Revival des Protestsongs: „Streets of Minneapolis“ von Bruce Springsteen

Nach dem Tod von Alex Pretti schrieb Bruce Springsteen binnen kürzester Zeit seinen Anti-ICE-Song „Streets of Minneapolis“. Nun chartet der Protestsong in vielen Ländern – das Weiße Haus zeigt sich, wie zu erwarten, nicht begeistert


Nach den tödlichen Schüssen auf Zivilisten in den USA veröffentlicht Bruce Springsteen den Protestsong „Streets of Minneapolis“

Foto: Kevin Mazur/Getty Images


Als am 24. Januar der Krankenpfleger Alex Pretti in Minneapolis von amerikanischen Grenzkontroll-Polizisten auf offener Straße erschossen wurde, setzte sich Bruce Springsteen noch am selben Tag hin und komponierte den Song Streets of Minneapolis.

„Ich habe den Song am Samstag geschrieben, gestern aufgenommen und ihn heute als Reaktion auf den staatlichen Terror in Minneapolis veröffentlicht. Er ist den Menschen in Minneapolis, unseren unschuldigen Nachbarn mit Migrationshintergrund und Alex Pretti und Renee Good gewidmet. Stay free“, schrieb er am Mittwoch auf Bluesky.

Streets of Minneapolis wurde binnen weniger Tage danach zum Hit. Bei iTunes führt er die Charts in 19 Ländern an, und es ist erstaunlich, wie schnell Bruce Springsteen seine E Street Band inklusive Chor zusammentrommelte, um seinem Unmut und Kritik an der Trump-Regierung musikalisch Ausdruck zu verleihen. In der Nacht zum 30.1. veröffentlichte er das dazugehörige Video.

Diese tagesaktuelle Dringlichkeit erlebte die Popwelt zuletzt beim epischen Beef zwischen Drake und Kendrick Lamar, bei dem quasi täglich ein Plottwist den nächsten jagte. Da ging es aber eher um Blockbuster-Entertainment und weniger um die zunehmende Faschisierung der größten Wirtschaftsnation der Welt.

Springsteens Rock’n’Roll-Track ist in Struktur und Harmonie ein klassischer Protestsong. Der Einstieg und die Intonation der ersten Strophe mit seiner Akustikgitarre verweist an Bob Dylan. Auch die für die Protestsong-Bewegung der 60er Jahre typische krächzend renitente Mundharmonika kommt vor der vierten Strophe zum Einsatz.

Aber Springsteen wäre nicht Springsteen, wenn Streets of Minneapolis nicht auch mitsingtauglicher Stadionrock mit breit aufgestellten Chören im Refrain wäre. Genau darum geht es. Der Song will vereinen und für die Protestierenden in den USA ein verbindendes Element sein.

„Streets of Minneapolis“ ist kein Meisterwerk, aber darum geht es auch nicht

Das Lied ist kein Meisterwerk. Die wenigsten großen Songs entstehen binnen weniger Tage. Es ist kein Blowin‘ in the Wind oder The Times They Are A-Changing. Es ist vielmehr eine spontane, auch durch die Digitalisierung und Social Media ermöglichte, Reaktion auf das Tagesgeschehen. Eine gesungene Stimme für den kollektiven Ausdruck von Kritik, Verzweiflung und wahrscheinlich auch Wut über die vorherrschenden Zustände im Land.

Das zeigt sich in den Lyrics: Bruce Springsteen sucht weder poetische Ambiguitäten, noch Raum für Interpretationen. Vielmehr wird konkret und direkt bezeichnet, was ihn und viele seiner Mitbürger:innen beunruhigt. Das mag eine kurze Halbwertszeit haben, aber das scheint im Moment sekundär.

„King Trump’s private army from the DHS / Guns belted to their coats“, beschreibt er ICE. Auch Alex Pretti und Renée Gold nennt er namentlich, die ihrem Tod auf den schneeüberströmten Straßen überlassen wurden. „Just don’t believe your eyes / It’s our blood and bones / And these whistles and phones / Against (Stephen) Miller and (Kristi) Noem’s dirty lies“, heißt es später weiter.

Trumps ICE würde Menschenrechte mit Füßen treten, wenn die Hautfarbe ausschlaggebend für Deportationen und Verhaftungen sei. Lyrisch wird es, wenn Bruce Springsteen singt: „Our city’s heart and soul persists / Through broken glass and bloody tears / On the streets of Minneapolis“.

Die Reaktion des Weißen Hauses ließ nicht lange auf sich warten. Sprecherin Abigail Jackson gab eine Erklärung ab, in der sie das Lied als „völlig aus der Luft gegriffen“ bezeichnete. „Die Trump-Regierung konzentriert sich darauf, die Demokraten auf Landes- und Kommunalebene zur Zusammenarbeit mit den Bundesbehörden zu bewegen, um gefährliche, kriminelle und illegal eingereiste Ausländer aus ihren Gemeinden zu entfernen – nicht auf willkürliche Songs mit irrelevanten Meinungen und falschen Informationen“, heißt es in dem Statement.

Aber mit der Schuldabweisung nicht genug: „Die Medien sollten darüber berichten, wie die Demokraten die Zusammenarbeit mit der Regierung verweigert und stattdessen diesen kriminellen illegalen Einwanderern Unterschlupf gewährt haben.“

Bruce Springsteen wurde in seiner Karriere immer wieder von den Republikanern vereinnahmt. Sein Hit Born in the USA wurde in den 80ern von Ronald Reagan für seinen Wahlkampf benutzt, obwohl das Lied eine kritische und harte Abreibung mit den USA ist und alles andere als patriotisch. Auch Donald Trump nutzte den Song für seine Kampagnen. Streets of Minneapolis dürfte diese Rolle nicht erfüllen. Dafür wird der Gegner zu eindeutig benannt.

In der Musikwelt gab es in den vergangenen Jahren immer wieder die Frage, was aus dem Protestsong geworden ist. Wieso sich so wenige Künstlerinnen und Künstler politisch äußern. Der Altrocker zeigt, dass das auch im Jahr 2026 noch funktionieren kann, und er könnte auch ein Vorbild für jüngere Artists sein, die sich nicht wie Nicki Minaj mit Trump Gold Visa händchenhaltend mit dem Präsidenten ablichten lassen wollen. Relevanz kann man schaffen, man muss sich nur trauen. Was gibt es dieser Tage auch zu verlieren?

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