Retail Design: „KI kann zur Apokalypse für kreative, lebendige Handelsflächen führen“

Sie haben vorhin schon Technik auf der Fläche angesprochen. Auf der Euroshop gibt es immer wieder neue digitale Elemente, von denen einige schnell wieder verschwinden. Welche Technologien und Ansätze erscheinen Ihnen aktuell besonders wegweisend?
Ein zentraler Trend ist Immersion. Digitale Elemente verschwinden zunehmend in die Umgebung, statt als separate Screens oder Displays zu erscheinen. Ziel ist, dass Kundinnen und Kunden gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, wo Technik beginnt und wo das Retail-Design aufhört. Das schafft ein nahtloses Erlebnis und verlangt neue Kooperationen zwischen Architekt:innen, Designer:innen und digitalen Agenturen.

Die Herausforderung liegt darin, Technologie so zu integrieren, dass sie nicht störend wirkt. Niemand möchte beim Einkaufen auf fremde Bildschirme starren oder unnatürliche Elemente in der Umgebung haben – ähnlich wie viele Menschen inzwischen auch zuhause Distanz zu klassischen Fernsehern suchen. Stattdessen geht es um Projektionen, integrierte Licht- und Medienelemente und digitale Features, die sich organisch in den Raum einfügen. Immersive Ansätze, die subtil, flexibel und kontextsensitiv sind, gelten aktuell als die zukunftsweisende Richtung im Retail Design.

Künstliche Intelligenz hat seit der letzten Euroshop nochmal deutlich an Fahrt aufgenommen. Wird KI schon aktiv im Retail Design und bei der Gestaltung von Stores eingesetzt?
Ja, und wir gehen damit sehr offen um. KI ersetzt dabei aber nicht den Menschen – sie ist ein Werkzeug im Gestaltungsprozess, das punktuell eingesetzt wird. Studierende oder Designer nutzen KI vor allem für Recherche, Benchmarking und erste Ideenfindung. So lassen sich Trends deutlich schneller sammeln, frühere aufwendige Recherchen oder Reisen zu Inspirationsquellen werden effizienter.

Wichtig ist dabei, die KI bewusst zu steuern: Sie liefert Input, Inspiration und Daten, aber der kreative, strategische Prozess bleibt menschlich. Die größte Herausforderung besteht darin, Designer nicht zu lange im ‚KI-Kosmos‘ zu lassen, sondern sie früh wieder auf den realen Gestaltungsprozess zurückzuführen. So wird KI zu einem Hilfsmittel, das die kreative Arbeit beschleunigt, aber nicht ersetzt, und gleichzeitig den Blick auf die konkrete Umsetzung, den Menschen und das Kundenerlebnis im Store schärft.

Und lässt sich bereits erkennen, dass der Einsatz von KI die Gestaltung von Stores nachhaltig verändert?
Wenn KI unkontrolliert eingesetzt wird, besteht tatsächlich die Gefahr, dass Gestaltung sehr einheitlich und standardisiert wird. Ich beobachte das kritisch, weil wir sonst schnell in eine neue ’90er-Jahre-Situation‘ geraten könnten: Damals wurden einmal entwickelte Konzepte großflächig ausgerollt, ohne sie weiterzuentwickeln. KI bietet die Möglichkeit, Entwürfe extrem schnell zu replizieren, was praktisch ist – birgt aber das Risiko, dass wir Einheitslösungen schaffen, die weder spannend noch individuell sind.

Die Herausforderung liegt daher darin, KI als Werkzeug zu nutzen, nicht als Schöpfer. Menschen müssen den kreativen Prozess steuern, interpretieren und reflektieren. Nur so bleibt Gestaltung lebendig, inspirierend und lokal relevant. Uniformität, so zeigt die Erfahrung, wollen Kundinnen und Kunden nicht – wir müssen also darauf achten, dass Technik die kreative Vielfalt unterstützt, statt sie zu ersetzen.

Sie sprechen von einer möglichen Gleichförmigkeit im Design – sehen Sie hier tatsächlich eine Gefahr für die Zukunft des Retail Designs?
Ja, absolut. Wenn wir KI unreflektiert arbeiten lassen, droht eine neue Uniformität. Das wäre problematisch, weil Menschen gerade das Individuelle, Lokale und Besondere schätzen – vergleichbar mit dem Trend im Tourismus, wo Massentourismus heute immer stärker durch kulturell vielfältige und authentische Erlebnisse ersetzt wird. Retail Design muss also Vielfalt und Kreativität fördern. KI kann inspirieren und Prozesse beschleunigen, darf aber nicht über den kreativen Prozess herrschen. Sonst laufen wir Gefahr, dass Stores austauschbar werden und Kundinnen und Kunden die emotionale Bindung verlieren – eine Art ‚Apokalypse‘ für kreative und lebendige Handelsflächen.

