Die Editionsgeschichte von Jacqueline Harpmans Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist eines dieser Märchen, von denen die Verlagsbranche träumt. Jedes Jahr erscheinen zahlreiche literarische Wiederentdeckungen, von denen viele die Leserinnen und Leser weiterhin nicht sonderlich interessieren. Man kann sie in ein paar Jahren also von Neuem ausgraben und hoffen, dass sie diesmal zum Klassiker werden.
Im Fall von Harpman aber lief es anders. Die belgische Autorin, die 2012 im Alter von 82 Jahren starb, hatte ihren dystopischen Roman schon 1995 veröffentlicht. Es war das erste ihrer Bücher, das ins Englische übersetzt wurde, und so betrachtet für die Autorin sicher ein Erfolg, wenn auch kein gigantischer. Einige Jahre später verkauften sich jährlich noch ein bis zwei Exemplare, der Roman war so gut wie vergessen. Dann aber, 2019, brachte der britische Vintage-Verlag, ein Imprint von Penguin, Harpmans Roman in einer überarbeiteten Übersetzung neu heraus. Die Wiederauflage bekam einen anderen Titel: Aus „The Mistress of Silence“ wurde die wörtliche Übersetzung des französischen Originals „I Who Have Never Known Men“.
Der amerikanische Indie-Verlag Transit Books erwarb die Rechte. Der Roman verkaufte sich, so erzählte es dessen Verleger Adam Z. Levy dem amerikanischen Onlinemagazin „The Cut“, „so, wie man es von einem belgischen Roman, der vor dreißig Jahren erschienen ist, eben erwarten würde“. Ein Jahr später stiegen die monatlichen Verkaufszahlen sprunghaft an, jeden Monat wurden sie höher. Das Buch war plötzlich ein Bestseller. Wie war das passiert?
Eine neue Margaret Atwood?
So genau, und das ist vielleicht das Märchenhafte, lässt sich das nicht rekonstruieren. Eine Booktokerin, vielleicht auch mehrere, hatten das Buch gelesen und empfahlen es weiter. Dann nahm alles seinen Lauf. Der historische Moment schien zu passen: Der Roman wurde mit Margaret Atwoods „Report der Magd“ verglichen, einer Dystopie aus dem Jahr 1985, in der Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden. In Trumps erster Amtszeit und mit der Verschärfung der Abtreibungsgesetze war Atwoods Roman plötzlich wieder in den Bestsellerlisten aufgetaucht. Nun, einige Jahre später, waren Trump und seine Frauenfeindlichkeit zurück – und da las man wieder eine Dystopie mit weiblichen Hauptfiguren: Harpmans Roman.
Er erzählt die Geschichte von 39 Frauen und einem Mädchen, die in einem Käfig unter der Erde eingesperrt sind. Wie sie dorthin gekommen sind, weiß keine von ihnen genau, ihre Erinnerung ist lückenhaft. Wahrscheinlich, so vermuten einige, wurden sie unter Drogen gesetzt, von einem Feuer ist die Rede. Mehr erfährt man nicht. Die namenlose Ich-Erzählerin scheint nur durch ein Versehen überlebt zu haben, denn andere in ihrem Alter gibt es nicht. Sie ist die Einzige, die zu jung ist, um sich an die Welt vor dem Kerker zu erinnern, um zu wissen, wie es eigentlich einmal war, das Leben. Genau das macht sie zur Schlüsselfigur des Romans.
Denn obwohl Harpman von eingesperrten Frauen erzählt, die von männlichen Wärtern bewacht werden, wäre es irreführend, das Buch allein als eine Geschichte weiblicher Unterdrückung zu lesen. Tatsächlich, so wird sich später herausstellen, sind nicht nur Frauen Opfer. Die zentralen Fragen des Buchs sind existenzieller.
Leben unter unmenschlichen Bedingungen
Als der Roman beginnt, befinden sich die Frauen in einer albtraumartigen Situation. Sie müssen essen, was ihnen vorgesetzt wird, sich an einen willkürlichen Tagesrhythmus halten: schlafen, wenn das Licht ausgeht, aufstehen, wenn es angeht. Wie viel Zeit in der Zwischenzeit wohl vergangen ist, wissen sie nicht. Sie stehen unter ständiger Beobachtung, haben keinerlei Privatsphäre. Berührungen werden mit Peitschenhieben bestraft, eine abgeschirmte Toilette gibt es nicht. Die Lebensbedingungen sind, so würde man wahrscheinlich sagen, unmenschlich. Aber, so schreibt die Erzählerin an einer Stelle: „Wenn uns von Tieren nichts unterscheidet, als dass wir uns verstecken, um unser Geschäft zu erledigen, dann ist am Menschsein nicht viel dran.“ Was also macht ihn aus, den Menschen?
