Der Hype geht dem Erscheinen voraus: „Ein Roman, wie er nur alle zehn, fünfzehn Jahre vorkommt“ (Daniel Schreiber), „von einem unserer größten Schriftsteller“ (Bernardine Evaristo). Auf den sozialen Medien werden schon seit einigen Monaten Tränen vergossen („so niederschmetternd“, „Dieses Buch hat mich verändert!“) und die Influencer um ihr Vorabexemplar beneidet. Die „New York Times“ setzte das Buch auf eine Liste mit dem Titel „Die Romane, über die 2026 alle reden werden“. Schriftstellerkollegen, Influencer und Kritiker scheinen sich also erstaunlich einig zu sein: Hier erwartet uns ein Meisterwerk. Kommende Woche erscheint der neue Roman des schottischen Schriftstellers Douglas Stuart.
Der Autor, der 1976 in Glasgow geboren wurde, hatte 2020 mit seinem autobiographisch gefärbten Debütroman „Shuggie Bain“, einer Coming-of-Age-Geschichte über einen Teenager, der bei einer alkoholkranken Mutter aufwächst, den Booker Prize gewonnen. Auch der Nachfolger, „Young Mungo“, war ein großer Erfolg. „John of John“, Stuarts dritter Roman, erscheint nun genau einen Monat vor dem englischen Original auf Deutsch. Ein weiteres Indiz dafür, dass sein Verlag, Hanser Berlin, mit hohen Verkaufszahlen rechnet: So sehr fiebern die Fans dem Buch entgegen, dass sie die deutsche Übersetzung sonst möglicherweise nicht mehr abgewartet und es gleich auf Englisch gelesen hätten.
Rückkehr auf die Insel
„John of John“ ist der erste Roman Stuarts, der nicht in seiner Heimatstadt Glasgow, sondern an einem viel ruhigeren Schauplatz spielt, auf den Äußeren Hebriden, wahrscheinlich in den Neunzigerjahren. Die titelgebende Figur John, von John abstammend, stellt sich nur in der Inseltradition mit dieser Wendung vor, denn eigentlich heißt sie John-Calum, genannt Cal. Nach einem Studium in Edinburgh kommt Cal nach Hause auf die Insel zurück. Warum genau, das weiß vielleicht nicht einmal er selbst: aus Pflichtgefühl gegenüber dem strengen Vater, einem Schafbauern und Weber von Harris-Tweet, den er unterstützen soll? Aus Liebe zur Großmutter, von der der Vater behauptet, es ginge ihr nicht gut? Aus Heimweh? Wegen der Erkenntnis, dass ihm sein Abschluss an der Textilschule nicht die gewünschte Karriere, sondern nur einen Job als Kloputzer eingebracht hat? Oder aus all diesen Gründen zusammen?
So oder so, Cal ist zurück und gleich mit der Situation konfrontiert, die Stuart dem Roman anhand eines Zitats vorangestellt hat: „Inselmenschen sind für’s Exil geboren. Inseln gewähren dir eine privilegierte Kindheit, aber nachdem sie dich zu dem gemacht haben, was du bist, lassen sie dir keinen Platz, dich auszudrücken.“ Cal kann sich nicht ausdrücken, weil er schwul ist. Und so etwas darf es in der erzkonservativen, calvinistischen Gemeinde, in der er aufgewachsen ist, nicht geben. Gibt es aber natürlich doch, und schwul, so erfahren wir schon nach wenigen Kapiteln, ist nicht nur Cal. Eigentlich jede der Figuren des Romans, Cals Vater John, die Großmutter Ella, der Nachbar Innes, hat irgendein Geheimnis, ein Lebensthema, und alle versuchen im sozialen Gefüge des Orts, in dem jeder auf jeden schaut und die Kirche über allem wacht, zurechtzukommen, sind hin- und hergerissen zwischen Glauben, Pflichtgefühl, ihrer Liebe zur Insel mit ihren Traditionen und individuellen Wünschen und Persönlichkeiten.
Was ist zornig an einem Penis?
