Ein Mea culpa vorab: Der Rezensent war voreingenommen. François Bégaudeau, dessen jüngster Roman nun auch in Deutschland erschienen ist, kannte er – wie vermutlich das hiesige Publikum allgemein – nur als Autor von „Die Klasse“, einem Text über Bégaudeaus Wirken als Lehrer an einer Pariser Problemschule. „Die Klasse“ diente als Vorlage für den gleichnamigen Film von Laurent Cantet (Goldene Palme in Cannes 2008), in dem Bégaudeau sich selbst spielt – und einem auf die Nerven geht als unkonventioneller, wohlgesinnter Superpädagoge. Die einstimmige Auszeichnung des kitschigen Filmchens durch die Jury unter Sean Penn ist eines von vielen Cannes-Rätseln.
Dementsprechend niedrig waren die Erwartungen an „Die Liebe – Roman einer Ehe“. Der seichte Titel machte die Sache nicht besser, für den Roman sprach einzig sein Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel ist für anspruchsvolle Texte bekannt.
Pikanter Sex im Hotel
Und siehe da, letzterer Hinweis trügt nicht: Bégaudeau ist ein wunderbares Buch gelungen, ein kurzer, präziser Roman, der das lange Leben eines Paares in anrührende Szenen zu kondensieren versteht. Es erzählt die Liebe zwischen Jeanne und Jacques, die sich 1972 in einem Hotel tief in der westfranzösischen Provinz kennenlernen: Sie arbeitet an der Rezeption, er renoviert als Maurerlehrling den Speisesaal. Bégaudeau erzählt ihre unspektakuläre Begegnung, die mehr oder weniger zufälligen Wiedersehen, eine vorsichtige Annäherung, den ersten Kuss auf einem Spaziergang und alles, was danach folgt: erst pikanter Sex in ungenutzten Hotelzimmern, dann züchtiger die Haushaltsgründung, die Geburt ihres Sohns Daniel, Jacques’ Arbeit als Gärtner, Jeannes Arbeit als Sekretärin. Alltag eben, aber auch Seitensprung, Vergebung, im Grunde jedoch Treue bis zum Lebensende fünfzig Jahre später – das Bild eines selbstverständlichen Lebens zu zweit, in einer Zeit, in der eine jahrzehntelange Ko-Existenz längst nicht mehr der Norm entspricht.
Dabei sieht es am Anfang so aus, als würde Jeanne einen anderen bekommen: Sie verguckt sich in den Basketballspieler Pietro, der allerdings mehr an der Affäre mit einer Tierarztgattin interessiert ist, die sich ausgerechnet an Jeannes Arbeitsplatz, dem Hotel, abspielt. Diese anfängliche Einstellung auf Jeanne und ihr jugendliches Begehren wird doppelt ausgeglichen: amourös durch einen Seitensprung von Jacques viele Jahre später, erzählerisch durch den Fokus des Schlusses. Denn nachdem Jeanne an den Folgen einer Tumor-Operation gestorben ist, berichtet Bégaudeau vom einsamen Lebensende ihres Mannes, der am Bemalen von Modellraketen und Züchten seiner Tomaten keine rechte Freude mehr hat.
Wie Annie Ernaux in „Die Jahre“ erzählt Bégaudeau nebenbei Zeitgeschichte: „Die Telefone haben jetzt Tasten, die Wasserflaschen sind aus Plastik, die Taschentücher aus Papier, die Schädel der Männer sind kahl, die Nähmaschinen auf und davon, die Tapeten an der Wand aus der Mode, die Baguettes Tradition, die Zugwaggons für Nichtraucher, die kurzen Fußballhosen lang, und Jeanne und Jacques bleiben am liebsten zu Hause, barfuß auf dem Teppichboden, sie haben sich einen dicken, wassergrünen ausgesucht.“ Der 1971 geborene Schriftsteller zeigt nicht nur Sinn für präzise Formeln, sondern auch für fließende Übergänge: Das Gleiten von der Alltagsgeschichte ins Figurenleben und zurück oder von einer Szene zur nächsten ist sein stilistisches Programm. So entsteht ein dichtes Gewebe aus Zeiten, Dingen, Personen, durch das Bégaudeau gekonnt mittels wechselnder Perspektiven manövriert.
Was sie absolut nicht leiden kann: Rap
Was nach erzähltechnischen Details klingt, dient dazu, sich möglichst tief in den Alltag von Jeanne und Jacques hineinzugraben. Bégaudeau gelingt dabei das Kunststück, unparteiisch die Schwächen dieser zwei Otto-Normal-Existierer zu entlarven und sich dennoch aufrichtig in sie einzufühlen – beste Flaubert-Tradition. Am Ende ist dieses Paar einem sympathisch, ja lieb geworden, gerade ob der allzu menschlichen Macken, die beim Paar-Ratespiel in einem Ferienclub aufgelistet werden: „Welche ist ihre liebste Freizeitbeschäftigung? Mir auf die Nerven gehen. Was kann sie absolut nicht leiden? Rap. Was kann er absolut nicht leiden? Skilaufen. Einmal versucht, dann nie wieder. Was würde sie an ihm verändern? Seine Schwester. Was würde er an ihr verändern? Ihre Mayonnaise.“
Ähnlich mühelos drückt Bégaudeau auf Gas und Bremse: Die Beschreibung der Doppelexistenz folgt der Routine ebenso wie den außergewöhnlichen Momenten, hält mal fast an, beschleunigt dann wieder rasant; Alltagsgeschehen kann wie im Flug vergehen. Auf diese Weise macht „Die Liebe“ subtil das Verstreichen der Zeit spürbar und schärft das Empfinden des Lesers dafür – eine zweite große Romantradition. Das wiederum weckt jene untergründige Melancholie, die sich einstellt, wenn einem beiläufig die Flüchtigkeit des Lebens bewusst wird.
„Die Liebe“ war offenbar nicht nur dem Rezensenten suspekt, denn die hiesige Literaturkritik hat ihn bislang weitgehend übergangen. Dabei gibt es viele Gründe dafür, diesen kleinen, wunderschönen Roman zu entdecken, neben den genannten etwa den, dass er das Kunststück vollbringt, in Zeiten medialer Verfälschung ein geerdetes Bild von Liebe zu zeichnen, das auch der zweiten Falle, der Schwarzbrot-Romantik, entgeht. Von wegen „Es gibt sie noch, die guten Dinge“: Liebe ist Alltag, nervt, langweilt, schmerzt, stützt – gehört dazu.
François Bégaudeau: „Die Liebe“. Roman einer Ehe. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Piper Verlag, München 2025.
112 S., geb., 20,– €.
Source: faz.net