Der Medizintechnikkonzern Philips hat nach der Corona-Krise seine Lieferkette verbreitert und ist nun unberührt vom Versorgungsengpass mit Halbleitern. „Wir haben Chips nicht nur von einem Lieferanten, deswegen haben wir da keine Schwierigkeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Roy Jakobs am Dienstag im Gespräch mit der F.A.Z. Das Unternehmen habe für seine wichtigen Bauteile eine Basis von jeweils mindestens zwei Lieferanten („Dual Sourcing“) sichergestellt. „Seit Covid haben wir wirklich am Dual Sourcing unserer Produkte gearbeitet. Und das bedeutet, dass wir für kritische Komponenten keine Alleinlieferanten haben.“
Industrieunternehmen sehen sich mit einem Engpass konfrontiert, seit der Chiphersteller Nexperia mit chinesischem Eigner und Sitz in den Niederlanden nicht mehr liefert wie gewohnt. Ende September gab sich das Wirtschaftsministerium in Den Haag über ein Notgesetz Vetorechte in dem Unternehmen, weil es befürchtete, der Mehrheitseigner und damalige Vorstandschef Zhang Xuezheng werde Expertise und Produktion nach China abziehen. Die chinesische Regierung setzte als Vergeltung Lieferungen aus dem dortigen Werk aus, umgekehrt verweigert die europäische Nexperia dem Werk seine Vorprodukte.
Das trifft nun vor allem die Autoindustrie, aber auch die Elektrobranche. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kritisierte strategische Versäumnisse der deutschen Wirtschaft zur Absicherung ihrer Lieferketten. „Ich habe wenig Verständnis, wenn nach Corona und Gaskrise einige Unternehmen immer noch auf eine Single-Source-Strategie setzen“, sagte sie kürzlich in Berlin. Betroffene Unternehmen hatten das Wirtschaftsministerium um Hilfe gebeten.
„Wir haben dafür gesorgt, dass es uns nicht berührt“
Philips hat mit ebendieser „Single-Source-Strategie“ aufgeräumt. Die Industrie hatte während der Pandemie, vor allem 2021, unter einem Mangel an Halbleitern gelitten. Als Jakobs im Jahr 2022 sein Amt antrat, kündigte er an, als Lektion die Lieferkette robuster zu machen. Der Konzern verbreiterte die Basis nicht nur mit Blick auf die Zulieferfirmen, sondern auch regional. Er ließ mehr in den Absatzmärkten produzieren – was ihm nun auch in anderem Zusammenhang zugutekommt, nämlich mit Zöllen in Amerika.
Von welchen Lieferanten Philips und seine Auftragsfertiger Chips beziehen, verriet Jakobs am Dienstag nicht. Doch schade das Geschehen um Nexperia dem Unternehmen nicht: „Wir haben dafür gesorgt, dass es uns nicht berührt.“ Der Aufbau einer breiteren Lieferkette hat seinen Preis. „Da entstehen Extrakosten, aber wir haben gleichzeitig hart an unserer Produktivität gearbeitet.“ Verkleinert hat Philips nämlich das Produktportefeuille, ebenso die Zahl der Bestandteile – aber für die gibt es mehr Zulieferer. Jakobs sieht einen Zusammenhang mit der Zufriedenheit der Kunden. „Unser Auftragswachstum ist auch deswegen so positiv, weil wir in der Verlässlichkeit mit Kunden enorm gestiegen sind und sie wirklich auf uns vertrauen können.“ Im dritten Quartal stieg der Auftragseingang um acht Prozent. Bei einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro betrug das bereinigte operative Ergebnis (Ebita) 531 Millionen Euro.
Nexperia gehörte früher zu Philips
Nexperia gehörte früher zu Philips. 2006 verkaufte der damals noch breit aufgestellte Technikkonzern seinen Halbleiterhersteller NXP, der wiederum veräußerte 2017 das Geschäft mit niedrigpreisigen Standardchips. Dieses Geschäft ist in Nexperia zusammengefasst und gehört seit 2019 der chinesischen Wingtech , die börsennotiert ist und zugleich unter staatlichem Einfluss steht. Im Streit um Nexperia kritisierte China die Regierung in Den Haag am Dienstag aufs Neue. Das Handelsministerium in Peking forderte die Niederlande auf, „ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Unternehmens einzustellen“ und eine konstruktive Lösung für den Streit zu finden. Trotz wiederholter und „vernünftiger Forderungen“ habe Den Haag bislang keine konstruktive Haltung gezeigt.
Nexperias europäisches Hauptwerk ist Hamburg. Es stellt Wafer her, das sind bratpfannengroße Siliziumscheiben, die als Grundplatte für Zehntausende bis Hunderttausende Chips dienen. Sie werden an anderem Ort weiterverarbeitet, normalerweise großenteils im chinesischen Nexperia-Werk Dongguan. Es zerschneidet die Wafer mit Diamantwerkzeugen, verklebt die einzelnen Chips je nach Anwendung in bestimmten Kombinationen zu einer Struktur und kapselt sie in Miniaturgehäuse ein. Diese interne Nexperia-Lieferkette ist nun gerissen.