Die Erzählerin ist die passende Figur, um diese Frage aufzuwerfen. Kennt sie doch viele der Dinge nicht, die zu einem Leben, zum Menschsein, normalerweise dazugehören: Abwechslung, Entwicklung, körperliche Nähe, Männer. Und sehnt man sich nach etwas, was man nicht kennt? Alles, was es in einem früheren Leben einmal gab, muss die Erzählerin sich ausdenken, ohne Eindrücke und Bilder aus der Außenwelt in sich zu tragen. Sie träumt davon, endlich etwas anderes zu erleben, träumt von einem Verhör mit einem der Wärter: „Da spürte ich, wie sich etwas in mir aufbäumte, etwas Gewaltiges, Ungeheuerliches, größer und mächtiger als ich selbst, ein berstendes Licht in meinem Körper, mein Atem setzte aus, doch nur für einen winzigen Moment, so unfassbar schnell ging alles.“ Es ist die Entdeckung einer Sexualität, die nie mit jemandem geteilt werden wird.
Eines Tages, inmitten der Essensausgabe, schrillt ein Alarm, und die Wärter lassen all ihre Aufgaben liegen, flüchten überstürzt. Ein Türchen zum Käfig bleibt offen – plötzlich sind auch die Frauen frei. Es ist die Erzählerin, die vorprescht, die Treppe hinauf, ins Freie, getrieben von einer Neugier auf das, was dort wohl warten mag. Doch die Euphorie bekommt recht bald einen Dämpfer: Die Welt, die sich vor den Türen des Käfigs erstreckt, ist nicht die bekannte, sondern eine karge, immer gleiche Landschaft. Ein anderer, fremder Planet?
Macht die Neugier uns zum Menschen?
Die Frauen sind ihre Bewacher los. Und doch wirkt es so, als sei dem Käfig lediglich ein größerer Auslauf hinzugefügt worden. In diesem können sie sich zum Pinkeln zwar verstecken, können essen so viel sie wollen (die Vorräte, die sie entdecken, sind schier endlos), sich umarmen und in den Himmel blicken – und doch ist das Leben bald fast genauso monoton wie vorher. In der Hoffnung auf Abwechslung, darauf, die Lösung des Rätsels endlich zu finden, ziehen die Frauen weiter und weiter: „Wir können nicht hierbleiben und wie Parasiten von den Vorräten im Keller leben“, stellt die Älteste fest. „Wir müssen Menschen bleiben. Ich will wissen, wo wir sind, wer uns eingesperrt hat und warum.“
Obwohl es also die Neugier ist, die die Frauen vorantreibt, die ihrem Leben ein Ziel und einen Sinn gibt, ist für die Leser die Antwort auf diese Frage fast egal. Harpmans Roman lebt nicht von seiner Spannung – es geschieht tatsächlich erstaunlich wenig –, sondern von dem Gedankenexperiment, das er stellt: Wie wäre es, leben, ja eher überleben zu können, und doch allen Luxus, und sei er noch so klein – eine Badewanne, ein neuer Geschmack, ein Buch – beraubt zu sein? Ist diese Art des Lebens mehr als ein Warten, ja ein Hoffen auf den Tod?
Die Welt, von der hier erzählt wird, ist so karg, dass beim Lesen mehr im Kopf passiert als in der eigentlichen Geschichte. Man muss (vielleicht, weil man weiß, dass Harpman, die 1929 als Tochter einer jüdischen Familie geboren wurde, als Mädchen vor den Nazis floh) an Konzentrationslager denken, an die Brutalität, die Willkür des Holocausts. In diesem Zusammenhang ist es nur konsequent, dass die Autorin keine Erklärung für Geschehnisse gibt, denn für den Umstand, dass Menschen so behandelt werden, wie die Frauen in diesem Käfig, kann es eben keine sinnvolle Erklärung geben.
