Roman um drei Frauen: Der tote Vater bleibt schön in seinem Grab

Am Anfang steht der Wald. Er hat eine besondere Bedeutung für die Menschen in Wittenmoos, einem Dorf im Schwarzwald. Wenn man hier aus dem Fenster schaut, sieht man den „ewigen Wald unter dem ewigen Himmel, wie immer, so schön und so beständig, dass alle daran zerbrechen, die diesen Anblick nicht lieben“.

In Wittenmoos lebt auch Liese, die mit Nachnamen Riessberger heißt und noch dazu groß gewachsen ist. Daher nennen sie alle „die Riesin“. Es ist ihre Geschichte und die ihrer Tochter Cora und Enkeltochter Eva, die in Hannah Häffners Roman „Die Riesinnen“ erzählt wird – und auch die Geschichte des Schwarzwaldorfs, in dem sie leben, denn alle drei pflegen ein anderes Verhältnis zu ihrer Heimat.

Liese heiratet schon als junge Frau Bernhard, den Metzger. Doch die Ehe und das Leben im Dorf sind für sie wie eine Gefangenschaft, daher sammelt sie heimlich Geld, ohne zu wissen, wohin genau sie eigentlich fliehen will. Als Cora geboren wird, ändert sich alles: Sie findet durch ihre Tochter Selbstbestimmung – „Cora hat etwas an sich, das Liese den Rücken strecken lässt.“ Trotzdem ist das Leben mit Bernhard als Familienoberhaupt untragbar, er schlägt seine Tochter und duldet keine Widerworte. Patriarchale Strukturen und dessen Weitergabe werden hier pointiert beschrieben: „Liese fragt sich, ob sie es hätte wissen müssen. Dass Bernhard so wird. Die Antwort treibt sie in den Nächten um: Natürlich hätte sie. Wenn man Bernhard kennt, weiß man auch, dass es nur einen gibt, der für ihn zählt. Nicht an Gott richtet er sich aus, sondern am Nicken seines Vaters.“

Dreifacher Perspektivwechsel

Als Cora gerade einmal sechs Jahre alt ist, hat Bernhard einen tödlichen Unfall. An seinem Grab stehend, sagt Liese: „Wag es nicht zurückzukommen.“ Danach setzt sie gegenüber ihren Schwiegereltern durch, dass ihr die Metzgerei vermacht wird und sorgt von nun an allein für sich und ihre Tochter. Durch harte Arbeit gelingt es ihr, sich ein eigenständiges Leben in Wittenmoos aufzubauen: „Heimat ist ein Wort, das ihr nicht über die Lippen kommt, aber in den Knochen steckt es ihr schon.“

Hannah Häffner: „Die Riesinnen“. Roman.Verlag

Als Cora in die Pubertät kommt, wechselt der Roman in ihre Perspektive. Schon als Jugendliche ist ihr klar, dass sie so schnell wie möglich aus ihrem Heimatdorf weg muss. Nach der Schule geht sie daher mit einem Interrail-Ticket auf Reisen durch Europa und lernt das Leben und Lieben ganz ohne Verpflichtungen kennen: „Sie tanzen im Montmartre bis in die Morgenstunden und starren in den blassrosa Sonnenaufgangsdunst, als wäre es ihr erster Tag auf Erden. Sie verlieren sich im Marais und finden sich wieder am Ufer der Seine, reiner Zufall. Es könnte für immer so weitergehen, zumindest für einen Sommer.“

Doch Coras Glück wird brüchig, als sie in Pesaro in Italien eine Liebschaft mit Giosuè eingeht, der ihr Lügen erzählt und von dem sie schwanger wird, ohne es rechtzeitig für einen Abbruch zu merken. Und so kehrt sie zurück nach Wittenmoos, um resigniert festzustellen: „Nichts ist anders, die Gefühle von früher stehen knietief in den Straßen, nicht eine Kränkung ist versickert.“ Die anderen im Dorf wenden sich von ihr und ihrem unehelichen Kind ab, nur Liese hält zu ihr, „tapfer wie ein alter Soldat marschiert sie an Coras Seite“. Schließlich wird Coras Tochter Eva geboren, und ihre Mutter findet einen Weg, sich mit dem Leben in Wittenmoos zu arrangieren und sich trotz allem zugehörig zu fühlen. Trotzdem bleibt Heimat für sie „etwas, das man nicht loswird, das am Schuh klebt oder an der Seele“.

Wie sich das Heimatgefühl wandelt

Die Erzählperspektive geht schließlich an Eva über, als diese für ein BWL-Studium nach Stuttgart zieht. Doch ganz anders als Liese und Cora bemerkt Eva sehr schnell, dass sie nirgendwo anders hingehört als nach Wittenmoos: „Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden; wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben.“

F.A.Z.

Und so wird anhand der drei Figuren auch ein Wandel porträtiert: von Heimat als einem Ort, von dem man entfliehen möchte, aber nicht kann (Liese), über einen Ort, von dem man entfliehen kann, aber zu dem man zurückkehren muss (Cora), hin zu einem Ort, den man verlassen kann, aber für den man sich entscheidet (Eva). Diese positive Umdeutung von Heimat und Zugehörigkeit geht dabei mit dem Grad an Selbstbestimmung und Freiheit einher, der den drei Frauen in den jeweiligen Generationen zugestanden wird: Je weniger patriarchale Zwänge sie bekämpfen müssen, umso eher ist das Leben im Dorf ihrer Herkunft für sie lebenswert.

Die Heimat als Verwurzelung durchzieht den Roman dabei als eine Art Leitmetapher, immer wieder ist da der Wald, der die Menschen in Wittenmoos prägt und sich auf sie überträgt: „Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. Der wurzelt, unter dem Herzen, hinter den Lungen, und man hört ihn deiner Sprache an und sieht ihn in deinen Augen.“

Was diese Figuren am meisten lieben: Natur und Wald

Häffners Roman ist metaphorisch sehr dicht, besonders Naturbilder prägen die Sprache seiner Figuren in einer schlichten, aber sentimentalen Art. Beispielsweise denkt Eva beim Besuch ihrer Urgroßmutter: „Es riecht nach altem Leben, nach nicht mehr vielen Sommern. Woher die Luft das immer weiß.“ Oder Cora, kurz nach der Geburt ihrer Tochter: „Das Zimmer ist halbdunkel vom Mond und von Dingen, die sich nicht ändern werden, außer Cora ändert sie.“

Eine überaus stimmige Poetik, bedenkt man die Umstände, in denen die drei Frauen aufgewachsen sind. Das Sprechen und Denken über die eigenen Gefühle ist folglich unbeholfen, aber liebevoll, wortkarg, aber durchzogen von dem, was sie alle am besten kennen und lieben: der Natur und dem Wald.

Hannah Häffner: „Die Riesinnen“. Roman. Penguin Verlag, München 2026. 416 S., geb., 24,– €.

Source: faz.net