Der erste Band des Dizionario Biografico degli Italiani, des Pendants zum britischen Dictionary of National Biography und zur Allgemeinen Deutschen Biographie, kam nach dreißigjähriger Vorarbeit 1960 heraus. Mit Band 24, gedruckt 1980, war die alphabetische Liste bedeutender Personen, die seit dem Ende des Weströmischen Reiches auf dem Gebiet des heutigen italienischen Staates geboren wurden oder wirkten, noch nicht viel weiter als bis zu den Angehörigen des aus Siena stammenden Bankiers- und Kardinalsgeschlechts Chigi abgearbeitet.
Im Artikel über den Historiker Federico Chabod (1901 bis 1960), verfasst von Franco Venturi, dem berühmten Historiker des „Settecento Riformatore“, des italienischen Aufklärungszeitalters, heißt es, dass Chabod den direktesten Weg zurück zu den Ursprüngen der modernen Geschichte eingeschlagen habe: Schon mit 23 schrieb er eine Einleitung zu Machiavellis Buch vom Fürsten. Das akademische Jahr 1925/26 verbrachte Chabod an der Universität Berlin bei Friedrich Meinecke, der 1924 „Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte“ publiziert hatte. Von 1946 an lehrte Chabod in Rom.
Dort hörte ihn Roberto Zapperi, geboren 1932 in Catania, der 2008 in seiner Vorstellungsrede in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung berichtete, dass sein Professor ein Schüler Meineckes gewesen sei und den Studenten empfohlen habe, Deutsch zu lernen. „Ich nahm also Deutschunterricht, um die Werke der deutschen Historiker lesen zu können. Besonders Ranke hatte großen Einfluss auf mich, denn er lehrte mich, dass Geschichte vor allem erzählt werden muss. An dieses Modell der Geschichtsschreibung als Erzählung habe ich mich in meinen Büchern immer zu halten versucht.“
Die Kunst, sich unähnlich zu geben
Das große Thema von Leopold von Ranke (1795 bis 1886) waren die großen Mächte, die er in einer Serie vielbändiger Nationalgeschichten durchging. Wer von Zapperi erfährt, dass er sich Ranke zum Modell nahm, darf sich darüber wundern, dass die durchaus stattliche Reihe von Zapperis Büchern aus schmalen Bänden besteht, die fast alle als Fallstudien angelegt sind und dem Anschein nach ins Genre der microstoria gehören, das mit seinem sieben Jahre jüngren Landsmann Carlo Ginzburg verbunden wird und das Gegenteil der großen Geschichte der Haupt- und Staatsaktionen sein will.
Nun gehorcht die Antrittsrede in einer Akademie den Konventionen diplomatischer Höflichkeit, zumal wenn ein auswärtiges Mitglied seinen Sitz einnimmt. Übertrieb es Zapperi 2008 in Darmstadt mit der Courtoisie, unter Rückgriff auf die an den Höfen der italienischen Renaissance ausgearbeiteten Verhaltenslehren der dissimulazione, als deren Kenner ihn Horst Bredekamp 1991 den Lesern der F.A.Z. vorgestellt hatte?
Lag womöglich sogar Bosheit im scheinbar konventionellen Lob des in den biographischen Lexika immer noch größten deutschen Historikers, wenn Zapperi bei seinen Zuhörern mit Textunkenntnis rechnen musste, weil die deutsche Geschichtswissenschaft ihre Modernität inzwischen seit Jahrzehnten mit dem Maß der Abwendung von Ranke bestimmte? Als listig darf man jedenfalls die implizite Aufforderung rühmen, zu den Quellen zu gehen und durch Nachschlagen bei Ranke herauszufinden, wo dieser dem gelehrten Erzähler Zapperi Modell gestanden haben könnte.
Fündig wird man vor allem in der „Geschichte der Päpste“. Dort beschwört Ranke die Wendezeit zum sechzehnten Jahrhundert auch als singulär glückliche „kurze Epoche“, die „für die reine Schönheit der Form empfänglich“ gewesen sei. Für die lebensweltliche Ausstrahlung der Kunst bringt er ein verblüffendes Doppelbeispiel, aus seinem Fachgebiet der Politikgeschichte und aus seiner eigenen wissenschaftlichen Lebensform. „Ich möchte sagen: Die Festung, die der Fürst dem Feinde gegenüber errichtet, die Note, die der Philologe an den Rand seines Autors schreibt, haben etwas Gemeinschaftliches. Einen strengen und schönen Grundzug haben alle Hervorbringungn dieser Zeit.“
Prägnante Details diesen Stils, strategische Objekte und Operationen, sind die springenden Punkte der aus den Quellen erarbeiteten Erzählungen des Kulturhistorikers Zapperi – nur dass sein Hauptinteresse den getarnten Stützpunkten und doppelbödigen Notizen gilt. Auch Ranke hatte als Schullehrer in Frankfurt an der Oder geradenwegs zur neueren Geschichte gefunden, mit einem historischen Kommentar zu Machiavellis Ethik der Umwege. Wie die Kunstförderer aus der Papstfamilie Farnese ihren Ehrgeiz und andere Lüste chiffriert zelebrierten, hat Zapperi in einer kleinen Reihe von Büchern aufgedeckt, und der Spur der belebenden Verstellung folgte er durch Venturis Reformationszeitalter hindurch bis zu Goethes römischem Inkognito.
Jahrzehntelang arbeitete er als Redakteur des Dizionario Biografico degli Italiani, wie seine Ehefrau Ingeborg Walter, eine Schülerin des Göttinger Historikers Percy Ernst Schramm, die Zapperis Bücher und seine mehr als drei Dutzend Artikel für die F.A.Z. in ihre Muttersprache übersetzte. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Roberto Zapperi am Karsamstag mit 94 Jahren in Rom gestorben.
Source: faz.net