Die erste Warnung geht um 13:25 Uhr raus. Im Mittelpunkt: die Demokratische Republik Kongo und Kobalt – ein Rohstoff, der sowohl in Batterien für Elektroautos verwendet wird wie auch in hitzebeständigen Legierungen oder in Hartmetallen in Werkzeugen sowie in weiteren Industrieprodukten. Die Regierung des Kongos hat laut aktuellen Medienberichten ihre Exportregelungen verschärft.
Die Exporteure müssen nun innerhalb von 48 Stunden nach der Herkunfts- und Verkaufserklärung eine bestimmte Bergbauabgabe entrichten. Das bedeutet: „Das in dieser Form implementierte Verfahren führt bei den Exporteuren zu weiterer Verunsicherung. Weiter wird es den Genehmigungsprozess und damit die Exporte verlangsamen“, warnt die Deutsche Rohstoffagentur.
Unternehmen, die aus dem Kongo ihre Rohstoffe beziehen, sollten also auf der Hut sein und ihre Lagerbestände oder alternative Bezugsquellen prüfen. Denn rund drei Viertel der Weltjahresproduktion an Kobalt stammen aus dem Kongo. Das Land hat eine überragende Bedeutung für die Versorgung. Gibt es hier Probleme, bekommt sie die Welt zu spüren.
„Ohne Rohstoffe ist unsere moderne Welt undenkbar“
Peter Buchholz steht vor großen Monitoren in der Deutschen Rohstoffagentur (Dera) in Potsdam. Hier blinken Preischarts und Kuchengrafiken zu Marktanteilen. Auf einem Schirm prangt eine große Weltkarte, auf der alle relevanten Ereignisse für die Rohstoffmärkte eingehen. Über dem Kongo sind Warnzeichen zu sehen, wenn man sie ansteuert, ploppen die entsprechenden Meldungen dazu auf.
Buchholz ist der Präsident der Behörde, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist und die deutsche Wirtschaft bei der Versorgung mit wichtigen Rohstoffen unterstützen soll. Lange Zeit haben die rund 30 Beschäftigten abseits der Öffentlichkeit ihre Arbeit verrichtet. Spätestens seit der Eskalation des Handelskonfliktes zwischen den USA und China, in dem die Volksrepublik die Rohstoffversorgung gezielt als Druckmittel einsetzte, stehen Buchholz und seine Fachleute mit ihrer Expertise aber im Rampenlicht.
Jenseits von Analysen und Einschätzungen steigt die Dera nun auch aktiv ins Krisenmanagement ein. „Wir bauen ein Frühwarnsystem für die deutsche Wirtschaft“, sagt Buchholz der F.A.Z. „Wir wollen Unternehmen rechtzeitig vor kritischen Ereignissen auf den Rohstoffmärkten warnen.“ Dafür hat die Agentur ein System entwickelt, das denen des Deutschen Wetterdienstes oder des Katastrophenschutzes ähnelt. Das Prinzip: In der Dera laufen Meldungen von Agenturen und Dienstleistern zu potentiell wichtigen Nachrichten für die Rohstoffversorgung ein. Das können Gesetzesänderungen in Produktionsländern genauso sein wie Naturkatastrophen in der Nähe von Minen oder Raffinieren oder bewaffnete Aufstände. Diese werden von den zuständigen Dera-Forschern bewertet.
„Marktmacht Chinas in der Metallerzeugung“
Im Fall eines Stromausfalls in Kuba wussten die Potsdamer zum Beispiel, dass die Produktionsstätten über ausreichend Dieselaggregate verfügen, und stuften den Vorfall deshalb nicht als besorgniserregend ein. Ein wichtiges Kriterium ist die Bedeutung für den Weltmarkt. „Weil der Kongo für mehr als 70 Prozent des globalen Kobaltmarktes steht, ist die Alert-Meldung so wichtig“, hebt Buchholz hervor. Deshalb hat sich die Dera entschlossen, in dieser Woche die erste Warnmeldung seit dem Start der Pilotphase via Mail zu schicken.
Die Empfänger sind 30 deutsche Industrieunternehmen, die an der Testphase teilnehmen. Mit ihrer Rückmeldung will die Dera das System nun optimieren und nach einer dreimonatigen Testphase allen interessierten Unternehmen kostenlos zur Verfügung stellen. Buchholz ist von einem hohen Interesse an dem Angebot überzeugt. Zu groß war die Verunsicherung in den vergangenen Monaten.
Denn der Handelskonflikt hat die Anfälligkeit offener Volkswirtschaften gnadenlos offengelegt. „Unsere moderne Welt, wie wir sie kennen, ist ohne diese Rohstoffe undenkbar“, bringt es Buchholz auf den Punkt. „Was uns Sorgen bereitet momentan, sind die geopolitischen Spannungen, die die Märkte verzerren.“
Das gilt vor allem für ein Land. „Die Marktmacht Chinas ist gerade bei der Metallerzeugung extrem hoch.“ Zwar gibt es auf der Welt viele Lagerstätten, doch verfügt China über einen Großteil der nötigen Raffineriekapazitäten. Für die Gruppe der sogenannten schweren Seltenen Erden, die für viele Technologieprodukte schwer bis nicht ersetzlich sind, verfügt China über Weltmarktanteile von mehr als 90 Prozent. „Diese Marktdominanz gilt es jetzt für einzelne Rohstoffe zu brechen“, fordert Buchholz. Es gebe eine Handvoll Projekte, von denen man wisse, dass man das Ziel auch erreiche. Doch Bergbauprojekte und der Bau von Raffinerien benötigen Zeit. Den Unternehmen empfiehlt Buchholz generell, dauerhaft 15 bis 20 Prozent aus anderen Quellen zu beziehen – auch wenn das höhere Preise bedeute. „Wer das nicht tut, läuft sehenden Auges in die nächste Krise hinein.“
China hat schon in der Vergangenheit seine Rohstoff-Muskeln spielen lassen. Japan bekam das vor mehr als zehn Jahren zu spüren und steuerte um, die USA bekamen die Lieferrestriktionen als Antwort auf die Strafzölle im Frühjahr präsentiert. „Wir Europäer müssten unseren Aufwachmoment spätestens am 9. Oktober gehabt haben, als China die Exportkontrollen verschärft hat.“
Nach diesen Regeln hätte die hiesige Wirtschaft ihre Produktionsketten bis ins Detail offenlegen müssen. Oder in den Worten von Buchholz: „Die deutsche Industrie hätte ihre Hosen komplett runterlassen müssen.“ Durch ein Einlenken der USA wurde die Eskalation zwar noch verhindert, weil China die Regeln für ein Jahr aussetzte. „Wir wissen nicht, wie das weitergeht“, räumt Buchholz aber ein. Man nimmt die Warnungen also besser ernst.