Retrospektive | Tracey Emin in welcher Tate Modern: Eine Ausstellung, die mich zu Tränen rührte

Es fühlt sich an, als sei man ein Eindringling. Betritt man Tracey Emins gigantische Retrospektive in der Tate Modern, ist das in etwa so, als platze man in eine private Szene hinein, die unendlich schmerzhaft ist. Es ist nicht einfach, diesen Effekt in den weiten Räumen der wichtigsten britischen Institution für zeitgenössische Kunst zu erzeugen. Aber genau das macht Tracey – sie Emin zu nennen, würde sich ob der Vertrautheit, die sie erzeugt, falsch anfühlen – zu einer so besonderen, bedeutenden Künstlerin, die für eine ganze Ära steht.

Sie ist Großbritanniens prominenteste Künstlerin, eine Ikone. Sie hat eine Generation geprägt, eine Nation geschockt und verändert, was Kunst sein kann. Seit den frühen 1990ern macht sie Kunst, die so unmittelbar ist, so emotional, so aufrichtig, dass sie einen zwingt, zu fühlen, was sie selbst fühlt.

Tracey Emin steht für die Erfolge und Exzesse der 90er – hier geht es um etwas anderes

Tracey symbolisiert die Hochzeit der 1990er, den Sex der 90er, ihre Drogen und den Alk, ihre Erfolge und Exzesse. Aber darum geht es in dieser Ausstellung nicht. Sie handelt davon, wie Tracey ihr Leben bloßgelegt und sich nackt gemacht hat – und uns alle in diesem Prozess dazu drängte, uns mit unseren eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

Und so ist diese Werkschau keine große Feier ihrer Arbeiten zwischen weißen Wänden. Sie ist intimer, dunkler und klaustrophobisch. In ihrem erschütternden Film Why I Never Became a Dancer von 1995 erzählt Tracey davon, wie sie mit 13 die Schule abbrach, Sex mit älteren Männern hatte, die sie erniedrigten und missbrauchten, wie ihr auf den Straßen von Margate die Jungs „Schlampe“ nachriefen. Am Ende aber verwandelt sie all diesen Schmerz in etwas Heiteres: „Shane, Eddie, Tony, Doug, Richard, das hier ist für euch“, sagt sie und tanzt zu Sylvesters Discohymne You Make Me Feel (Mighty Real). Sie lebt, sie fühlt, sie liebt und sie leidet – und dann verwandelt sie das Ganze in Kunst.

Es ist eine einfache Gleichung und sie wiederholt sich so oft in Variationen im Verlauf ihrer Karriere. Sie verarbeitet Herabwürdigungen zu Quilts, Leid zu Bildern, Schimpfworte, mit denen ihre Mutter bedacht wurde – da sie einen Türken aus Zypern heiratete – in Poesie.

Emins ikonisches Werk „My Bed“ ist natürlich auch dabei

Eine Abtreibung, die sie in den frühen 1990ern vornahm, wirft lange Schatten. In einem Film spricht die Künstlerin über die Qualen, die sie erlitt, und wie sie von anderen danach behandelt wurde. Im nächsten Raum ist ein Regal, in dem sich ihr Krankenhausarmband und eine Flasche mit Schmerzmittel befinden. Daneben stehen Kinderschuhe. Es ist beinahe zu viel, zu qualvoll.

Die Abtreibung aber war ihr „emotionaler Selbstmord“, ein seismischer Moment, der alles veränderte. Sie zerstörte alle ihre Bilder von der Kunsthochschule, schloss sich dreieinhalb Wochen lang in einem Atelier ein und begann ganz von vorn. Dieses Atelier wurde in der Tate Modern jetzt nachgebildet, vollgekritzelte Bilder, leere Bierdosen und dreckige Wäsche bedecken alles im Raum.

My Bed (1998) ist auch dabei, wie könnte es anders sein? Aber obwohl dieses ungemachte Bett so ikonisch ist, wirkt es nicht monumental, oder bombastisch, oder wie ein Werk, das jahrzehntelang den populären Diskurs über zeitgenössische Kunst dominierte. Es fühlt sich einfach so an, als bekäme man Zutritt zu einem weiteren privaten Moment des Schmerzes. Es sollte nie Schlagzeilen machen oder die Welt verändern, es war einfach die Wahrheit – die Realität einer Person, die ihr Leben lebte.

Tracey Emin setzt keinerlei Grenzen

Dieses Leben zu leben, ist härter geworden. Vor nicht allzu langer Zeit wurde Blasenkrebs bei ihr diagnostiziert und ein langer dunkler Gang zeigt Fotos ihres blutenden Stomas. Tracey setzt keine Grenzen, egal was, man bekommt es hier. Dass sie den Krebs überlebt hat, darauf verweist der Untertitel der Ausstellung: A Second Life, eine Wiedergeburt.

Ihre Quilts, Filme und Installationen sind die bekanntesten Werke in dieser Ausstellung, aber es sind auch jede Menge Gemälde zu sehen. Grobe, chaotische Selbstporträts in Schwarz, Rot und Grau – gespreizte Gliedmaßen, ihr Körper blutet, sie liegt zerstört im Bett oder steht zerbrechlich und wie ein Gespenst kurz vor dem Kollabieren. Viele dieser Bilder sind mit tagebuchähnlichen Sentenzen bedeckt. Nicht alle sind überragend, aber sie berühren.

Wirklich nicht besonders gut sind ihre Skulpturen. Ihre Bronzen wirken wie Fäkalien, die im Museum verteilt wurden. Und auf den Anblick ihrer Neonröhren könnte ich für den Rest meines Lebens gut verzichten, sie sehen aus, wie für die Lobbys der schlechtesten Hotels dieser Erde gemacht.

Pure, unverblümte, nackte Liebe

Davon abgesehen ist es eine Ausstellung, die mich teilweise am Boden zerstört zurückließ. Das Bild, auf dem sie die Asche ihrer Mutter trägt, haute mich um und führte dazu, dass ich meine eigene Mutter vermisste, die kurz vor der Pandemie verstarb. Ich war in Tränen aufgelöst. Es muss erschöpfend sein, Tracey zu sein. Ich könnte nicht ständig so intensiv fühlen.

Gehen Sie also nicht in diese Retrospektive mit der Erwartung, dass Sie eine gute Zeit haben werden – das ist nicht, was Sie kriegen. Aber wenn Sie auf der Suche nach purer, unverblümter, unverfälschter, nackter Liebe, Trauer, Traurigkeit und nacktem Schmerz hierherkommen, dann werden Sie am Ende mehr fühlen, als Sie wahrscheinlich seit Jahren gefühlt haben.

Tracey Emin. A Second Life Tate Modern, London, bis 31. August 2026 Eddy Frankel schreibt als Kunstkritiker für den Guardian

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