Nicht jede Kritik sitzt bei Denis Scheck, meinen vor allem seine Kritikerinnen
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Kritiker Denis Scheck haut im Fernsehen Bestsellerautorinnen wie Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy verbal in die Tonne. Beim Blättern im „Handbuch Literaturkritik“ drängt sich derweil die Frage auf: Wie geht es dieser in Zukunft?
Als Kritiker ein Buch über Literaturkritik zu besprechen, ist eine ziemlich kritische Angelegenheit. Man könnte sich allzu leicht in den nicht mehr zu überhörenden Chor einfügen, der ein kulturpessimistisches Requiem auf die Bedeutungslosigkeit dieses Genres anstimmt.
Und womöglich verfasste man in unbeherrschter Wut eine Art Publikumsbeschimpfung mit dem Tenor, dass kaum jemand zu würdigen wisse, welch zermürbende und undankbare Aufgabe es sei, sich nach einsamen Stunden der Lektüre oftmals grottenschlechter Romane dazu durchzuringen, ein faires Urteil zu fällen – und das unterhaltsam und zugleich mit Anspruch (man schreibt ja auch fürs Fachpublikum, jenen sagenumwobenen „Betrieb“).
Und so blättert man in dem soeben erschienenen wuchtigen Handbuch Literaturkritik (J.B. Metzler) und stößt naturgemäß auch auf den Kritiker Denis Scheck, der in seiner Sendung Druckfrisch „durchaus tabubrüchig Werke symbolisch in den Müll“ werfe, „die seinen Maßstäben nicht genügen“, wie es in Traudl Bürgers Beitrag Literaturkritik im Fernsehen ein wenig steif-akademisch heißt. Dass er in seiner Clip-Reihe Anti-Kanon der schlechtesten Bücher einst Christa Wolfs Kassandra neben Hitlers Mein Kampf einreihte, erwähnt sie nicht.
„Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette”, so Scheck
Aber warum komme ich überhaupt auf Scheck, wo doch der einstige „Kulturpapst“ Marcel Reich-Ranicki beim Durchstöbern des Bands sehr viel häufiger ins Auge und ins Gedächtnis springt? Ach ja: Gerade bashte Scheck in Druckfrisch die beiden auf der Spiegel-Bestsellerliste platzierten Autorinnen Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy.
Passmanns Buch geißelte er als „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“, in von Kürthys Alt genug las er „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“. Voll des Lobes war er dagegen für Eva von Redecker, respektvoll gegenüber Jana Hensel.
Die Bestsellerautorin von Kürthy bekam für ihre polemische Replik auf Schecks harsches Urteil in der aktuellen Zeit eine halbe Seite eingeräumt. Ihr zur Seite stellte man die stets emphatisch argumentierende Kritikerin Elke Heidenreich, um Scheck ebenfalls verbal in die Tonne zu treten und gleich seine Sendung als solche infrage zu stellen.
Dabei urteilte ebenjene Zeitung selbst einst über ein Werk von Ildikó von Kürthy, es habe „das Potenzial zur Bibel für die durchschnittlich attraktive, durchschnittlich alte, durchschnittlich frustrierte Frau“. Nach großer Literatur klingt das nicht – doch weil diese Einschätzung von einer Rezensentin stammte, verhallte der Vorwurf misogyner Kritik natürlich.
Immer rarer werdende freie Plätze für Literatur in den Medien
Über mediale Aufmerksamkeit braucht sich von Kürthy derzeit nicht zu beschweren: Mitte März gewährte ihr die Welt viel Platz für eine geschmeidige Homestory – was offenkundig den Mechanismen des Clickbaitings geschuldet war.
Und wenn Sie mir bis hierhin, liebe Leserin, lieber Leser, gefolgt sind: Auf den immer rarer werdenden freien Plätzen für Literatur in den Medien – die man nicht nur in linken Kreisen die „klassischen“ nennt und von denen aus man zunehmend gelangweilt zu BookTok abdriftet – scheinen Hopfen und Malz (einst Lebenselixier vieler Kritikerinnen in feuilletonmächtigen Zeiten) noch nicht verloren zu sein.
Denn „Literarischer Streit“, dem das Handbuch eines der vielen klugen Kapitel gönnt (es geht um Grass, Helene Hegemann oder Takis Würger), bleibt eben spannend. Hoffentlich findet sich für eine Besprechung des Bandes – aufmerksamkeitsökonomisch gesehehen – bald noch ein Plätzchen.