Bei der ersten Befreiung des Wals aus der Lübecker Bucht war Robert Marc Lehmann tonangebend. Nun scheint‘s zwischen ihm und anderen Experten Streit zu geben. Was ist da los?
Bei untergehender Sonne stapft ein Mann im tarnfarbenem Tauchanzug aus der fünf Grad kalten Ostsee, trocknet sich kurz ab und diktiert der versammelten Presse sein Statement in die Mikrofone: „Jeder, der Fisch isst, trägt am Leiden dieses Wals Schuld!“ Ein eindrücklicher Auftritt. Die Schlagkraft seiner Aussage unterstreicht, dass er, wie kurz danach klar wird, entscheidend und erfolgreich an der Befreiung eines Buckelwals am Strand vor Niendorf beteiligt ist. Seine Art, mit dem Wal zu kommunizieren, verschafft ihm den Beinamen „Walflüsterer“. Der Taucher und Biologe Robert Marc Lehmann dirigiert die Bagger um das festsitzende Tier und schafft, was kaum jemand – nicht mal er selbst – für wahrscheinlich hält: Dem Wal gelingt es mit einiger Verzögerung, sich von der Sandbank zu befreien.
Der Wal braucht nun erneut Hilfe. Wieder sitzt er in der Ostsee fest – diesmal in Mecklenburg-Vorpommern – und kann sich nicht selbst befreien. Lehmann wäre also scheinbar erneut der Richtige, um zu helfen. Doch via Instagram warf er den Verantwortlichen in Wismar vor, ihn von weiteren Aktionen ausgeschlossen zu haben. Er berichtet, dass Verantwortliche ihm als Grund hierfür „Selbstdarstellung“ unterstellt hätten.
Biologe, Taucher, Aktivist
Lehmann ist ein deutscher Meeresbiologe, Forschungstaucher, Fotograf und Umweltaktivist, der vor allem durch seine Arbeit im Natur- und Artenschutz sowie seine mediale Präsenz bekannt wurde. Geboren 1983, widmete er sich früh der Tierwelt und spezialisierte sich auf marine Ökosysteme und bedrohte Arten.
Er arbeitete international als Forschungstaucher und war an zahlreichen wissenschaftlichen Projekten beteiligt, unter anderem zum Schutz von Haien, Walen und anderen Meeresbewohnern. Seine Arbeit führte ihn in verschiedene Regionen der Welt, wo er besonders die Auswirkungen menschlichen Handelns auf fragile Ökosysteme dokumentierte.
Einem breiteren Publikum wurde er durch Film- und Fernsehproduktionen bekannt. Er arbeitete unter anderem für Formate im Umfeld von National Geographic und dem Discovery Channel. Dabei kombinierte er wissenschaftliche Expertise mit eindrucksvollen Bildern, um Umweltprobleme verständlich und emotional zugänglich zu machen.
In den vergangenen Jahren hat sich Lehmann zunehmend als Aktivist positioniert. Über soziale Medien, Vorträge und Kampagnen klärt er über Themen wie Plastikverschmutzung, Artensterben und industrielle Tierhaltung auf. Dabei verfolgt er einen bewusst direkten und häufig konfrontativen Kommunikationsstil, der sowohl große Aufmerksamkeit erzeugt, als auch kontrovers diskutiert wird.
Aussage gegen Aussage
Ist seine Art zu kommunizieren der Grund, warum er von anderen Wissenschaftlern und den örtlich und politisch Verantwortlichen von der Walrettung ausgeschlossen wird? Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus hat die Vorwürfe von Robert Marc Lehmann auf einer Pressekonferenz in Wismar entschieden zurückgewiesen. Es habe keinen Ausschluss gegeben, betonte Backhaus, und stellte zugleich ein klärendes Gespräch mit Lehmann in Aussicht. Ziel sei es, ein Zeichen für Zusammenarbeit zu setzen und gemeinsame Lösungen voranzubringen.
Auch Burkard Baschek, Leiter des Deutschen Meeresmuseums, sowie Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung widersprachen den Anschuldigungen. Sie erklärten übereinstimmend, dass Lehmann zu keinem Zeitpunkt gezielt von Rettungseinsätzen ausgeschlossen worden sei. Ebenso distanziert sich Greenpeace von dem Vorwurf, man wollte Lehmann von weiteren Rettungseinsätzen fernhalten.
Was stimmt nun? Es stehen Aussage gegen Aussage. Wahrscheinlich ist, dass beide Seiten die jeweils andere mit Argwohn beäugen. Bei der ersten Rettung in Niendorf kam beispielsweise trotz der erfolgreichen gemeinsamen Rettung kein Gruppenbild aller beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zustande. Minister Backhaus betonte auf der Pressekonferenz, dass er sich durch sein jetziges Expertenteam – zu dem Lehmann nicht gehört – ausgezeichnet beraten fühle. Lehmann seinerseits macht den Wissenschaftlern vor Ort Dampf: In einem Video bei Instagram forderte er am Sonntag: „Liebe Experten, ab in die Neoprenanzüge, seid für den Wal da!“ Diese hatten aber beschlossen, das Tier einstweilen in Ruhe Kraft tanken zu lassen.
Streit um „richtige“ Form der Walrettung
Die Kontroverse um die „richtige“ Form der Rettung wird wohl mindestens so lange bestehen bleiben, bis eine Rettung geglückt sein wird. In den sozialen Medien stellten sich etliche Nutzerinnen und Nutzer jedenfalls hinter Lehmann und wünschen sich seine erneute Beteiligung an der Wal-Rettung. Seinen YouTube-Kanal haben mehr als eine Million Menschen abonniert, auf Instagram hat er rund 789.000 Follower.
Es bleibt zu hoffen, dass keiner der Beteiligten das eigentliche Ziel aus den Augen verliert: die Rettung des Wals. Wer dann welchen Anteil am Erfolg hätte, ob es womöglich effektivere Möglichkeiten gäbe oder welche Art zu kommunizieren die bessere ist, kann im Anschluss erörtert werden. Dieser Hoffnung dürften sich beide Seiten anschließen können.
Source: stern.de