Man hätte aus dieser Geschichte viel machen können, denn schließlich handelt sie von zahlreichen Themen, die alle für sich genommen erzählenswert sind: vom Leben in einer calvinistischen Gemeinde, vom Alltag auf einer Insel, auf der die Jungen kaum eine Perspektive haben, vom langsamen Tod einer jahrhundertealten Handwerkstradition und der damit verbundenen Armut, von vertrackten Familienverhältnissen, Scham, Homosexualität.
Doch abgesehen von der Beschreibung einer großen, tragischen Liebesgeschichte, die das eigentliche Zentrum des Romans ist, geht das Buch selten richtig in die Tiefe. Stattdessen liest man über eine Gruppe von Menschen, deren Geheimnisse die Leser meist von Anfang an kennen, die Figuren untereinander aber nicht. Wir arbeiten uns also durch zahllose Dialoge im Auto, in der Küche, beim Schafeversorgen, in denen die Figuren aneinander vorbeireden, sich voreinander verstecken. Natürlich kann daraus Spannung entstehen, doch keine 550 Seiten lang. Dazu kommt die Handlung viel zu schleppend voran.
Nun braucht ein gutes Buch nicht unbedingt eine packende Handlung, aber zumindest Atmosphäre, einen außergewöhnlichen Stil, eine literarische Besonderheit. Leider sind Stuarts Bilder oft völlig abgegriffen („Die Scham traf ihn wie eine Ohrfeige. Am liebsten hätte er sich die Wange gerieben.“), seine Metaphern sinnlos: Was ist „ölig“ an Groll, was „zornig“ an einem erigierten Penis?
Die ein oder andere gesellschaftliche Analyse gerät erstaunlich eindimensional. Cals Kommilitoninnen kommen aus der Oberschicht und haben vom harten Leben keine Ahnung. Sie stecken ihn gleich in eine Schublade, ohne, man glaubt es kaum, „sein Wissen oder seine Zustimmung“. Während er das Leben als Weber kennt, scheinen die anderen Studentinnen bloß ein Frauenhobby zu verfolgen: „Für sie war das Textilstudium eine harmlose Ausbildung, die sie vor der Ehe absolvierten oder bevor einer der Freunde ihres Vaters ihnen einen Job in der Werbung zuschanzte.“ Ja, es gibt solche höheren Töchter, und selbstverständlich gibt es brutale, skandalöse Klassenunterschiede. Doch hier klingen sie, so ganz ohne Nuancen beschrieben, wie eine Aneinanderreihung von Klischees. Hier die hart arbeitenden, unterschätzten Insulaner, dort die ignoranten Städter.
Zugehörigkeit und Entfremdung
Dass es ganz so plump nicht ist, wird immerhin in den Schilderungen der einzelnen Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander klar. Der interessanteste Aspekt des Buchs ist die Frage, ob man sich an einem Ort zu Hause fühlen kann, in den man eigentlich nicht mehr hineinpasst. Bis zu welchem Grad kann man sich verbiegen, sich selbst verleugnen, um den Komfort des Vertrauten, die Wärme der Gemeinschaft nicht zu verlieren? Cal kommt nicht nur aus Pflichtgefühl zurück, sondern auch aus einem Wunsch nach Zugehörigkeit. Zurück auf der Insel schämt er sich für seine Homosexualität, in der Stadt schämte er sich für seine Herkunft. Dabei gehört beides zu ihm: Während er noch in Edinburgh lebt, ruft er zweimal die Woche seinen Vater an und lässt sich von ihm vorbeten, obwohl die Kirche, zu der er gehört, das, was er ist, verachtet.
Diese Zerrissenheit gibt es nicht nur zwischen Glauben und Homosexualität, den Spagat zwischen Individualität und Zugehörigkeit kennt, in unterschiedlichem Ausmaß, jeder. Es ist also etwas, wovon es sich zu erzählen lohnt. Aber auch für solch große Themen braucht man nicht so viele blumige Worte.
Douglas Stuart: „John of John“. Roman. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin, 560 Seiten, 26 Euro.
Source: faz.net