Wenn das Publikum bei der Lesung mit Texten eines der berühmtesten (und beliebtesten, was keine Selbstverständlichkeit ist) Schriftstellers überhaupt mit dem provozierenden Satz begrüßt wird: „Ich hoffe, Sie sind steil gegangen bei diesem Titel“, darf man gespannt sein auf das, was kommt. „Keiner schwallt so schön wie Rainer“ heißt diese Veranstaltung im Rilke-Gedenkjahr (hundertster Todestag), und konzipiert hat sie Volker Schaeffer, Kulturredakteur beim WDR, für die Lengfeldsche Buchhandlung in Köln. Die verheißene Legendenschändung kam derart gut an, dass der Abend gleich zweimal angesetzt wurde. Auch, weil Schaeffer ein Rezitator zur Seite steht, der mit seinem Timbre schon seit Jahren die Klassikerlesungen der Lengfeldschen veredelt: Helge Heynold. Mit ihm teilte Schaeffer vor langer Zeit eine lange Zeit beim Hessischen Rundfunk ein Büro, und irgendwann beim zweiten Abend kann der Conférencier nicht mehr an sich halten im Wohlgefühl der Erinnerung: „Zehn Jahre bei jedem Telefonat von ihm diese Stimme!“
Auch sonst stimmt alles: Die beiden Herren stehen vor einem Verkaufsregal mit Bänden der Insel-Bücherei, die 1912 mit Rilkes „Cornet“ eröffnet wurde – mehr als eine Million Exemplare sind seither von diesem Buch abgesetzt worden; schon beim Tod des Autors waren es mehr als 300.000.
Das relativiert die poetische Anmut, die Rilke dem Elend angedeihen ließ, etwa im „Buch von der Armut und dem Tode“ aus dem 1905 veröffentlichten „Stunden-Buch“. Daraus wird reichlich rezitiert in Köln, bis zur Zeile „Armut ist ein großer Glanz aus innen“, und der kommentierende Schaeffer geißelt Rilke wohlig für dessen Sozialromantik. Er lässt Heynold auch aus den Memoiren von Rilkes zeitweiliger Geliebter Claire Goll lesen – die längste Rezitation des Abends. Darin erinnert sie sich an die Affäre des Jahres 1918 und an Rilke abschließend so: „Er war ein sehr beherrschter Mann, außer im Bett. Aber das ist bei Männern ja oft der Fall.“ Und dann und wann ein Weilchen elegant – auch das verschweigen weder Claire Goll noch Schaeffer.
Vom ersten zum zweiten Abend indes findet eine Wandlung statt: Schaeffer hatte zum Auftakt des ersten versprochen, Rilke als „Hasenfuß, Salonfaschisten und Liebhaber“ ins Auge zu fassen, am zweiten kündigt er den „Liebhaber, Schnorrer und Zweifler“ an – bei indes identischem Leseprogramm, das mit dem selbstverfassten Grabspruch des Dichters anfängt, dann „Malte Laurids Brigge“ zu Wort kommen lässt, reiche Ernte an rilkeschen Rosenmetaphern erbringt, neben Goll auch noch die Fremdautoren Augustinus, Maeterlinck und Gottfried Benn einspeist, eine Namensliste der adeligen Korrespondenzpartnerinnen Rilkes wie ein Gedicht zwischenstreut und mit einem Quintett seiner größten Erfolge endet: „Cornet“-Auszug und dann jeweils komplett „Der Panther“, „Herbsttag“ (eine Dame im Publikum säuselt überaus vernehmlich: „Das ist so toll!“), „Ich lebe mein Leben“, „Das Karussell“ und „Archaïscher Torso Apollos“. Als Zugabe schließlich eines der „Sonette an Orpheus“ – das mit der legendären zweifachen Wendung „Tanzt die Orange“, über die man füglich lächeln kann, so ernst sie auch gemeint ist.
Aber wo Schaeffer am ersten Abend bisweilen wirklich böse scheint in Wort und Perspektive über und auf Rilke, da ist am zweiten nurmehr noch Bewunderung geblieben – als wäre ihm über Nacht ein Licht aufgegangen, das dann die Wiederholung der Veranstaltung und die Herzen des Publikums erwärmt. Was ist nicht alles gespottet worden über den hohen Ton Rilkes, und doch bleibt diesem Autor die Begeisterung der Leser und Zuhörer auch nach hundert Jahren treu. So ist der doppelten Kölner Abend ein weiterer Beleg für die Ratlosigkeit von Rilkes Verächtern ob seiner Popularität, und Schaeffer spielt ja nur einen von ihnen – in Wahrheit schmilzt der kühle Kommentator im Laufe der zwei Abende dahin. Sie sind schön zu hören. Und dann und wann ein Weilchen eklatant.
Source: faz.net