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Gut 17 Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers wächst angesichts des Kurssturzes von Software-Aktien die Furcht vor neuen Verwerfungen im US-Finanzsystem. Warum Experten jetzt nervös werden.
Fast zwei Jahrzehnte nach der Pleite von Lehman Brothers wächst an der Wall Street die Nervosität. Die Warnungen vor neuen Turbulenzen werden lauter. Lloyd Blankfein, früherer Chef von Goldman Sachs, ist überzeugt: Viele Akteure seien zu sorglos geworden. Je länger die Zeitspanne zwischen zwei Erschütterungen, desto größer sei das Risiko, dass die nächste umso heftiger ausfällt.
Dimon warnt vor neuen Risiken im Bankensektor
Auch JPMorgan-Chef Jamie Dimon fühlt sich an die Zeit vor der Finanzkrise 2008 erinnert. „Meine Sorge ist groß“, sagte Dimon bei einem Investorentreffen. Besonders problematisch sei, dass einige Banken wegen des verschärften Wettbewerbs wieder „dumme Dinge“ täten und riskante Kredite eingingen. Genau das habe man auch in den Jahren 2005, 2006 und 2007 beobachten können.
Die Worte von Blankfein und Dimon haben an der Wall Street Gewicht, haben beide doch an der Spitze ihrer Geldhäuser die letzte Finanzkrise an vorderster Front erlebt.
Warum Private-Credit zum Risiko werden könnte
Besonders beunruhigend ist die Situation im Private-Credit-Sektor – also bei Krediten, die nicht klassische Banken, sondern Fonds und andere private Finanzierer vergeben. Dieser Markt wächst rasant, hat laut Morgan Stanley mittlerweile ein globales Volumen von drei Billionen Dollar.
Er gilt allerdings als intransparent – und zunehmend überhitzt. Regulierer warnen vor zu laxen Kreditvergaben. Nach den ersten Pleiten im Sektor warnte JPMorgan-Chef Dimon: „Wenn man eine Kakerlake sieht, gibt es wahrscheinlich noch mehr.“
Brisant ist dabei, dass der Private-Credit-Sektor in großem Umfang auch Software-Unternehmen finanziert hat. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stiegen die ausstehenden Kredite an Anbieter von cloudbasierten Software-Abonnements (Software-as-a-Service – SaaS) von knapp acht Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf über 500 Milliarden Dollar Ende 2025.
KI-Ängste lassen Software-Aktien abstürzen
Doch der Vormarsch von KI-Agenten, die etwa neue Codes selbstständig schreiben, lässt viele Anleger an den Zukunftsaussichten der Branche zweifeln. Allein seit Jahresbeginn ist der MSCI World Software Index um rund 20 Prozent gefallen.
„Der massive Rückgang der Software-Aktien angesichts der KI-Ängste hat die Sorgen rund um das Thema Private Credit neu geschürt“, betont Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Wie groß die Vertrauenskrise mittlerweile ist, zeigt ein Blick auf Blue Owl, einen der größten privaten Kreditgeber: Die Aktie stürzte seit Jahresbeginn um 40 Prozent ab. Auch Apollo, KKR und Blackstone mussten zuletzt massiv Federn lassen.
Neuer Stress durch Iran-Krieg, Ölpreise und Inflation?
Der Iran-Krieg hat die Sorgen um den Private-Credit-Sektor nochmals verschärft: Sollten die Energiepreise länger hoch bleiben, würde das die Inflation befeuern – und letztlich die Notenbanken auf den Plan rufen.
„Steigen aber die Zinsen, dann wird die Situation für die teils hochverschuldeten Unternehmen immer kritischer“, betont Wellenreiter-Experte Rethfeld. Immer mehr Anleger würden dann versuchen, ihr Geld aus den entsprechenden Private-Credit-Fonds abzuziehen – bis die Fonds die Anleger nicht mehr bedienen könnten. „Das ist dann die Parallele zur Finanzkrise: Damals waren es die Hypothekenkredite – diesmal ist es das Thema Private Credit.“
BIZ warnt vor neuen „Schockübertragungskanälen“
Wankt der Private-Credit-Sektor, könnte das auch die traditionellen Banken bedrohen. Laut der Federal Reserve lagen die zugesagten Kreditlinien großer US-Banken an Private-Credit-Vehikel Ende 2024 bei 95 Milliarden Dollar; damit haben sie sich binnen elf Jahren mehr als verzehnfacht.
Die BIZ warnte daher jüngst: „Banken unterstützen die Private-Credit-Vehikel mit Finanzierungslinien – und schaffen dadurch potenziell neue Schockübertragungskanäle.“
Hohe US-Verschuldung begrenzt Handlungsspielraum
Hinzu kommt: Das Geld für mögliche staatliche Rettungsaktionen ist knapp. Die US-Staatsverschuldung liegt aktuell bei fast 125 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die fiskalische Ausgangslage der USA sei heute schlechter als vor früheren Krisen, warnt das Committee for a Responsible Federal Budget.
„So stark verschuldet, mit so hohen Defiziten und so wenig finanziellem Spielraum sind die USA noch nie in einen wirtschaftlichen Abschwung oder einen anderen Krisenfall gegangen.“
Märkte sind anfällig für exogene Schocks
Unterm Strich verdichten sich somit die Warnsignale: der Kurssturz bei Software-Aktien, die wachsenden Spannungen im Private-Credit-Sektor und die enge Verflechtung mit traditionellen Banken. Die Bruchstellen im US-Finanzsystem werden sichtbar, die Märkte sind anfälliger geworden.
Jetzt kommt es darauf an, wie stark und wie dauerhaft der Iran-Krieg die Energiepreise und damit die Inflation nach oben treibt. Sollten auch die Zinsen steigen, würde das den Druck auf hoch verschuldete Software-Unternehmen und ihre Kreditgeber im Private-Credit-Sektor zusätzlich erhöhen. Es wäre der „perfekte Sturm“.
Source: tagesschau.de