mit dem vergleichsweise kühl-analytischen Blick eines Detektivs widmete sich im gleichen Jahr Jean-Luc Godard dem wiedervereinten Deutschland. In Anlehnung an Roberto Rossellinis 1947 im zerbombten Berlin gedrehten neorealistischen Klassiker Deutschland im Jahre Null nannte Godard seine 61 Minuten kurze, hoch verdichtete Materialmischung aus Agentenkrimi-Elementen und kulturhistorischem Essay Deutschland Neu(n) Null.

So grundverschieden die Ansätze von Kieślowski und Godard auch sein mögen, „lost“ wirken ihre Filme keineswegs. Vielmehr zeugen sie vom Suchen und Finden höchst individueller künstlerischer Gestaltungsmöglichkeiten. Inwieweit hinter der jeweiligen neuen Ost- beziehungsweise Westorientierung der längst etablierten Regisseure allerdings echtes Interesse und Neugier oder doch vor allem die pragmatische Nutzung einer vorher verschlossenen Filmfinanzierungsquelle steckte, bliebe zu diskutieren.

Wie in einer Nussschale konzentriert sich der „East-Meets-West“-Gedanke im zweiten Schwerpunkt der Berlinale-Retrospektive auf das erst mal wenig überraschende Thema „Berlin“.

Dort läuft zum Beispiel Gorilla Bathes at Noon des 2019 verstorbenen serbischen Regisseurs Dušan Makavejev. Als absurde Komödie inszenierte er die Abenteuer eines jungen russischen Majors, der – „lost in Berlin“ – lieber einen Job und die Liebe sucht, anstatt in seine Heimat zurückzukehren, wo niemand auf ihn wartet.

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Wie nebenbei nimmt dieser Major an den dokumentarisch festgehaltenen Protesten gegen den Abbau des monumentalen Lenin-Denkmals in Berlin-Friedrichshain teil. Schließlich erfindet er sich neu, als vermeintlicher Sohn von Alexei und Natascha, dem heldenhaften Pärchen aus dem sowjetischen Propaganda-Klassiker Der Fall von Berlin. Dort gelang es dem gelernten Stahlschmelzer Alexei als Soldat der Roten Armee, die Sowjetfahne auf der Kuppel des umkämpften Reichstags zu platzieren. Der junge russische Deserteur darf sich im Berlin der 90er-Jahre wohl ein letztes Mal als Sieger fühlen.

Ein ähnlich spielerischer Umgang mit Geschichte und Form findet sich auch bei Tom Tykwers hochenergetischer Underdog-Romanze Lola rennt und Kutluğ Atamans im deutsch-türkischen queeren Kreuzberg angesiedeltem Lola und Bilidikid. Beide zeigen nicht zuletzt, dass gerade in Zeiten großer politischer Veränderungen das Kino seine große Kraft beweist, wenn es den Blick auf private Kämpfe lenkt, auf ein Coming-out oder auf die verzweifelten Versuche, aus einer Schuldenfalle herauszukommen.

1990 noch als DDR-Produktion entstanden

Wie die beiden Lolas der genannten Filme erfahren auch die ProtagonistInnen von In my Neighbourhood, dass in Notsituationen auf den Rückhalt althergebrachter Familienstrukturen nicht immer Verlass ist. Regie bei dem animierten Kurzfilm, der 1990 noch als DDR-Produktion entstand, führte Gabor Steisinger. Bei ihm, der zuletzt auch in der Emmy-gekrönten Kika-Serie Auf Fritzis Spuren – Wie war das so in der DDR? aus seiner Jugend erzählte, werden Familien von saufenden Machos geprägt, deren Aggression Steisinger mit Graffiti und Rap-Musik die Kreativität und Vitalität der Hip-Hop-Kultur entgegenhält.