Sie haben eben das Thema Reisen erwähnt. Gibt es aktuell bestimmte Orte oder Regionen, die besonders inspirierend sind oder wo ‚es brodelt‘ im Sinne von Trends und Ideen?
Ich selbst entdecke gerade wieder verstärkt lokale und europäische Regionen neu. Besonders spannend sind für mich die Nordics – etwa Kopenhagen in Dänemark oder Teile Finnlands –, aber auch osteuropäische Länder bieten interessante Facetten. Natürlich bleiben Länder wie Japan oder Südkorea inspirierend, aber ich fokussiere mich zunehmend auf Regionen statt Metropolen. Gerade ländliche oder weniger bekannte Gegenden sind überraschend kreativ und zeigen oft neue Ideen, die auch für Retail- und Store-Design relevant sein können. Die Vielfalt dieser Orte eröffnet neue Perspektiven, die sich von den typischen urbanen Trendzentren abheben.

Sie haben zuvor Asien als Inspirationsquelle genannt. Gibt es dabei Herausforderungen, die Ideen für unsere Gesellschaft oder Retail-Konzepte adaptierbar zu machen?
Absolut. Viele Entwicklungen in Asien sind faszinierend, lassen sich aber nicht eins zu eins auf unsere Märkte übertragen. Ich selbst habe dort jahrelang intensiv gearbeitet – in China, Russland und Japan – und weiß, wie wertvoll diese Erfahrungen sind. Gleichzeitig entdecke ich aktuell Europa neu, insbesondere weniger bekannte Regionen. Italien ist dafür ein gutes Beispiel: Abseits von Rom und Mailand bieten Regionen wie Umbrien oder die Toskana unglaublich hochwertiges Handwerk, spannende Materialien und lokale Besonderheiten. Diese Facetten werden oft übersehen, bieten aber enorme Inspirationspotenziale für Retail Design und Markeninszenierung. Es lohnt sich, die Vielfalt der Regionen wirklich zu erkunden, statt nur die großen Metropolen im Blick zu haben.

Die Euroshop ist ja quasi die ganze Welt des Handels an einem Ort gebündelt. Welche Bereiche oder Stände sollte man Ihrer Meinung nach unbedingt besuchen, um die wichtigsten Trends zu sehen?
Ein absoluter Pflichtbesuch ist für mich die Designers Stage, die unsere Studierenden entworfen haben. Sie nennen sie ‚Retail Uncovered‘ und haben dort Expert:innen eingeladen, die aktuelle Fragen und Trends im Retail diskutieren – oft auf sehr innovative und inspirierende Weise. Darüber hinaus lohnt sich ein Besuch bei den Ladenbauern in Halle 12 mehr denn je. Sie beschäftigen sich intensiv mit den Herausforderungen des Handels – von modularen Strukturen über Nachhaltigkeit bis hin zu technologischen Innovationen. Aber auch in Halle 4 sind einige spannende Unternehmen für den Fashion Retail zu finden, wie z.B. First Impression, die bereits innovative Konzepte für große Modehandelsunternehmen entwickelt haben. Insgesamt ist es diese Kombination aus Innovationen, experimentellen Konzepten und praktischer Umsetzung, die den Besuch besonders lohnenswert macht.

Was müssen denn Studierende mitbringen, die bei Ihnen an der Hochschule Retail Design oder verwandte Bereiche studieren und später in der Branche arbeiten möchten?
Vor allem Mut und Haltung. Wir stehen aktuell an einem Wendepunkt: KI, neue Technologien und sich schnell verändernde Handelskonzepte erfordern, dass junge Gestalter:innen bereit sind, neu zu denken und anders zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um handwerkliche Fertigkeiten, sondern um die Frage: Wer bin ich, wofür stehe ich, welche Gestaltungshaltung bringe ich mit? In unseren Eignungsprüfungen bewerten wir daher mehr denn je Persönlichkeit, Mut und die Fähigkeit, innovative Antworten auf komplexe Fragestellungen zu entwickeln. Studierende sollen Perspektiven aufzeigen, die Marken und Retailer inspirieren, selbst neue Wege zu gehen. Fertigkeiten bleiben wichtig, aber entscheidend ist, dass sie Gestaltungsvision, kritisches Denken und kreative Courage mitbringen – genau diese Kombination wird heute in der Branche dringend gebraucht.

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