Ein Frauenleben ohne Männer
Im Kontrast zu der Brutalität der Wärter ist es umso auffälliger, wie konfliktarm der Umgang der Frauen untereinander ist. Natürlich sind sich nicht alle sympathisch, natürlich gibt es Streit, aber keine Verteilungskämpfe. Wenn die Frauen die alte Welt vermissen, dann nie Macht oder Geld. Dass es so etwas einmal gab, weiß die Erzählerin zwar, doch „dieses Wissen ist zu abstrakt, um wirklich verstehen zu können, dass es sogar Menschen gab, die für Geld getötet haben“. In dieser Hinsicht erzählt Harpman innerhalb ihrer Dystopie dann auch so etwas wie eine Utopie: die Vorstellung, dass ein menschlicher Umgang miteinander auch unter den extremsten Bedingungen möglich ist.
Und die titelgebenden Männer? Die existieren vor allem in den Erzählungen und Vorstellungen der Frauen: „Manchmal meinten sie, sie würden die Männer überhaupt nicht vermissen, manchmal brachen sie in Tränen aus.“ Es sind Männer, die einen zum ersten Mal küssen, die einem den siebten Himmel eröffnen, und es sind Männer, die einem Kinder machen und verschwinden. Doch weil zum Leben eben auch die Aussicht auf eine Zukunft gehört und Fortpflanzung eine Aussicht auf Zukunft ist, sind die Männer auch in ihrer Abwesenheit zentral. Denn „die Zeit“, glaubt die Erzählerin, etwas, was im Roman ebenfalls so gut wie abwesend und doch so wichtig ist, „hat etwas mit der Dauer von Schwangerschaften zu tun, mit dem Heranwachsen der Kinder“.
Insofern scheint die Trennung der Geschlechter, das Leben ohne Männer, auch ein Indiz für die Zukunftslosigkeit an diesem seltsamen Ort zu sein: Fortpflanzung ist ausgeschlossen, ein Aussterben der Menschheit somit unausweichlich. Bezeichnenderweise wird die Ich-Erzählerin die Entwicklung zur Frau nicht vollständig durchlaufen, ihre Tage nie bekommen und deshalb unfruchtbar bleiben. Das legt nahe, dass zum Leben, dass zum Frausein das Kinderkriegen dazugehört, und wie man diese Interpretation nun findet, ob feministisch oder nicht, darüber kann man streiten. Aber genau das macht dieses rätselhafte Buch ja auch interessant.
Wofür leben wir?
Vieles an diesem Roman ist seltsam und unerklärlich, doch eins steht außer Zweifel: die Bedeutung des Erzählens, der Weitergabe von Wissen. „Reden heißt existieren“, heißt es an einer Stelle, und umso wichtiger ist das Schreiben, wenn es zum Reden niemanden mehr gibt. Das Buch, das wir lesen, sind die Memoiren der Erzählerin, ein Rückblick auf ihr bald endendes Leben. Alle anderen Frauen, sie war nun einmal die jüngste, sind längst tot. Man weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wo die Erzählerin sich befindet, nur, dass sie allein ist – mit einigen Büchern.
Eines von ihnen trägt den Titel „Kleines Handbuch des Gartenbaus“ und erzählt von Pflanzen, die es in dieser sonderbaren Welt nicht einmal gibt, erklärt, wie man Rosen okuliert, zeigt, wie Tulpenzwiebeln aussehen: „Ich las das Buch wieder und wieder. So eignete ich mir ein vollkommen unbrauchbares Wissen an, an dem ich jedoch eine große Freude hatte. Es kam mir so vor, als würde es meinen Geist schmücken, was mich an den Schmuck denken ließ, den die Frauen einst getragen hatten, um ihre Schönheit zur Geltung zu bringen, damals, als Schönheit noch zu etwas nütze war.“ Seinen Geist zu schmücken – wie viel schöner kann man die Freuden des Lernens, des Lebens beschreiben?
Wenn man Harpmans Roman nun also, wie der Tiktok-Hype es einem nahelegt, als Kommentar zu unserer heutigen Welt lesen wollte (was zwangsläufig zu kurz greift), dann könnte man dieses Buch durchaus als Gegenprogramm zu dem lesen, was mächtige Männer gerade so propagieren: Es geht nicht um Geld, um Macht, um ein klares Ziel oder einen Zweck. Vielmehr ist das Leben vor allem das, was über den Zweck hinausgeht. Genau deshalb lesen wir schließlich Bücher.
Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“. Roman. Aus dem Französischen von Luca Homburg, Verlag Klett-Cotta, 224 Seiten, 24 Euro.
Source: faz.net