Und schon ist die Brücke zum dritten Schwerpunkt der Retrospektive geschlagen, die sich, grob gesagt, mit dem Jung- und/oder Schwarzsein in den USA beschäftigt. Richard Linklaters improvisiertes, für gerade mal 23.000 Dollar gedrehtes Kinodebüt Slacker ruft hier geradezu sprichwörtlich in Erinnerung, aus welcher Haltung und Atmosphäre heraus sich die sogenannte Generation X formte. Trotz und Fatalismus gehen hier Hand in Hand mit einem ironischen Blick auf die Welt und latent oberflächlichem Hedonismus.

Slacker als Lifestyle-Teilzeitler?

Beim Wiedersehen mit all den jugendlichen „Rumhängern“ auf den Straßen von Austin lohnt es sich allerdings, daran zu denken, dass der „Slacker“ nicht nur wie ein Vorläufer des neuerdings in Misskredit gebrachten „Lifestyle-Teilzeitlers“ wirkt. Der Begriff fand laut Linklater einst auch für Militärdienstverweigerer Verwendung, was seinen Film in ein neues Licht der Gegenwart setzen könnte.

Hip-Hop als ungleich aktiveres Ventil für Protest und Widerstand prägt natürlich auch John Singletons Boyz N the Hood, zumindest im Soundtrack und mit der Besetzung einer der Hauptrollen durch Rap-Star Ice Cube. Während dieser Klassiker des New Black Cinema vor allem von Drogenkriminalität und Waffengewalt in South Central Los Angeles erzählt und aus cineastischer Sicht ein wenig unter seinem Hang zur Pädagogik leidet, wirkt Bamboozled von Spike Lee über weite Strecken unvermutet heutig und vital. In der Medien-Satire verordnet ein schwarzer TV-Comedy-Autor für eine provokative Minstrel-Show seinen Schwarzen Nachwuchsstars das rassistische Blackfacing. Der durchschlagende Erfolg seiner alles andere als ironisch rezipierten Show wird dem Autor allerdings rasch peinlich und bald zum Verhängnis.

Spike Lee und das Ende der Geschichte

Auf digitalem Video gedreht ist Lees Film heute ein reizvolles Exponat der musealen Moderne. Die verhandelten Diskurse lassen sich aber ohne Umwege auf die Gegenwart übertragen. Dass dies ausgerechnet unter dem explizit ironisch betitelten Themen-Schwerpunkt „The End of History“ geschieht, zählt sicherlich nicht zu Heleen Gerritsens glücklichsten Entscheidungen.

Überzeugend ist hingegen die ironische Betitelung des Dokumentarfilms Im Glanze dieses Glückes. Initiiert von Produzent Wolfgang Pfeiffer haben sich Johann Feindt, Jeanine Meerapfel, Helga Reidemeister, Dieter Schumann und Tamara Trampe 1990 auf den Weg durch die verschwindende DDR gemacht. Sie interviewen eine Lehrerin in der Provinz, fangen deutlich rechtsnationale Töne auf einer Demonstration in Leipzig ein und besuchen absurd wirkende Gala-Veranstaltungen, auf denen die Berliner High Society Devotionalien aus dem real existierenden Sozialismus ersteigert.

Dass dieses historische Material und der genaue, geduldige Blick des Films auf die Zeit zwischen Grenzöffnung und der letzten Volkskammerwahl im März 1990 einer breiteren Öffentlichkeit nicht verloren gehen, ist ohne Zweifel ein Verdienst dieser Retrospektive. Indes fällt auf, dass der Großteil der ausgewählten Filme Osteuropa als Ort permanenter Krise beschreibt: Im Schatten von Diktaturen, verstrahlt von Tschernobyl, unterdrückt durchs Patriarchat. Hier fehlt jene Perspektive, mit der beispielsweise die Doku Wildwood, NJ im „westlichen“ Teil des Programms die Lebenswelten junger Amerikanerinnen an einem Ferienort betrachtet. Sollte es ähnliche Filme auch über die Jugend am Schwarzen Meer oder an der polnischen Ostsee geben, werden sie hoffentlich ihren Weg in zukünftige Retrospektiven finden.

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